Rilke und die Frauen

Rilkes Roman.

Moderatoren: Thilo, stilz

Antworten
gliwi
Beiträge: 941
Registriert: 11. Nov 2002, 23:33
Wohnort: Ba-Wü

Rilke und die Frauen

Beitrag von gliwi » 12. Jun 2009, 23:03

Endlich habe ich den Malte gelesen. Es war mühsam für mich. Ich möchte keinen Malte-Liebhaber hier kränken, aber ich finde diese Fin-de-siècle-Manier in Verbindung mit Hypochondrie, Paranoia, Adelsverehrung und Gespenstergeschichten schwer verdaulich.
Doch habe ich einen Abschnitt gefunden, der für mich die ganze Lektüre lohnt. Er resümiert die Schwierigkeiten, die die Geschlechter miteinander haben, in wenigen Worten und steht meilenweit über dem ganzen "Männer-sind -vom -Mars-Frauen-von-der-Venus"-Gerede. Rund 100Jahre ist der Text jetzt alt, aber völlig aktuell. Hätte man ihn damals schon ernst genommen, könnte man heute schon viel weiter sein. Rilke war eben wirklich ein "Frauen-Versteher."
Ich stelle auch den vorangehenden Abschnitt ein, weil er dazugehört.


Das kommt, glaube ich, weil sie müde sind. Sie haben Jahrhunderte lang die ganze Liebe geleistet, sie haben immer den vollen Dialog gespielt, beide Teile. Denn der Mann hat nur nachgesprochen und schlecht. Und hat ihnen das Erlernen schwer gemacht mit seiner Zerstreutheit, mit seiner Nachlässigkeit, mit seiner Eifersucht, die auch eine Art Nachlässigkeit war. Und sie haben trotzdem ausgeharrt Tag und Nacht und haben zugenommen an Liebe und Elend. Und aus ihnen sind, unter dem Druck endloser Nöte, die gewaltigen Liebenden hervorgegangen, die, während sie ihn riefen, den Mann überstanden; die über ihn hinauswuchsen, wenn er nicht wiederkam, wie Gaspara Stampa oder wie die Portugiesin, die nicht abließen, bis ihre Qual umschlug in eine herbe, eisige Herrlichkeit, die nicht mehr zu halten war. Wir wissen von der und der, weil Briefe da sind, die wie durch ein Wunder sich erhielten, oder Bücher mit anklagenden oder klagenden Gedichten, oder Bilder, die uns anschauen in einer Galerie durch ein Weinen durch, das dem Maler gelang, weil er nicht wußte, was es war. Aber es sind ihrer zahllos mehr gewesen; solche, die ihre Briefe verbrannt haben, und andere, die keine Kraft mehr hatten, sie zu schreiben. Greisinnen, die verhärtet waren, mit einem Kern von Köstlichkeit in sich, den sie verbargen. Formlose, stark gewordene Frauen, die, stark geworden aus Erschöpfung, sich ihren Männern ähnlich werden ließen und die doch innen ganz anders waren, dort, wo ihre Liebe gearbeitet hatte, im Dunkel. Gebärende, die nie gebären wollten, und wenn sie endlich starben an der achten Geburt, so hatten sie die Gesten und das Leichte von Mädchen, die sich auf die Liebe freuen. Und die, die blieben neben Tobenden und Trinkern, weil sie das Mittel gefunden hatten, in sich so weit von ihnen zu sein wie nirgend sonst; und kamen sie unter die Leute, so konnten sies nicht verhalten und schimmerten, als gingen sie immer mit Seligen um. Wer kann sagen, wie viele es waren und welche. Es ist, als hätten sie im voraus die Worte vernichtet, mit denen man sie fassen könnte.

Aber nun, da so vieles anders wird, ist es nicht an uns, uns zu verändern? Könnten wir nicht versuchen, uns ein wenig zu entwickeln, und unseren Anteil Arbeit in der Liebe langsam auf uns nehmen nach und nach? Man hat uns alle ihre Mühsal erspart, und so ist sie uns unter die Zerstreuungen geglitten, wie in eines Kindes Spiellade manchmal ein Stück echter Spitze fällt und freut und nicht mehr freut und endlich daliegt unter Zerbrochenem und Auseinandergenommenem, schlechter als alles. Wir sind verdorben vom leichten Genuß wie alle Dilettanten und stehen im Geruch der Meisterschaft. Wie aber, wenn wir unsere Erfolge verachteten, wie, wenn wir ganz von vorne begännen die Arbeit der Liebe zu lernen, die immer für uns getan worden ist? Wie, wenn wir hingingen und Anfänger würden, nun, da sich vieles verändert.
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: Rilke und die Frauen

Beitrag von lilaloufan » 13. Jun 2009, 10:24

Ja!

Liebe Christiane,

heute machst Du mir eine große Freude mit diesem Fundstück (das hier: Posting #8399 im Forum schon einmal zitiert worden ist).

Ich verbinde damit ein Jahre zurückliegendes Lese-Erlebnis, das noch immer in mir nachklingt. Und auch für mich ist diese Stelle Summe und Höhepunkt des Romans.

Dabei kommt sie so unscheinbar daher, dass sie wohl häufig überlesen wird und in ihrer Tiefe nicht bemerkt. Zumal wenn man das Buch ansonsten eher unbeschenkt liest, wie's Dir offenbar gegangen ist.

Wie schön, dass Du uns diese Sätze in einem Eröffnungsbeitrag hervorhebst!

Danke!

Nur möchte ich zur Überschrift fragen: Erweist sich Rilke vielleicht gar als ein Menschen-Versteher? Ein "Da-Seins-Versteher"?

Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Antworten