Rilke ein Phänomenologe?

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

Moderatoren: Thilo, stilz

Antworten
Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Rilke ein Phänomenologe?

Beitrag von lilaloufan » 30. Mai 2006, 17:26

Regina hat geschrieben:Verfasst am: Do Jun 03, 2004 7:24 pm Titel: Georg Simmel
Welche philosophische Richtung vertrat eigentlich Georg Simmel, bei dem Rilke Philosophie studierte ...?
gliwi hat geschrieben:Verfasst am: Sa Jun 05, 2004 9:35 pm
Warum gibst du den namen nicht einfach mal bei google ein? Ich habe es gerade getestet und bekam 39.200 Hinweise. Da müsste bestimmt was Brauchbares dabeisein Du musst aber Vornamen und Nachnamen zusammen in Anführungszeichen setzen, sonst kriegst du bestimmt eine Million Hinweise, wegen des Vielschreibers Simmel.
Gruß gliwi
Hier gibt es freilich oft Fragen von Schülern, denen wir die Hausaufgaben leisten sollen. Aber diese Frage von Regina [Gast], @gliwi, fasse ich anders auf und würde ich nicht gerne so beiseiteschieben, denn sie macht auf wenig gelöste Rätsel aufmerksam hinsichtlich des Selbstverständnisses von Rilke als Philosoph. Im Grunde will ich mit manchen Threads hier (-->Schiller, aber auch Maeterlinck) auf Ähnliches bzw. Naheliegendes hinaus.

Im Hause von Georg Simmel und Gertrud Kinel (Pseud. Marie Luise Enckendorff) verkehrte ja auch Husserl! Ich habe bei Simmel Aphorismen gefunden, die könnten von seinem Studenten sein. Ob Edmund Husserl vielleicht manches aus Rilkes Methode der Weltbetrachtung, des „Sehens“, aufgenommen hat? Er, der Philosoph, von Rilke angeregt, das als „Phänomenologie“ auszuarbeiten, was er Rilkes Hinblicken verdankt?

In diesem Sinne – mehr als umgekehrt – frage ich: Könntet ihr etwas Berechtigtes darin finden, Rilkes philosophische Blickweise „phänomenologisch“ zu nennen?

Et voilà, kaum fragend gedacht, finde ich im Web drei Hinweise, denen ich gelegentlich nachgehen will, wenn es der Pflichtenkreis meiner Arbeit zulässt:
  • Wolfgang G. Müller (Jena): "Rilke, Husserl und die Dinglyrik der Moderne"; in: Rilke und die Weltliteratur. Hg. von Manfred Engel und Dieter Lamping (Düsseldorf/Zürich, 1999), 214-235.
  • P. Trawny: Von der Liebe. Anmerkungen zu einer poetischen Phänomenologie bei Rainer Maria Rilke; in: Phänomenologische Forschungen, NF Hft. 1 (1996)
und als drittes:
  • Am 15. Mai 1999, beim 12. Workshop Phänomenologische Forschung am Husserl-Archiv in Freiburg hielt Giuseppe Ferraro (Neapel) einen Vortrag über "Das Sichtbare und das Unsichtbare bei Rilke und Husserl“. – Ist der Vortrag eures Wissens vielleicht irgendwo publiziert?
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Beitrag von lilaloufan » 2. Jun 2006, 00:06

