Über Kommentare zu Rilke auf Rilkes Philosohpie schließen :(

Rilkes Roman.

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outsiderz
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Über Kommentare zu Rilke auf Rilkes Philosohpie schließen :(

Beitrag von outsiderz » 27. Jun 2004, 15:03

Hallo
zuersteinmal vielen dank für diese Seite!
Wir haben vor kurzem im Deutsch-Lk "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" behandelt. Da ich mich total verwählt habe bei meinen Lks und mir keinen Unterkurs in den Lks mehr erlauben darf, muss ich jetzt mit einem Referat mein Abitur retten, oder Müllmann werden :)
Meine Aufgabe lautet:
Anhand von Kommentaren von und zu Rilke/MLB die Philosophie Rilkes herausarbeiten. Ich habe Zeit bis Mittwoch :(
Ich habe mir Kommentare von Käte Homburger, Franz Werfel, Jean Rudolf von Salis und Hans Mayer besorgt.

Käte Homburger schrieb "Das gesamte Oeuvre Rilkes wurzelt in einer philosophischen Fragestellung"
-Was ist mit dem gesamten Oeuvre Rilkes gemeint?
-In welcher philosophischen Fragestellung wurzelt Rilke?

Hans Mayer schrieb "Es (MLB) ist der Versuch den äußersten Subjektivismus einer lyrischen Prosa in den Roman zu bringen"
-Was darf man unter dem äußersten Subjektivismus verstehen?
-Was ist eine lyrische Prosa? Normal gibt es doch nur die Lyrik oder die Prosa?


Das wichtigste, wie darf man die Philosophie Rilkes verstehen?
Ich nehme an, dass es die Realität und das Echte in seinen Roman zu binden. Das würde zumindest die autobiographischen Züge des Romans erklären. Aber wie lässt sich die gesamte Philosohie Rilkes verstehen?

Ich wäre Euch zu ewigem Dank verpflichtet, wenn Ihr mir helfen könntet.
Vielen Dank schonmal

Sebastian

Barbara
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Beitrag von Barbara » 27. Jun 2004, 18:37

Hallo Sebastian,

ich will eine Antwort versuchen:

R.M. Rilkes (philosophisches) Lebensthema war eigentlich - wenn ich es richtig verstehe - die Welt in ihrem Zusammenhang zu erfassen, eine Ganzheitlichkeit zu finden, er nannte es auch Weltinnenraum. Modern könnte man dazu auch Ökologie sagen . Alles in der Welt steht im Zusammenhang miteinander und bedingt sich gegenseitig. Er steht damit auch in einer philosophischen Tradition . Der Künstler hat die Aufgabe, die Welt, die Materie - wobei ich dazu auch die Natur und die Weltabläufe zähle - zu erfassen und zu gestalten, sichtbar zu machen .

