war rilke ein religiöser dichter ?

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

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Mona
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Beitrag von Mona » 11. Nov 2007, 21:26

Hallo,

weiss zufällig jemand, ob Rilke die Bibel gelesen hat ? Ich meine, so richtig studiert hat, regelmäßig darin gelesen hat... ? Ob er eine Hausbibel hatte ?

Mona :lol:
"Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest,... wir aber bewegen uns im unendlichen Raume."(RMR)

Renée
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Rilke alsLeser der Bibel

Beitrag von Renée » 13. Nov 2007, 12:54



Liebe Mona,

Rilke hat immer, wenn er nach Büchern gefragt wurde, die ihm wichtig waren, die Bibel genannt - und in seinem Werk finden sich so viele Stoffe aus der Bibel, sowohl aus dem Alten wie dem Neuen Testament, dass ihm sein Freund und Förderer Karl von der Heydt sogar den Vorschlag gemacht hat, er möchte doch zu Rembrandts Bibel-Bildern eigene Gedichte stellen.

Daraus wurde nun nichts - aber sieh mal die "Neuen Gedichte" durch, denk an das "Marien-Leben" und an viele der späteren Gedichte wie "Emmaus", die "Auferweckung des Lazarus" oder "Der Ölbaumgarten". Allerdings wirst Du finden, dass er die Bibel eher gegen den Strich gelesen hat...

Unter theologischen Gesichtspunkten freilich hat er die Bibel nicht studiert, wenn Du das gemeint haben solltest!

Alles Gute! Renée

gliwi
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Beitrag von gliwi » 13. Nov 2007, 19:03

Zu dieser Frage kann man ganz allgemein sagen, dass so gut wie alle deutschsprachigen DichterInnen gute Bibelkenntnisse hatten/haben und Inspiration aus der Bibel bezogen/beziehen. Brecht wurde mal gefragt, was er denn so immer wieder lese, und er antwortete: "Sie werden lachen: die Bibel." Also von dem Grad der Gläubigkeit ist das nicht abhängig.
Und noch ein kleines protestantisches p.s. an Renée: zum Marienleben findet man nicht viel in der Bibel, das hat andere Überlieferungsstränge.

Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

Mona
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Beitrag von Mona » 15. Nov 2007, 18:30

Hallo,

danke für Eure Antworten. Wisst Ihr zufällig, was für eine Bibel Rilke besaß, wie sie aussah, ob er sie auf seinem Lesepult liegen hatte - vielleicht groß und mit kostbaren Bildern - oder in der Hosentasche mitnehmen konnte, wie alt sie war - vielleicht ein Erbstück, zur Kommunion geschenkt bekommen oder antiquarisch erstanden -, in welcher Sprache und/oder Übersetzung , ob sie einen kostbaren Einband hatte... ? Hat Rilke mit der Bibel gebetet ? Ich glaube, es kann ein Unterschied sein, wie man selbst mit der Bibel lebt und/oder wie man über sie dichtet ?! Was meint Ihr ? Entschuldigt, dass ich so auf diese Frage bestehe. Aber es ist mir sehr wichtig !

Mona :lol:
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Bo
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Beitrag von Bo » 15. Nov 2007, 20:26

Hallo,
Rilke hat einmal die die sog. 'Textbibel' empfohlen. Vermutlich war sie auch in seinem Besitz.
Bo

helle
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Beitrag von helle » 16. Nov 2007, 22:35

Von allen seinen Büchern, schreibt Rilke am 5. April 1903 aus Viareggio an F. K. Kappus, seien ihm nur wenige unentbehrlich, »und zwei sind sogar immer unter meinen Dingen, wo ich auch bin. Sie sind auch hier um mich: die Bibel, und die Bücher des großen dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen«.

Ich schreibe das aus dem Rilke-Handbuch ab, eine Freundin von mir schreibt mit Vorliebe ab, weil sie meint, daß man dabei einiges lernen würde, nur hab ich in meinem Leben schon so viel abgeschrieben, daß mir allmählich Zweifel kommen. Weiter im Text, also im Handbuch, heißt es im Abschnitt »Bibel« des mit dem modischen Plural überschriebenen Kapitels »Kulturräume und Literaturen«:

»R.s Handexemplar der Bibel, gedruckt 1770 in Minden nach der Luther-Übersetzung, befindet sich im Rilke-Archiv Gernsbach. Tatsächlich ist es mit R.s typischen Lesespuren versehen. Die gepreßten Pflanzen und An- sowie Unterstreichungen finden sich [...] hauptsächlich im Alten Testament, und da besonders im Buch der Psalmen. Am 3. 11. 1903 bat R. Lou Andreas-Salomé um Angaben zu ›einer modernen, wissenschaftlich guten deutschen Bibel-Übertragung‹. Die Freundin legte ihm daraufhin postwendend die Übersetzung des Alten Testaments von E. Kautzsch (1896) ans Herz« – und daß Rilke »diese Ausgabe wohl auch öfter herangezogen habe«. Soweit der positivistische Teil der Ausführungen, an die interpretativen Dinge will ich nicht rühren, das wäre abendfüllend, nur mit der wie ich finde erwähnenswerten Ausnahme, daß Rilkes Frömmigkeit und ostentative Demut nicht ethisch, sondern ästhetisch gesehen wird: »nur im Verhältnis zur Dichtung«. Der Bibel bedürfe er als Leser, aber hauptsächlich nutze er sie als »als gewaltiges Stoffreservoir« für sein Werk.

