war rilke ein religiöser dichter ?

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

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Gisli_Magnusson
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Beitrag von Gisli_Magnusson » 9. Jan 2007, 16:29

Ich möchte nicht direkt an der Debatte teilnehmen, sondern nur beschreiben, wie das Phänomen Rilke/Religion aus einer akademischen Perspektive betrachtet werden kann. Es ist bezeichnend, dass die universitäre Literaturwissenschaft hauptsächlich ihren Ausgangspunkt in Wissenschaft, Philosophie und Theologie nimmt und damit ganz wesentliche rezeptionsgeschichtliche Elemente bei Rilke verfehlt. Man findet gewissen semantische Übereinstimmungen und gemeinsame Strukturmerkmale; aber die vielstellige Rechnung geht gerade nicht auf. Denn nicht wissenschaftlicher Materialismus ist die Grundlage von Rilkes Weltanschauung, sondern das genaue Gegenteil: der sinnlich-übersinnliche Monismus. Nicht die universitäre Philosophie zieht Rilke in ihren Bann, sondern die eher spekulativ/mystischen Formen von Philosophie. Und schließlich darf Rilke nicht in einem theologischen Rahmen interpretiert werden, da er der Religion auf undogmatische Weise als spirituellem, sprich erlebnishaft/ phänomenologischem, Phänomen gegenübersteht. Obwohl die neueren Bestrebungen, Rilke im Kontext der ‚Mystik ohne Gott’ zu interpretieren, einen Fortschritt bedeuten, dann ist auch dieser ideengeschichtliche Rahmen zu eng, um den vollen Umfang von Rilkes verschlungenen Rezeptionswege zu verfolgen. Um mit Rilke diese Wege gehen zu können, müssen wir die verwachsenen Pfade spiritistischer, okkultistischer und gnostizistischer Strömungen wandern.


An Marie: Ich habe Dir eine Private Nachricht geschickt.

Grüße

Gísli

gliwi
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Beitrag von gliwi » 9. Jan 2007, 17:18

stilz hat geschrieben:
Für mich hat Rilke es nicht am Denken fehlen lassen... denn sein Ringen um Begriffe, die ganz genau das sagen, was er ausdrücken wollte, ist doch überall in seinem Werk zu spüren, oder etwa nicht?

Ingrid
Das denke ich auch. Und ich bin nicht der Meinung, dass Pfade des Spiritismus, Okkultismus und der Gnosis gegangen werden müssen, wenn man sich Rilke nähern will. Ich habe mich nicht mit seinen Briefen und Prosaschriften befasst und kann deswegen kein fundiertes Urteil abgeben, aber für mich hat Rilke immer etwas appolinisch Klares, Helles.
Gruß
gliwi
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Gisli_Magnusson
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Beitrag von Gisli_Magnusson » 9. Jan 2007, 17:36

Hallo Gliwi,

wenn Du willst, kann ich Dir meinen Artikel zu diesem Thema schicken. (Rilke und der Okkultismus). (Dies Angebot gilt allen). Schick mir bloß Deine Emailadresse als private Nachricht.

Magnusson, Gisli: „Rilke und der Okkultismus“, in: Metaphysik und Moderne. Von Wilhelm Raabe bis Thomas Mann. Hrsg. v. Andreas Blödorn & Søren R. Fauth. Festschrift für Børge Kristiansen. Wuppertal: Arco 2006, S. 144-172.

Gruß

Gísli

Marie
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Beitrag von Marie » 9. Jan 2007, 19:00

Liebe Ingrid, lieber Christoph und alle „stillen“ Mitleser,

Pessoa hat mir sehr gut in diesem Zusammenhang gefallen, Ingrid, das ist ein prima Aufhänger, um deine Frage, Christoph, vielleicht doch noch zufriedenstellend zu beantworten. Du hast schon recht, dass du so hartnäckig nachhakst, ich bin im Schreiben doch etwas träge und damit möglicherweise unpräzise geworden!

Ich möchte auch gerne wieder zu Rilke zurück kehren, muss aber wegen dem begrifflichen Wirrwar erst noch mal ausholen. Andererseits wollen wir uns sicher nicht in haarspalterischer Pharisäermanier an Definitionen müde laufen!