Rilke konzipierte den "Malte" als Synthese kurzer gedichtartiger Texte - ähnlich Baudelaires "Petites poemes en prose". Wichtig ist dabei die Thematik des "Sehen-Lernens", des "Sehens" als Erkennen, Wahrnehmen und das - unwillkürliche - "Sich-Erinnern". (Achte einmal im "Malte" auf das Wort "Sehen"!) Dabei ist das Sehen-Lernen weniger von einer objektiven Wirklichkeit , den Dingen, dem Ding gerecht zu werden bestimmt, sondern eher von der existentiellen Notwendigkeit eines umfassenden Daseinsverständnisses, welches die Integration aller äußeren Gegebenheiten, zeitlicher und räumlicher Dimension, mit allen seelischen-geistigen Kräften anstrebt. Dieses versteht Rilke als überindividuellen, exemplarischen Vorgang. Die Vermittlung zwischen Ich und Welt geschieht hier durch Gleichsetzung des Persönlichen mit Allgemeingültigem. Bezug in der Philosophie findet man zb bei Nietzsche: Die Geburt der Tragödie. Die Begegnungen Maltes , oft ohne kausalen, chronologischen, motivischen Zusammenhang , spiegeln Maltes Inneres wieder. Sie treten so auf, wie sie von Malte momentartig wahrgenommen werden. Rilke schreibt dazu am 10.11.1925 an den polnischen Übersetzer Witold Hulewicz: "Im "Malte" kann nicht davon die Rede sein, die vielfältigen Evokationen zu präzisieren und zu verselbstständigen. Der Leser kommuniziere nicht mit ihrer geschichtlichen oder imaginären Realität sondern durch sie, mit Maltes Erlebnis: der sich ja nur mit ihnen einläßt , wie man, auf der Straße , einen Vorübergehenden, wie man einen Nachbarn etwa auf sich wirken läßt. Die Verbindung beruht in dem Umstande, daß die gerade Heraufbeschworenen dieselbe Schwingungszahl der Lebensintensität aufweisen, die eben in Maltes Wesen vibriert...so verlangt es auch den jungen M. L. Brigge das fortwährend ins Unsichtbare sich zurückziehende Leben über Erscheinungen und Bilder sich faßlich zu machen; er findet diese bald in den eigenen Kindheits-Erinnerungen, bald in seiner Pariser Umgebung, bald in den Reminiszenzen seiner Belesenheit. Und es hat alles das, wo es auch erfahren sein mag , dieselbe Wertigkeit für ihn, dieselbe Dauer und Gegenwart.... " (nach: Breuninger, S. 193f.)

Im Sehen - Erkennen - Sagen wird der Zusammenhang deutlich des Subjekts, des Individuums im Weltzusammenhang, dabei aber im Sehen von Dingen, die ihm scheinbar zufällig begegnen . Das Gewicht liegt bei Dingen , die einfach von sich aus Da sind und damit in-sich Wirklich/Wahrhaftig sind. Die Dinge dringen in ihn ein, ohne dass Malte bestimmen könnte, was und wie es in ihn eindringt. Dadurch entsteht auch die besondere Prosa des Romans in der Unverbundenheit, Doppelpunkte... Ich denke dabei auch an andere Großstadtromane wie A. Döblin: Berlin Alexanderplatz oder auch J.Joyce: Ulysees... Malte ist (nur) Durchgang für alles von ihm Wahrgenommene. Er hat keine Heimat . "Ich lerne sehen. Ich weiss nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht dorthin. Ich weiss nicht, was dort geschieht." (R.M. Rilke: "Malte", nach: Breuninger, S. 199).

Beispiele für das Gesagte sind im "Malte" zb in der Episode mit dem blinden Blumenkohlverkäufer, den Bildern der abgelegten Gesichter, des Tod, Kleid, der offenen Hausmauer, dem Sterbenden in der Cremerie sowie dem Erlebnis mit dem Epileptiker.

Malte stellt in den grossen Fragen die Weltgeschichte in Frage und meint, da er dieses als Einziger erkannt habe, die Weltgeschichte zu korrigieren und neu leisten zu müssen. Dieser entgleitende Wirklichkeitsbezug war aber Symptom dieser ganzen Epoche, also eine historische Tatsache, was sich auch in der Philosophie dieser Zeit widerspiegelt (Nietzsche u.a.).

Zum Schluss noch ein Literaturtipp: in Renate Breuningers Buch: Wirklichkeit in der Dichtung Rilkes, Frankfurt a. Main, 1991 findet sich ein grosses Kapitel dazu in Bezug auch auf den "Malte". Darauf beziehen sich auch die Angaben meiner Zitate oben.

Es wäre schön, wenn sich auch andere hier im Forum noch zu dieser Frage äußern würden. Vielleicht können wir eines der genannten Beispiele auch noch etwas genauer ansehen gemeinsam im Gedanken-Austausch?