Soweit dies. Zu gliwi will ich noch sagen, die Bemerkung, »dass so gut wie alle deutschsprachigen DichterInnen gute Bibelkenntnisse hatten«, ist mir zu allgemein. Brecht ist gar kein Argument, weil er nicht typisch ist, sondern, wenn man von religiösen Dichtern wie R.A. Schröder oder R. Schneider absieht, neben Gottfried Benn der große Bibel-Kenner im 20. Jahrhundert, und sie wie dieser und wie Rilke vielfach für sein Werk nutzt. Und wie Benn, aber anders als Rilke, der sich ja so gern hingekniet hat, mit größeren Reserven gegenüber der Demut.

Jedem das seine.
h.

.Sabine.
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Der Brief des jungen Arbeiters

Beitrag von .Sabine. » 17. Dez 2007, 20:19

Hallo,

ich habe gerade zufällig Rilkes "Der Brief des jungen Arbeiters" entdeckt. Viele Aussagen scheinen mir zu Rilkes Religiosität (nach dem Stundenbuch) zu passen. Was meint Ihr: ist Rilke hier selbst der junge Arbeiter ? Warum schreibt er an Verhaeren ?

Sabine :lol:
"Ich lerne sehen.... " (Rainer Maria Rilke)

Magda
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Re: war rilke ein religiöser dichter ?

Beitrag von Magda » 2. Dez 2008, 16:56

Hallo,
ich bin Magda und ich komme aus Polen. Ich interessiere mich fur Rilke Gedichte. Ich schreibe jetzt eine Magisterarbeit und ich brauche einige Informationen. Konnten Sie mir sagen, warum Rilke sich so fur Marien Leben interessierte?

Danke fur deine Antworten
Magda

helle
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Re: war rilke ein religiöser dichter ?

Beitrag von helle » 7. Dez 2008, 17:39

Hallo Magda,

schade, daß noch niemand auf Deine Frage geantwortet hat. In der Vorweihnachtszeit haben alle Leute so wenig Zeit, obwohl es gerade anders sein und man mehr zur Bessinnung kommen sollte. Geht mir aber auch so, ich habe augenblicklich wenig Zeit, nicht genug jedenfalls bzw. nicht genügend Kenntnis, um etwas Vernünftiges zu Deiner Frage sagen zu können. Nur soviel: ein religiöses Interesse RIlkes zeigt sich von Anfang an in seiner Dichtung. Das hängt mit seiner Zeit, seiner Umgebung, seiner Erziehung und seiner Individualität zusammen. Er war ein religiös gestimmter Dichter. Hinzu kommt das Interesse an weiblichen Gestalten, auch im religiösen Zusammenhang.

Vielleicht hast Du die Möglichkeit, in einer Bibliothek das im Jahr 2004 erschienene Rilke-Handbuch, herausgegeben von Manfred Engel, auszuleihen. Dort findest Du auf den Seiten 355-364 einige Hinweise und Auskünfte zum Marienleben.

Viel Glück, helle

Magda
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Re: war rilke ein religiöser dichter ?

Beitrag von Magda » 19. Feb 2009, 14:05

Hallo Helle,
danke für Deine Antwort. Ich bin sehr glücklich, dass Du mir geholfen hast.
Viel Glück, Magda

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lilaloufan
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Re: war rilke ein religiöser dichter ?

Beitrag von lilaloufan » 25. Mär 2012, 18:41

Hinweis: Gerade surfe ich an einer Reihe von zwar konfessionell gefärbten, aber gut recherchierten Aufsätzen zu dieser Frage entlang, verfasst von Otto Betz, em. Professor für Erziehungswisssenschaften und Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Googelt mal selbst [tags:rilke+betz+geistundleben]; es sind PDF-Dateien zum Download bei http://geistundleben.de/archiv.html bzw. http://geistundleben.de/archiv/archiv-gul.html. {Ich gehe da jetzt nicht an Land.}

l.
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Rike
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Re: war rilke ein religiöser dichter ?

Beitrag von Rike » 11. Feb 2014, 14:07

Auch wenn schön älter, ist dieses Thema doch alterslos. War Rilke religiös? Ich finde es sehr schön und passend, wie Robert Musil es ausdrückt. Das entspricht auch meinem Bild von Rilke. Für mich war er jemand, der in allem die Verbindung zum Universum suchte und sie oftmals fand. Daher seine Kraft, aber auch seine Melancholie.

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lilaloufan
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Re: war rilke ein religiöser dichter ?

Beitrag von lilaloufan » 11. Feb 2014, 14:24

Rike, willkommen im Forum! Ich freue mich sehr, dass Du gerade jetzt das Musil-Zitat aus Posting 7263 in Erinnerung bringst, da ich derzeit auf einen Vortrag zugehe, in dem ich genau diese Stelle verwenden werde.

  • Übrigens funktionieren die in Posting 16280 genannten Links leider nicht mehr, da der Echter-Verlag die archivierten Aufsätze inzwischen nur für Abonnenten freischaltet.


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Re: war rilke ein religiöser dichter ?

Beitrag von Leopard323 » 12. Mär 2014, 12:10

Also, es wurde ja schon gesagt, und ich wiederhole es noch mal: für mich besteht auch ein großer Unterschied zwischen Spiritualtität (bei Rilke auf jeden Fall vorhanden) und Religion. Und dass er die Bibel gelesen hat, war für die Zeit für einen gebildeten Menschen normal. Ich denke, aufgrund der Spiritualität kann man als religiöser Leser natürlich seinen Glauben in Rilkes Werk hinein projezieren.

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