Natürlich hast du, Christoph, nicht nur das Verstandes-denken im Auge. Mit dem „denkenden Herzen“ habe ich allerdings auch ein Problem, da ist mir Saint-Exupérys „sehendes Herz“ lieber! Das hat eben mit unserer abendländischen Dualität von denken und fühlen zu tun, oder Verstand und Intuition, ersatzweise Emotion etc.

Wenn man sich dagegen die philosophischen Grundlagen der traditionellen chinesischen Medizin anschaut, wird m. E. vieles klarer. Eine klass. Schrift besagt z. B. „Das Herz... ist die Residenz des Geistes“. Dieser Geist, shen genannt, entspricht eher dem engl. spirit als dem mind, der den Teilaspekt Verstand bezeichnet. Shen bzw. das Herz „regiert“ über psychische Aktivität einschl. der Emotionen, Bewusstsein, Gedächtnis, denken und Schlaf (des Todes Bruder!) Das Herz wird häufig als Kaiser benannt und shen, der Geist, residiert in all seinen Facetten im Herzen.

Für uns ist denken traditionell eine Funktion des dominierenden Verstandes und beschäftigt sich u.a. mit wahrnehmen, Schubladen öffnen/einteilen, abspeichern, wiedererkennen und übertragen auf aktuelle Situationen. Und mit dieser Funktion eines Teilaspektes des Geistes (mind) ist das Ganze (spirit/shen) nicht zu erfassen und schon gar nicht zu kontrollieren. Dem denkenden Anteil steht keine „lebendige“ Teilhabe an jenseitigen Welten offen– er muss in Relationen leben, braucht die Gegenüberstellung, ist entweder auf der einen oder auf der anderen Seite des Flusses. Seine Existenzgrundlage ist die Spaltung in ich und du, schwarz und weiß, Diesseits und Jenseits etc., sonst kann er nicht einteilen, erkennen usw. – also nix zu machen mit Einheit übers Denken! Aus abendländischer Sicht also ein „Nein, danke!“ zum denkenden Herzen, aus chin. Sicht ein „aber selbstverständlich!“. Dem Herzen und dem übergeordneten Shen-Geist die Priorität geben wäre die Lösung – aber wie?

So, jetzt zu Rilke und warum das an seinem Lebensende nicht funktioniert hat mit der gelebten Partizipation am Jenseitigen. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und wage eine Diagnose Rilkes aus Sicht der chin. Medizin: Sein zierlicher Körperbau, die schwächliche Konstitution, die Erkrankung des Blutes, seine Unstetigkeit und Ruhelosigkeit, aber auch sein geistiges Feuer, das ihm sein dichterisches Schaffen ermöglicht hat, zeichnen ihn als überwiegenden Feuerelement-Typus aus. Das zentrale Organ des Feuerelements ist das Herz! Ein Ungleichgewicht in diesem Element oder Raubbau an den Kräften bewirkt u.a. psychische Unruhe: der Kaiser hat seinen Thron verlassen, shen irrt ruhelos umher – und wer war wohl heimatloser als Rilke? Ersatzbefriedigungen (00, Sucht – auch Workoholismus!) bringen nur kurzfristig Erleichterung. Im Gegenteil, gerade die unzähligen „Beziehungskisten“ belasten das ohnehin gebeutelte Herz noch mehr und verstricken es am falschen Ort. Feuertypen haben oft einen Hang, sich zu verausgaben und haben eine etwas kurzere Lebenserwartung. Rilke ist nicht mehr dazu gekommen, seine ganzen Pakete aufzuarbeiten! Bluterkrankungen wie die Rilkes werden in der chin. Medizin ebenso wie geistige Störungen überwiegend über das Feuerelement behandelt. Seine Sanatoriumsaufenthalte haben bestimmt nicht bewirkt, dass der „Kaiser“ seinen „Thron“ wieder einnehmen konnte! Ohne einen heimgekehrten Geist/shen keine spirituelle Einheit, keine Aufhebung der Dualität, keine „lebendige“ Partizipation am Jenseits!

Hätte ich als chin. Medizin-Engel Rilke nach seinem Tod auf einer Wolke getroffen, hätte ich ihm geraten, für seine nächste Inkarnation einen stabileren Körperbau und viele Erdelementanteile (Magen und Milz helfen beim „geistigen Verdauen“ :wink: ) zu integrieren. Vielleicht hätte ich ihm das Sternzeichen Jungfrau (Häuslichkeit! :wink: :wink: ) zum Ausgleich empfohlen?! Nehmt das jetzt nicht so tierisch ernst – eben geht der Schalk mit mir durch!