Und: Sebastian, ich bin noch ziemlich neu in der Beschäftigung mit R.M. Rilke. Es gibt sicher auch die "Experten" hier im Forum ...

Viele Grüße und alles Gute fürs Abi,
Barbara :lol:

Gast

Beitrag von Gast » 28. Jun 2004, 22:25

Hi,
erstmal wollte ich mich bedanken. Vielen vielen Dank, dass du mir so ausführlich geholfen hast!
Ich hoffe, ich kann noch ein paar Verständnissfragen stellen.

Kann man sagen, dass die "philosophische Fragestellung" Rilkes, die in Fragestellung der Weltgeschichte ist? Besser gesagt, er stellt die Art und Weise in Frage, wie die Allgemeinheit die Welt(die Dinge) sieht?

Lyrische Prosa ist bei Rilke, dass sein Roman "MLB" sehr an seine Gedichte erinnert, aber trotzdem ein Roman ist, oder?

Ist der äußerste Subjetivismus, Rilkes Art die Dinge so "real", so an sich, zu sehen?

Hoffentlich lieg ich da nicht ganz daneben, wäre nett, wenn Ihr mir nochmal bei diesen drei Fragen helfen könntet.

Vielen Dank!
Sebastian

Gast

Beitrag von Gast » 29. Jun 2004, 06:58

Hallo Sebastian,

leider habe ich momentan sehr wenig Zeit und bin viel unterwegs... So wird es mit einer Antwort zum Abi (am Mittwoch) leider nichts werden . Vielleicht kann ja jemand anders hier vom Forum schreiben !? Ansonsten würde ich Dir auch später dazu schreiben .

Viele Grüße und alles Gute, Barbara :lol:

Barbara
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Beitrag von Barbara » 1. Jul 2004, 18:33

Hallo Sebastian,

nun endlich habe ich etwas Zeit, Deine Fragen zu beantworten. Hoffentlich ist Deine Abi-Prüfung gut verlaufen? Ich versuche auf Deine Fragen zu antworten.
Allerdings kenne ich die von Dir genannten Aufsätze (noch) nicht...
Kann man sagen, dass die "philosophische Fragestellung" Rilkes, die in Fragestellung der Weltgeschichte ist? Besser gesagt, er stellt die Art und Weise in Frage, wie die Allgemeinheit die Welt(die Dinge) sieht?
Ja, ich meine schon, wobei das zu der Zeit Rilkes nicht nur seine Fragestellung war. Die Moderne dieser Zeit stellte das Weltbild und die bisherige Sichtweise in Frage . In der modernen Kunst waren es die Impressionisten und Expressionisten, wie zb P. Cezanne . In der Musik entstand die atonale Musik (Schönberg...). Gleiches oder zumindest ganz Ähnliches - das Hinterfragen (oder In-Frage-Stellen) der Wirklichkeit - findet man auch in der Philosophie (und eben auch in der Literatur).
Lyrische Prosa ist bei Rilke, dass sein Roman "MLB" sehr an seine Gedichte erinnert, aber trotzdem ein Roman ist, oder?
Es ist die poetische Sprache, die Bilder... zugleich aber wohl auch der spontane Handlungsverlauf. Es fehlt eine Entwicklung - chronologisch...
Ist der äußerste Subjetivismus, Rilkes Art die Dinge so "real", so an sich, zu sehen?
Subjektivismus ist hier wohl auch psychologisch gemeint. Malte nimmt die Dinge so wahr, wie sie ihm speziell in der augenblicklichen Situation begegnen. Rilke beschreibt die Erlebnisse und Dinge im "Malte" nicht objektiv - wie beispielsweise in einem Reiseführer o.ä. - sondern so wie sie Malte wahrnimmt .

Ich hoffe, ich liege da nicht ganz falsch und habe Dir etwas weiterhelfen können!? Ansonsten freue ich mich über Ergänzungen, Kommentare...

Viele Grüße von Barbara :lol:

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