Gott und Malte

Rilkes Roman.

Moderatoren: Thilo, stilz

Antworten
Arosa
Beiträge: 8
Registriert: 4. Feb 2009, 21:56

Gott und Malte

Beitrag von Arosa » 4. Feb 2009, 22:15

Hallo,

wie entdeckt Malte Gott ? welches Gottesverständnis hat er ? wo findet er ihn ? oder stellt er ihn nur in Frage ?

Arosa :)
Ist es möglich, daß alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es möglich, daß alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; daß ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer -?

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: Gott und Malte

Beitrag von lilaloufan » 7. Feb 2009, 20:20

Hallo Arosa,

(und danke für Deinen guten Wunsch zu etwas doch ganz Vorübergehendem :-)!)

Deine Fragen kann ich nicht beantworten, aber mir scheint, im 14. Kapitel, gleich zwei Absätze nach den Worten, die Du als Deine Signatur gewählt hast, liegt ein Schlüssel:
  • «Ist es möglich, dass es Leute giebt, welche ›Gott‹ sagen und meinen, das wäre etwas Gemeinsames? - Und sieh nur zwei Schulkinder: Es kauft sich der eine ein Messer, und sein Nachbar kauft sich ein ganz gleiches am selben Tag. Und sie zeigen einander nach einer Woche die beiden Messer, und es ergiebt sich, daß sie sich nur noch ganz entfernt ähnlich sehen, - so verschieden haben sie sich in verschiedenen Händen entwickelt. (Ja, sagt des einen Mutter dazu: wenn ihr auch gleich immer alles abnutzen müsst. -) Ach so: Ist es möglich, zu glauben, man könne einen Gott haben, ohne ihn zu gebrauchen?
    Ja, es ist möglich.
    Wenn aber dieses alles möglich ist, auch nur einen Schein von Möglichkeit hat, - dann muss ja, um alles in der Welt, etwas geschehen. Der Nächstbeste, der, welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt hat, muss anfangen, etwas von dem Versäumten zu tun; wenn es auch nur irgend einer ist, durchaus nicht der Geeignetste: es ist eben kein anderer da. Dieser junge, belanglose Ausländer, Brigge, wird sich fünf Treppen hoch hinsetzen müssen und schreiben, Tag und Nacht. Ja er wird schreiben müssen, das wird das Ende sein.
    »
Malte wetzt seinen Möglichkeitssinn [Diesen wunderbaren Begriff habe ich aus Musils «Mann ohne Eigenschaften».] an Gottesauffassung, an Glaubensannahmen über Gott. Und er fügt gleichnishaft (Sieh’!) ein, wie verschieden ein Ding sich „in verschiedenen Händen entwickelt“. Also - es ist zwar möglich, dass Leute von einem Gott ausgehen, der sich nicht entwickele, aber dann, wenn dieses „möglich ist, auch nur einen Schein von Möglichkeit hat, - dann muss ja, um alles in der Welt, etwas geschehen. Der Nächstbeste, der, welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt hat, muss anfangen, etwas von dem Versäumten zu tun.“ Nämlich Malte, er wird „schreiben, Tag und Nacht. Ja er wird schreiben müssen“, wie Johannes auf Patmos.

Heißt das nicht, Malte hat entdeckt, wie irrig jede Anschauung von einem sich nicht entwickelnden Gott wäre, wenn man sie dächte. Oder, positiv gewendet, Maltes Gott ist ein sich entwickelnder? Der Logos?

Gruß,
Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Arosa
Beiträge: 8
Registriert: 4. Feb 2009, 21:56

Re: Gott und Malte

Beitrag von Arosa » 16. Feb 2009, 19:44

Hallo Christoph,

das ist eine interessante Idee, was Du schreibst. Sag, meinst Du, es ist gemeint, Gott entwickle sich oder ist es die Beziehung des Menschen zu Gott, wodurch sich auch das Gottesverständnis , die Sicht auf Gott verändern würde ? Warum sollte sich Gott (für Malte) gerade dadurch entwickeln, dass geschrieben wird , bis zum Ende ? Gäbe es da nicht Sinn-Volleres zu tun ? Letzteres ist aber meine ganz persönliche Meinung.

Arosa :)
Ist es möglich, daß alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es möglich, daß alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; daß ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer -?

stilz
Beiträge: 1154
Registriert: 26. Okt 2004, 10:25
Wohnort: Klosterneuburg

Re: Gott und Malte

Beitrag von stilz » 17. Feb 2009, 15:31

Liebe Arosa,

ich will versuchen, zu vermitteln, wie ich den "Malte" verstehe:

Zuerst möchte ich auf den Anfang der Passage eingehen, die Christoph zitiert hat:
  • Ist es möglich, daß es Leute giebt, welche ›Gott‹ sagen und meinen, das wäre etwas Gemeinsames?
Dazu fällt mir dieses Gedicht aus dem "Stunden-Buch" ein:
  • Mit einem Ast, der jenem niemals glich,
    wird Gott, der Baum, auch einmal sommerlich
    verkündend werden und aus Reife rauschen;
    in einem Lande, wo die Menschen lauschen,
    wo jeder ähnlich einsam ist wie ich.