So, jetzt bin ich erst mal ausgepowert. Wie schaut’s aus, Christoph? Pieks ruhig nach, wenn noch was ungeklärt ist!

Ganz lieben Gruß an alle

P.S. Habe die neuesten Beiträge eben erst entdeckt und leider keine Zeit mehr, darauf einzugehen - später :shock:

Marie
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Beitrag von Marie » 9. Jan 2007, 22:16

...ich komme nochmal kurz im Büßergewand wieder - muss ergänzend was korrigieren:

Selbstverständlich maße ich mir keine "Diagnose Rilkes" als Person an, sondern beziehe mich auf einzelne Symptome wie sie von ihm selbst und Zeitgenossen geschildert wurden.

Zweitens: nicht dass einer auf die Idee kommt, ich unterstelle Rilke geistige Umnachtung oder ähnliches! Ich habe nämlich Bluterkrankung und geistige Störungen in einem Atemzug genannt. Letzteres trifft auf Rilke natürlich so nicht zu; er litt zwar hier und dort an seelischen Konflikten, aber er ist für mich immer ein besonders "klarer" Mensch und eine wirklich große Persönlichkeit gewesen. Gemeint war, dass er auf geistigem Gebiet in zweifellos überragender Weise tätig war, aber auf diesem Level auch sein "Lebenspulver" verschossen hat, so dass der Körper zu kurz kam und somit auch anfällig für Krankheiten wurde. Alles Spekulation, ich weiß - und vielleicht auch gar nicht wichtig :?: :idea:

So konnte ich das nicht stehen lassen, sonst hätte Christiane vielleicht als nächstes doch noch das Schweigeglübde eingefordert! :D

Liebe Grüße an alle

gliwi
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Beitrag von gliwi » 10. Jan 2007, 01:59

Aber nein, Marie, so habe ich das nicht aufgefasst. Wer wäre ich, hier jemandem Schweigen zu gebieten :oops: , solange er/sie sich im weiten Sinne zum Thema äußert?
Deine letzte Botschaft führt übrigens zur so interessanten Frage zurück: Konnte Rilke radfahren? :wink: Das hätte er nämlich mehr tun sollen, statt sich in Limousinen chauffieren zu lassen. :wink: Nach meiner Erfahrung kräftigt nichts so sehr einen unsportlichen Körper und und macht den Geist so frei wie 60 - 100km radfahren, und das ein paar Tage hintereinander.
Schade - wir hätten ihn so gut beraten! :D
Gruß
gliwi
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lilaloufan
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Quäntchen-Frage

Beitrag von lilaloufan » 10. Jan 2007, 16:17

Also, liebe gliwi, genau dieser hier von stilz zitierte Satz geht halt leider grob an dem vorbei, was ich meinte.

Habe nicht gerade auch ich in diesem Forum Rilkes spürbares «Ringen um Begriffe, die ganz genau das sagen, was er ausdrücken wollte», in vielen Beispielen aufgezeigt? Da empfinde ich ihn als Meister - und als erfolgreich ringend. Nur, beim genauen Hinsehen, Marie spricht ja ganz differenziert davon, hat doch da irgendetwas gefehlt; ich nenne dieses „Irgendetwas“, um anzudeuten, wie wenig es ist, ein Quäntchen, weil es das Wort ‚Qualchen’ nicht gibt, eine qualité presque négligeable, von der uns die Chaosforschung heute sagt, sie könne die entscheidend intermittierende sein.

Ich sehe in Rilke einen Menschen, der das sorgfältige und in jedem Wort authentisch verantwortete Denken kultiviert hat wie kaum ein weiterer, so mein Eindruck - und der doch dem uns gewohnten Denken in einer gewissen hier von Dir, @Paul A., „existentiell“ genannten Schicht nicht jenes Etwas, jenes Quäntchen hinzufügt, für das man wiederum neue Worte prägen müsste, weil alle bestehenden Begriffe (wie z. B. „lebendiges“ Denken) längst verbraucht oder verhöhnt oder jedenfalls missdeutig geworden sind.

