Wie ist es im original?

Rilkes Roman.

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arisolon
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Wie ist es im original?

Beitrag von arisolon » 9. Dez 2008, 19:33

Toi seule, tu fais partie de ma solitude pure.
Tu te transformes en tout: tu es ce murmure
ou ce parfum aérien.
Entre mes bras: quel abîme qui s'abreuve de pertes.
Ils ne t'ont point retenue, et c'est grâce à cela, certes,
qu'à jamais je te tiens.

stilz
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Re: Wie ist es im original?

Beitrag von stilz » 9. Dez 2008, 23:11

Hallo, arisolon,

im Original lautet das Lied:

  • Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht
    weinend liege,
    deren Wesen mich müde macht
    wie eine Wiege.
    Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
    meinetwillen:
    wie, wenn wir diese Pracht
    ohne zu stillen
    in uns ertrügen?
    - - - - -
    Sieh dir die Liebenden an,
    wenn erst das Bekennen begann,
    wie bald sie lügen.
    - - - - -
    Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
    Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
    oder es ist ein Duft ohne Rest.
    Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
    du nur, du wirst immer wieder geboren:
    weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.


    Aus den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Den Ausschnitt, um den es Dir geht, habe ich fett geschrieben.

Noch zu "Toi seule, tu fais partie de ma solitude pure." - das finde ich persönlich nicht richtig übersetzt. Ich glaube nicht, daß "allein" hier mit "einsam" gleichzusetzen ist.

Lieben Gruß!

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

gliwi
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Re: Wie ist es im original?

Beitrag von gliwi » 10. Dez 2008, 17:32

Hallo stilz,
es ist eben hier der ewige Zwiespalt beim Gedichte-Übersetzen zugunsten der Form entschieden worden. Da müssen wir beim Inhalt Abstriche hinnehmen. Der Gedanke des Immer-wieder-geboren-Werdens fällt ja auch flach. Eine Frage: Wer ist hier "Du"?
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

stilz
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Re: Wie ist es im original?

Beitrag von stilz » 10. Dez 2008, 22:12

Najaaaaa - ich tu mir halt schwer, etwas eine "Übersetzung" nennen zu sollen, wenn der Inhalt nicht stimmt, nichtmal "nachempfunden" ist...

Liebe gliwi,

Du fragst nach dem "Du".
Es ist einige Zeit her, daß ich den "Malte" gelesen habe. Aber ich erinnere mich, daß ich schwankte: bedeutet das "Du" für Abelone, in dem Moment, da sie es singt, den "Einen", den sie liebte "auch damals, den du nie vergessen hast, Liebende" (37. Aufzeichnung), oder ist es Malte selbst, der, als sie es singt, im Saal steht, der sie zwar der vielen Leute wegen nicht sehen kann, aber er hört ihre Stimme... Malte, dem sie kurz zuvor "meine Wange entlang" gesagt hat: "Ich will wirklich singen... nicht weil sie's verlangen, nicht zum Schein: weil ich jetzt singen muß." (69. Aufzeichnung) ?
Ja - mir ist bewußt, daß das "Du" im "Lied" weiblich ist. Dennoch kann das für die Sängerin im Augenblick des Singens ganz unerheblich sein...
Allerdings wäre es wohl auch denkbar, daß Abelone dem Klang zu verleihen versucht, was (ihrer Vorstellung nach) in Malte vorgeht...

Losgelöst aus dem Kontext des Romans halte ich das "Du" im "Lied" für das geliebte Gegenüber, mit dem man Zwiesprache hält, jederzeit, jenseits von Zeit und Raum...
Ich lese gerade Viktor Frankls "...trotzdem Ja zum Leben sagen" - da spricht er von seinen inneren Zwiegesprächen mit seiner Frau, von der "Seligkeit" [sic!] dieser Zwiesprache... und dann schreibt er:

  • Da fällt mir etwas auf: Ich weiß ja gar nicht, ob meine Frau noch lebt! Da weiß ich eines - jetzt habe ich es gelernt: so wenig meint Liebe die körperliche Existenz eines Menschen, so sehr meint sie zutiefst das geistige Wesen des geliebten Menschen, sein "So-sein" (wie es die Philosophen nennen), daß sein "Dasein", sein Hier-bei-mir-sein, ja seine körperliche Existenz überhaupt, sein Am-Leben-sein, irgendwie gar nicht mehr zur Diskussion steht. Ob der geliebte Mensch lebt oder nicht: ich weiß es nicht, ich kann es nicht wissen ... - irgendwie brauche ich es jetzt gar nicht zu wissen: meiner Liebe, dem liebenden Gedenken, der liebenden Schau seiner geistigen Gestalt, kann das alles nichts mehr anhaben. ... So weiß ich in diesem Augenblick um die Wahrheit: "Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz... Denn Liebe ist stark wie der Tod." (Das Hohelied, VIII, 6.)

Für Viktor Frankl wurde dieses Wesen der Liebe zur Gewißheit unter den kaum vorstellbaren Bedingungen im Konzentrationslager, die zitierte Passage steht unter dem Titel "Wenn einem nichts mehr bleibt".

Ich glaube, daß Rilke Abelone die Vision einer solchen von allen äußeren Umständen unbeirrten "liebenden Schau der geistigen Gestalt" besingen läßt. Und solcher "Unbeirrtheit" kann Rilke/das lyrische Ich/Abelone/Malte (nur???) durch freiwilligen Verzicht auf jede Erfüllung ganz sicher sein:

  • ...
    wie, wenn wir diese Pracht
    ohne zu stillen
    in uns ertrügen?
    ...
    weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

Lieben Gruß

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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