    Denn nur dem Einsamen wird offenbart,
    und vielen Einsamen der gleichen Art
    wird mehr gegeben als dem schmalen Einen.
    Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen,
    bis sie erkennen, nah am Weinen,
    daß durch ihr meilenweites Meinen,
    durch ihr Vernehmen und Verneinen,
    verschieden nur in hundert Seinen
    ein Gott wie eine Welle geht.


    Das ist das endlichste Gebet,
    das dann die Sehenden sich sagen:
    Die Wurzel Gott hat Frucht getragen,
    geht hin, die Glocken zu zerschlagen;
    wir kommen zu den stillern Tagen,
    in denen reif die Stunde steht.
    Die Wurzel Gott hat Frucht getragen.
    Seid ernst und seht.

    [Hervorhebungen stilz]
Gott als "etwas Gemeinsames" - das gibt es also nicht als etwas Gegebenes, das wir irgendwo in einer Ecke liegen lassen können, ohne es zu "gebrauchen". Sondern das ist etwas, das entwickelt werden muß. Ich sage nicht "das sich entwickelt" - denn das würde bedeuten, daß wir unsere Hände in den Schoß legen und diese Entwicklung einfach abwarten könnten.
So ist es aber nicht. Wir selber haben mitzuwirken an der Entwicklung Gottes. Indem jeder einzelne "Einsame" den Gott, der ihm erschienen ist, "gebraucht". Sonst verrostet die Klinge des Messers und wird unbrauchbar...

Ich denke dabei auch an Rilkes Schrift "Zur Melodie der Dinge", die ich leider nicht im Gesamten kenne, aber RilkeFreundin hat hier vor längerer Zeit ein paar Stellen daraus zitiert, unter anderem diese hier:
  • Es ist eine sorglose Sicherheit in der einfachen Überzeugung, Teil einer Melodie zu sein, also einen bestimmten Raum zu Recht zu besitzen und eine bestimmte Pflicht an einem breiten Werke zu haben, in dem der Geringste ebenso viel wertet wie der Größte. Nicht überzählig zu sein ist die erste Bedingung der bewußten und ruhigen Entfaltung.
Also diesen "Teil einer Melodie" zu besitzen, ist nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht. Und wenn nicht jeder einzelne Musiker das Seine dazu tut, kann die gesamte Melodie, Gott, "verschieden nur in hundert Seinen", nicht erklingen...
  • ... Ach so: Ist es möglich, zu glauben, man könne einen Gott haben, ohne ihn zu gebrauchen?
    Ja, es ist möglich.
    Wenn aber dieses alles möglich ist, auch nur einen Schein von Möglichkeit hat, - dann muß ja, um alles in der Welt, etwas geschehen. ...
Arosa hat geschrieben: Warum sollte sich Gott (für Malte) gerade dadurch entwickeln, dass geschrieben wird , bis zum Ende ? Gäbe es da nicht Sinn-Volleres zu tun ?
Um in dem Gottesbild zu bleiben, daß sich in diesen Zeilen ausdrückt:
  • ... verschieden nur in hundert Seinen
    ein Gott wie eine Welle geht.
Die "Welle" Gott ist angewiesen darauf, daß jeder einzelne "Wassertropfen" gerade das tut, was für ihn (und nicht etwa für den Nachbartropfen) "sinn-voll" ist. Für Malte ist es das Schreiben.

Hier liegt sein Auftrag. Denn er hat etwas erkannt, etwas Ungeheuerliches, sodaß er nun seinen "Möglichkeitssinn wetzen" (danke, Christoph :wink: ) muß, nach beiden Seiten sozusagen, einerseits: ist es möglich, daß alles, wovon bisher gesagt und geschrieben worden ist, auch eine andere Seite hat und "umgestülpt" werden kann, sodaß diese "andere Seite" das erste ist, was man sieht? Und auch: wenn es diese "andere Seite" gibt: ist es möglich, daß sie bisher nicht erkannt und aufgeschrieben wurde?

Nochmal aus der 14. Aufzeichnung:
  • Ist es möglich, denkt es, daß man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, daß man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel?
    Ja, es ist möglich.
    Ist es möglich, daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht, wie die Salonmöbel in den Sommerferien?
    Ja, es ist möglich.
    Ist es möglich, daß die ganze Weltgeschichte mißverstanden worden ist? Ist es möglich, daß die Vergangenheit falsch ist, weil man immer von ihren Massen gesprochen hat, gerade, als ob man von einem Zusammenlauf vieler Menschen erzählte, statt von dem Einen zu sagen, um den sie herumstanden, weil er fremd war und starb?
    Ja, es ist möglich.
Deshalb wird dieser "junge, belanglose Ausländer, Brigge, ... sich fünf Treppen hoch hinsetzen müssen und schreiben...das wird das Ende sein."

Dieses Ende - ist es nicht gleichzeitig auch ein Anfang?