Aber doch, auch Du @Marie sprichst davon, RMR habe es ein bisschen daran fehlen lassen, „lebendiger Teil der spirituellen Welt zu sein“, und genau das: auf lebendige Weise zur spirituellen Welt beizutragen, das würde ja nicht gehen mit „totem“ Denken, mit ver-ständigem im Sinne von Ratio und nicht verstehendem im Sinne von έρμηνεύειν.
Nun erweist Rilke, dass er kaum steigerbar „lebendig denken“ KONNTE! Wer von uns kann „Weltinnenraum“ - als einen durch uns durchgehenden einen Raum - denken?

Aber dieses konnte er; wie sonst hätte er das so konkretisieren können, wie es dem bloßen Fühlen fremd bliebe? Ein Beispiel: wie die Rose „die Welt da draußen | und Wind und Regen und Geduld des Frühlings | und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal | und Dunkelheit der abendlichen Erde | bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug, | bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne“ - „in eine Handvoll Innres“ verwandelt. Was eine ökologische Botanik in kosmische und wesensimmanente Faktoren auseinandergliedern müsste, um es einem toten Denken handhabbar zu machen, denkt er hier in Eins, ohne das in der Erscheinung ja Gegliederte zu nivellieren.

Wo also liegt, bei aller Rilkeschen überfließenden Fülle, der Mangel, der Dir @Marie erneut auffällt, wenn Du schreibst:
Marie hat geschrieben:Ohne einen heimgekehrten Geist keine spirituelle Einheit.
Rilke blickt in die Naturerscheinungen, auf die ihren Wert in sich habenden Dinge, und er blickt in die Menschenseele mit ihrem vor Bildern von Leben und Tod ausdramatisierten Streben nach Erkenntnis und Liebe, und beide Blickrichtungen verfolgt er mit so lebendigem Interesse, dass er bemerkt, wie die beiden so erblickten Horizonte in eine gemeinsame Unendlichkeit weisen, was seinem Denken ein Beweis ist für das individuable Einssein.

Ich wiederhole mich. Wofür bleibt Rilke, der so tief fühlende, so licht denkende, so diszipliniert arbeitende Dichter, blind?

Ich komme noch einmal auf das Epiphanie-Geschehen. Da fasst Rilke von zwei Seiten her das seidenzarte Tuch, das das (mit dem luciferischen Geschenk des bloßen Verstandes-Denkens nicht erfassbare) Zentralmysterium der Menschheitsgeschichte verschleiert, gewissermaßen in Händen und ruft der Maria zu:
  • Siehst du, diese Könige sind groß,
    und sie schleppen dir vor deinen Schooß
    Schätze, die sie für die größten halten,
    und du staunst vielleicht bei dieser Gift -:
    aber schau in deines Tuches Falten,
    wie ER jetzt schon alles übertrifft.
Er bemerkt das, aber er sucht dieses Übertreffen in der vatergöttlichen Sphäre des „Schoßes“, im EX DEO NASCIMUR zu begreifen. Das ist die eine Seite, in der kennt er sich aus, besser als alle: Jedes „Ding“ dieser schöpfergöttlichen Welt, jede „Kreatur“, „sieht“ er ja „anders“, blickt in ihr Wesentliches. - Die andere Seite ist die dessen, was das trinitarische abendländische Gottesbild den „Heiligen Geist“ nennt. Auch von dieser Seite her versucht Rilke dem gerecht zu werden, „was jetzt die Nacht erhellt“. Seine Briefe sind voll von Erweisen einer tiefen Verbundenheit mit diesem das innere Leben erneuernden Gottes-Geist, den er zu Recht nicht unnötig mit Namen belegt.

Der glühend verehrten vatergöttlichen Welt tritt er mit der Haltung des staunend liebenden Kindes entgegen und steigert diese hin zu einem lebendigen Denken, das sogar die Umwandlung von „Und Gott schuf den Menschen“ zu „Wir bauen an Dir | mit zitternden Händen“ vollziehen kann: den Beitrag des Menschen zur Entwicklung eines Gottes!
  • Was wirst du tun Gott, wenn ich sterbe?
    Ich bin dein Krug: wenn ich zerscherbe?
    ...
    Bin dein Gewand und dein Gewerbe;
    mit mir verlierst du deinen Sinn
    ...
    Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.
Zum Heiligen Geist erhebt er sich mit einer Geste ernster Geistesgegenwart, die in dem nicht alt Gewordenen schon früh aus Be-geisterung eine Art von Weisheit erweckte, wie sie sonst im Greisenalter erst reift.