Heute kam mit der Post der nicht mehr neue Band: "Rilke in neuer Sicht", herausgegeben von Käte Hamburger (1971 bei Kohlhammer), in dem Käte Hamburgers Aufsatz von 1966 enthalten ist: «Die phänomenologische Struktur der Dichtung Rilkes», hier pp. 83-158, mit den drei Kapiteln: 1. Der Begriff des Schauens, 2. Die Struktur der Intentionalität, 3. Intentionalität und Transzendentialität.
Im ersten Blättern fasste ich noch ins Auge, ob ich mein Posting löschen sollte, insofern Käte Hamburgers Essay meiner Frage einen gewissen Aufschluss in Aussicht stellte. Meine Frage erschien mir nun jedenfalls nicht mehr neu.
Inzwischen urteile ich eher, dass die Frage nach phänomenologischer Methode von Rilkes poetischem Tun (was ich «Arbeitsweise» nenne) in dieser philosophisch gewiss hochkarätigen Untersuchung gar nicht gestellt ist; jedenfalls sucht Käte Hamburger die Belege für phänomenologische Werkmuster gewissermaßen in dem fertigen "Produkt" des poetischen Schaffens, während mich eine ganz andere Frage umtreibt, nämlich: ob die Erkundungsmittel, die Rilke einsetzt und zu deren ernstem Gebrauch er Einzelne anleitet (das "anders Sehen"), als Erkundungsweg des Unsichtbaren im Sichtbaren «lernbar» sind, - lernbar nicht im Sinne einer do-it-yourself-Anleitung der Poetik, sondern lernbar als Grundhaltung des vertieften Lebens mit den blankliegenden, oft so gering und unscheinbar geltenden Phänomenen. Rilkes Dichten ist auf das "anders Sehen" zweifellos bezogen bis angewiesen. Wie aber könnte man Rilkes - ich nenne es einmal: 'Schulungsweg sinnlich-seelischer Phänomenologie' sich als Blickweise erarbeiten, ohne zugleich nach dichterischen Werkgestaltungen zu streben?
Dies ist weniger die literaturhistorische Frage, ob Rilke am Sprachbewusstsein das Sehen oder am Sehen das Dichten gelernt hat; es ist mehr die Frage, ob Rilke sich bereit findet, uns Lesern Lektionen der Sensibilisierung zu geben, auch wenn wir Dilettanten der Sprachkunst bleiben.
So lasse ich also meine Frage bestehen, ja ich finde sie jetzt eigentlich noch wertvoller und spannender.
Ich weiß nur nicht so recht, ob ich sie recht verständlich gemacht habe.
Ein erläuterndes Wort noch, vor welchem Hintergrund ich sie stelle. Eine für meine Berufstätigkeit grundlegende innere Gebärde ist an fachgeschichtlich entscheidender Stelle – sozusagen im Pionierwerk dieser Disziplin - einmal genannt worden: „Andacht zum Kleinen“. Das war 1924, also zur späten Rilkezeit. Dieses Wort könnte doch glatt für Rilke gelten, nicht?
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

poetische Phänomenologie

Beitrag von lilaloufan » 13. Jun 2006, 23:25

Ich will mir nicht selbst antworten, aber euch Anteil nehmen lassen an meinem Fündigwerden. So manchen Kristall habe ich in den Pyrenäen wieder unters Moos gelegt, denn gerade ihr Dort-Ruhen machte mir die Gegend und zugleich die Fundtage jener Urlaubsreise kostbar und einzigartig, während dieselben Schätze, in der trockenen Stube ins Licht gesetzt, nur dem Matt- und Staubigwerden wären preisgegeben worden. Aber einiges, das mir dort so beglückend und wie um meinetwillen ausgeruht entgegenblinkte, musste ich doch bergen, um es den Freunden zu zeigen, nicht so sehr stolz auf mein zufälliges Glück als vielmehr so, als hätten die bis dahin unberührten Steine selbst mich beauftragt, für ihre schlichte Schönheit zu werben wie der Heiratsvermittler für die Anmut der Jungfrau.
Mit ähnlicher Geste - und fast ein wenig aufgeregt: Was werdet ihr sagen?, hebe ich hier einen Satz (Brief an Ilse Blumenthal-Weiß, 25.I.1922) hervor:
«Wer seine Sinne zur reinsten und innigsten Teilnehmung an der Welt erzieht, was wird der am Ende nicht alles gewesen sein?»
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Antworten