Lieben Gruß

Ingrid

P.S.: Ich freu mich sehr über Deinen Vortrag, und ganz besonders darüber, daß die Teilnehmer nun selber zum Übersetzen aufgerufen sind! :D
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

stilz
Beiträge: 1154
Registriert: 26. Okt 2004, 10:25
Wohnort: Klosterneuburg

Re: Gott und Malte

Beitrag von stilz » 24. Feb 2009, 13:02

Vor kurzem bin ich auf zwei Briefe gestoßen - Rilke schreibt an seinen "Nachbarn" (der zweite Brief schließt "mit nachbarlichen Grüßen") in Schloß Berg am Irchel, den Pfarrer Rudolf Zimmermann.

Im ersten Brief (25.Januar 1921, der ganze Brief findet sich auch hier) ist von den "Geschichten vom lieben Gott" die Rede, Rilke spricht vom "instinktiven Diktat" und sagt über seinen damaligen "Instinkt": "...sollte ich ihn näher bezeichnen, so möchte ich ihn beschäftigt erkennen, Gott aus der Gerücht-Sphäre in das Gebiet unmittelbarer und täglicher Erlebbarkeit zu versetzen; eine naive und lebhafte In-Gebrauchnahme Gottes, wie sie mir seit meiner Kindheit aufgegeben schien, mit allen Mitteln anzuraten: dies möchte etwa ... die unbewußte Absicht gewesen sein, aus der die Reihe jener Geschichten hervorging. Die Abgetrenntheit, die endgültige Jenseitigkeit Gottes erstaunte und beunruhigte mich, seit ich ein Kind war, in so hohem Grade, daß mir durch gewisse Jahre hin alle Erfindungen meiner Produktion recht sein mußten, die die Richtung zu Gott, sei es von welcher Stelle immer aus, durchschlugen und nichts beabsichtigten als irgendwie, von jeder Situation her, bei ihm anzukommen: zu so entschiedenem Zweck mußte mir, da er aus der erlebtesten Not hervortrieb, am Ende auch jede Übertreibung recht sein."

Im zweiten Brief, vom 3. Februar 1921 - Zimmermann hatte Rilke darum gebeten, ihm das Buch zu nennen, das er für sein "wohlgelungenstes" hielte - schreibt Rilke:
"Waren schon die 'Geschichten vom lieben Gott' gewissermaßen ein Entwurf persönlicher Frömmigkeit, so ist das 'Stundenbuch' in noch viel leidenschaftlicherem Grade ein Versuch, die unmittelbarste Gottesbeziehung herzustellen, ja sie, aller Überlieferung zum Trotz, dem Augenblick abzuringen."
Und etwas später (und deshalb habe ich mich nun doch entschlossen, das alles in diesem "thread" hier zu "posten"):
"Um aber Ihrem Wunsche genauer zu entsprechen, übergebe ich Ihnen gleichzeitig noch ein anderes Buch, das ich Sie bitten möchte (wenn dergleichen angeht), überhaupt nicht vom Standpunkt Ihres Berufes aus durchzusehen. Diese 'Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge' enthalten eine an der Figur eines jungen Dänen (also an einer durchaus erfundenen Gestalt) aufgewiesene Abrechnung mit den eigentlichen Unlösbarkeiten des inneren Daseins: Paris, das die Sichtbarkeit alles Erlebbaren steigert und Himmel und Höllen beschwört, wo ein anderes Milieu nur eben Annehmliches und Lästiges zu bieten hat, - Paris ist der Hintergrund und die Atmosphäre dieser in jedem Augenblick vom eigenen Untergang geprüften Existenz, die mir selbst über das hinaus, was die Aufzeichnungen berichten, innerlich so wahrnehmbar geworden ist, daß ich heute noch ihre weiteren Schicksale, ganz wie die eines Wirklichen, mir einzubilden und zu verfolgen vermag. Auch in diesem Buche wird die "Frömmigkeit" Ihnen unverständlich und, wie ich fürchten muß, zuweilen anstößig sein. Mir bleibt dann freilich nichts übrig, als zu versichern, daß ich - so sehr ich auch über sie hinaus allmählich mich zusammenzufassen hoffe - auch heute noch die Verfassungen dieses vereinsamten jungen Menschen begreife und mit ihnen die ganze vorläufig noch bestehende Hoffnungslosigkeit alles Menschlichen. Nie hat sich die Religion mehr ihrer inneren Demütigkeit begeben, nie ist sie anmaßender geworden, als wo sie meint trösten zu können. Das Einsehen unserer Trostlosigkeit wäre zugleich der Moment, in dem jede eigentliche religiöse Produktivität einsetzen könnte, die allein zwar nicht zum Troste, aber zum redlichen Entbehrenkönnen aller Tröstung führt!"

Gott "in Gebrauch zu nehmen", statt sich von ihm "trösten" zu lassen... so lese ich auch Stellen wie "Ist es möglich, daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist?" - und natürlich vor allem den Schluß der 40. Aufzeichnung: "Wie aber, wenn wir unsere Erfolge verachteten, wie, wenn wir ganz von vorne begännen die Arbeit der Liebe zu lernen, die immer für uns getan worden ist? Wie, wenn wir hingingen und Anfänger würden, nun, da sich vieles verändert."

Liebe Grüße

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Antworten