Von diesen beiden Seiten her nähert er sich den Geheimnissen von Werden, Entwicklung und Tod.

Aber das, was den Tod überwand, der Gottessohn, bleibt ihm verborgen.

Da weiß er nur in Aussicht zu stellen: „Er erfreut“. Nicht: „Er erlöst“.

Könnte in diesem Gedankengang eine Spur liegen zu dem vermissten „Quäntchen“?

fragt
Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

stilz
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Beitrag von stilz » 10. Jan 2007, 17:46

Oh.

Nun, ich muß gestehen, lieber Christoph, daß ich Dich da wohl wirklich mißverstanden hatte (und möchte dazusagen, daß ich auch sehr erstaunt darüber war).

Es ist ein bißchen sehr schwierig für mich, da jetzt etwas dazu zu sagen, weil es sich um Dinge handelt, die ich zwar glaube, in dem Sinne, daß ich von ihnen vollständig überzeugt bin... aber ohne daß ich eine "denkende" Begründung für sie hätte... ;-)

Ich versuche es trotzdem:

Aber das, was den Tod überwand, der Gottessohn, bleibt ihm verborgen.
Da weiß er nur in Aussicht zu stellen: „Er erfreut“. Nicht: „Er erlöst“.

sagst Du.

Und zitierst nochmal Marie:
Ohne einen heimgekehrten Geist keine spirituelle Einheit.

Lieber Christoph.

Wenn ich mich dazu berufen fühlte, in dichterischem Werk etwas zu verkünden, ich würde getrost schreiben "Er erlöst".
Und gerade deshalb, weil ich davon überzeugt bin, kann ich auch nicht glauben, daß, welches Quäntchen auch immer Rilke gefehlt haben sollte, er nun deshalb nicht "lebendiger Teil der spirituellen Welt" sein sollte.

Oder, pointierter ausgedrückt: wenn das tatsächlich so wäre... dann hätte er voll und ganz recht gehabt damit, nichts von "Erlösung" zu schreiben, es würde also nicht das geringste "fehlen"!

meint

Ingrid

(oder hab ich schon wieder was mißverstanden??? :wink: )
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Marie
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Beitrag von Marie » 10. Jan 2007, 19:07

Liebe Christiane/gliwi,

danke, mir fällt ein Stein vom Herzen. Du hast das Augenzwinkern in meiner Anmerkung sicher bemerkt und sie richtig verstanden. Ich freue mich über deine Antwort. Gerade weil wir gelegentlich konträrer Meinung sind (siehe weiter unten :wink: ), sind deine kritischen Anmerkungen für mich oft Anreiz gewesen, tiefer zu graben und präziser zu formulieren um irgendwo doch wieder Verständigung zu erzielen!

Da stellst du, lieber Christoph, mich ja vor eine ganz besondere Herausforderung!

„Aber das, was den Tod überwand, der Gottessohn, bleibt ihm verborgen.

Da weiß er nur in Aussicht zu stellen: „Er erfreut“. Nicht: „Er erlöst“.

Könnte in diesem Gedankengang eine Spur liegen zu dem vermissten „Quäntchen“?“

Ich würde mich sehr für dich freuen, wenn du hiermit selbst eine Antwort gefunden hättest! Ich bin vielleicht auch nicht die Richtige, um christliche Vorstellungen von Erlösungsmystik zu verifizieren (falls das überhaupt möglich ist) oder ihnen zu widersprechen – möglich, dass ich da an der gleichen Stelle einen blinden Fleck habe wie du ihn bei Rilke vermutest?!

Natürlich war Rilkes Denken mit einem unermesslichen Maß an Empathie gepaart, m. E. zwei unterschiedliche Funktionen des Geistes, die – wie bei Rilke – im Idealfall gleichwertig co-existent und gegenseitig befruchtend sind. Du fasst sie halt als „lebendiges denken“ zusammen – warum nicht? Mitschwingen oder Empathie ist für mich ein wesentlicher Schritt hin zur Einheitserfahrung, aber nicht gleichbedeutend mit ihr. Vielleicht ist deine Vermutung der Weg, vielleicht nur ein Weg in der Vielheit der Einheit, ich weiß es nicht. Auch nicht, ob es der richtige Weg für Rilke gewesen wäre.

Noch einmal zu dir, Christiane, und dem „gruseligen“ Okkultismus:

„Und ich bin nicht der Meinung, dass Pfade des Spiritismus, Okkultismus und der Gnosis gegangen werden müssen, wenn man sich Rilke nähern will. Ich habe mich nicht mit seinen Briefen und Prosaschriften befasst und kann deswegen kein fundiertes Urteil abgeben, aber für mich hat Rilke immer etwas appolinisch Klares, Helles“

Ich bin auch nicht der Meinung, dass „Pfade des ... Okkultismus....“ gegangen werden müssen! Aber sie dürfen gegangen werden! Für einen bestimmten Blickwinkel auf Rilkes Werk können sie bereichernd sein. Es gibt andere Perspektiven für die vielleicht andere Messlatten maßgebend sind. Das bestreitet Gisli auch bestimmt nicht, oder reduziert die Rezeption Rilkes auf diesen einen Blickwinkel. Wenn Spiritismus, Okkultismus und Gnosis für dich das „apollinisch Klare, Helle“ vermissen lassen, liegt es vielleicht auch daran, dass du sie ziemlich kategorisch im Dunkeln liegen lässt?! Und das halte ich für eine Unterlassungssünde. Genau hier setzt Gisli mit seiner Habil aber an: er wagt es, ein "dunkles" Thema „ans Licht“ zu zerren und das in einer wiss. Arbeit, obwohl die gängige Wissenschaftsmeinung skeptisch bis ablehnend dazu steht! Mutig!
Bitte korrigiere mich, wenn ich den Unterton deiner o. zit. Aussage falsch verstanden habe, aber es klingt für mich nach „brauchen wir nicht“, „Finger weg – ätzend“, „Vorsicht – Lebensgefahr“ o.ä.?? (Ich übertreibe etwas, klar)

In der Hoffnung auch diesmal wieder Verständigung zu erschaffen...

liebe Grüße :lol:

gliwi
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Beitrag von gliwi » 10. Jan 2007, 21:26

Nun, liebe Marie, ich habe Gislis Angebot angenommen und werde die Schrift demnächst lesen. Du siehst, ich bin bereit, mich für Ungewohntes zu öffnen.
Lieben Gruß
Christiane
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Marie
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Beitrag von Marie » 10. Jan 2007, 22:03

...und ich wünsche dir ganz herzlich "lichtvolle" Erkenntnisse dabei, liebe Christiane. Dass du bei deinem analytischen Verstand das Trennen von Spreu und Weizen nicht fürchten musst, ist ohnehin sonnenklar!

Vielleicht brauche ich demnächst auch mal wieder einen Schubs von dir oder e.u. (wo bist du eigentlich???) wenn es um die formalen Elemente der Gedichtinterpretation geht. Das habe ich faules Stinktier nämlich während meiner Schulzeit voll verpiled! Und inzwischen ist selbst zu mir die Erkenntnis durchgedrungen, dass die "Mathematik" eines Gedichtes nicht nur was für Angeber ist, sondern zu tiefen Einsichten beitragen kann.

Das Buch "Einheit in der Vielfalt" mit Beiträgen u. a. des Dalai Lama und westlicher Wissenschaftler wie bsp.-weise Sheldrake und Dürr möchte ich noch erwähnen. Das große Thema Kommunikation zwischen gegensätzlichen Weltanschauungen - das wir "im Kleinen" hier ja auch durchkauen - wird in den einzelnen Beiträgen sehr impulsgebend und ermutigend praktiziert (Hg. Lene Handberg, Theseus Verlag)

Ingrid, ich komme gleich auch nochmal auf deine PN-Bitte zurück!

Bis dahin lieben Gruß :idea:

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Beitrag von stilz » 13. Jan 2007, 14:38

Ohne Marie und Christoph wäre ich zwar niemals auf den Gedanken gekommen, Rilke könnte irgendwas "gefehlt" haben, sei es nun ein Quäntchen oder sogar ein "Qualchen" (ich weiß schon, Du hast es nicht so gemeint, Christoph... dennoch möchte ich darauf aufmerksam machen, wie sich dieses Wort zunächst ganz unwillkürlich liest...).

Aber jetzt ist dieser Gedanke nun mal da, und daraus entwickeln sich, auf der Grundlage des von Euch allen bisher Gesagten, weitere...

Was "fehlt" denn einem Dichter? Was ist es, dieses letzte Puzzleteilchen, das er nicht allein "verwandeln" kann, wie sehr er sich auch bemühen mag?

Es ist dieses: daß das Wort, das er in die Welt hinausschickt, nicht nur gelesen, sondern auch verstanden wird.

Wenn ich an die Elegien denke, an die Aufgabe des Menschen (meiner Meinung nach nicht nur: des Dichters), "Sichtbares in Unsichtbares zu verwandeln"... dann finde ich, daß es jetzt an uns ist, an der großen Gemeinde von Rilkes Lesern, dieses Letzte zu seinem Werk hinzuzufügen...

Eine große Aufgabe! Und ich freue mich immer, wenn ich zu erleben meine: wir sind am Werk!

Liebe Grüße an alle

Ingrid
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'Qualchen'

Beitrag von lilaloufan » 13. Jan 2007, 15:24

Mhmm, liebe Ingrid, das hab' ich nicht nur bemerkt, sondern in den 'halben Anführungszeichen' sogar so mehrdeutig gefasst, als es sich meinem Humor so anbot.
Dass Du - wie ich - uns im Forum am Werk siehst freut mich sehr. Aber die Frage: «Sind wir denn nun bereits die Bienen des Unsichtbaren?» hab' ich halt doch immer mal wieder.
Denn ich finde, das geht übers "Verstehen" sogar hinaus, heißt dann sogar, das so bereits Verstandene durch den Nullpunkt eines Erlebnisses von: „Da ist nichts!“ zu führen zu einem Neuentstehenlassen, einer Art Schöpfung aus dem Nichts. Die wäre aber eher zu bemerken in einem Umsetzen des ursprünglichen dichterischen Anliegens ins Leben, in die Erkenntnis ganz anderer Dinge noch als der Dichter sie in den Blick nahm zum Beispiel, oder auch in Werke der Initiativkraft im sozialen Leben:
Malte hat geschrieben:«…unseren Anteil Arbeit in der Liebe langsam auf uns nehmen nach und nach.»
lilaloufan
Zuletzt geändert von lilaloufan am 26. Jan 2009, 18:03, insgesamt 1-mal geändert.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

gerundimus
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war rilke religiös

Beitrag von gerundimus » 26. Apr 2007, 10:46

hi,

es ist zwar schon ein bisschen her, dass du das gefragt hast, vielleicht interessiert es dich trotzdem noch.


100% ig kann ich es auch nicht sagen, aber ich bin überzeugt, dass er ihn mit ganzem herzen gesucht hat. hab hier mal noch 2 sachen, die vielleicht darauf hinweisen könnten:

Komm du...

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb:
wie ich im Geiste brannte,sieh, ich brenne
in dir; das Holz hat lange widerstrebt,
der Flamme, die du loderst, zuzustimmen,
nun aber nähr' ich dich und brenn in dir.
Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen
ein Grimm der Hölle nicht von hier.
Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg
ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen,
so sicher nirgend Künftiges zu kaufen
um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg.
Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?
Erinnerungen reiß ich nicht herein.
O Leben, Leben: Draußensein.
Und ich in Lohe. Niemand der mich kennt.



Rainer Maria Rilke
Dezember 1926 - die letzte Niederschrift.



Du, den wir alle sangen,
du einziger und echter Christ,
du Kinderkönig, der du bist, -
ich bin allein: mein Alles ist
entgegen dir gegangen.





gruß,ms
Wer spricht von Siegen?
Überstehn ist alles. RMRilke

Paul A.
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Beitrag von Paul A. » 6. Mai 2007, 17:59

Hallo,

führt Wahrhaftigkeit zum Unglauben ?

Paul :lol:
"... Knaben, o werft den Mut/ nicht in die Schnelligkeit,/ nicht in den Flugversuch./ Alles ist ausgeruht:/ Dunkel und Helligkeit,/ Blume und Buch." (R.M. Rilke)

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