Wiedergeburt

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

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Orpheus
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Wiedergeburt

Beitrag von Orpheus » 29. Sep 2006, 13:18

Hallo!

Habe einmal gelesen, dass Rilke an die Wiedergeburt glaubte. Ist da was Wahres dran oder war das nur Blödsinn?

Freundliche Grüße
Orpheus
Um weise zu werden, müssen die Menschen nach Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit streben.

ute66
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Beitrag von ute66 » 16. Okt 2006, 19:34

Dazu fiel mir sofort die Stelle ein aus "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen": "Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang..."
Dies scheint mir ein Bild für das Ewige Leben nach dem Tod, weniger für Wiedergeburt zu sein.

Ute

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Gisli
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Rilke und Reinkarnation

Beitrag von Gisli » 11. Dez 2006, 19:52

Rilke glaubte nicht direkt an Reinkarnation, sondern eher an 'aufsteigende Metempsychose', d. h. die Vorstellung, dass es sowohl eine Prä- als auch eine Postexistenz gibt.

Ich zitiere aus meiner im Entstehen begriffenen Abhandlung: "So lässt sich die wiederholte Betonung der Einmaligkeit irdischer Existenz durchaus mit der ‚aufsteigenden Metempsychose’ vereinen, die das irdische Dasein als eine Station auf der kosmischen Reise sieht, die mit der Präexistenz anfängt und mit der Postexistenz weitergeht. In der Tat hinterlassen Rilkes Äußerungen diesen Eindruck, z. B. schreibt er 1912 aus Spanien an die Fürstin: „Das [die Begegnung mit der Hündin] kann nur auf Erden geschehn, es ist auf alle Fälle gut, hier willig durchgegangen zu sein, wennauch unsicher, wennauch schuldig, wennauch ganz und gar nicht heldenhaft, – man wird am Ende wunderbar auf göttliche Verhältnisse vorbereitet sein.“ Rilke sieht hier die irdische Existenz als eine sinnvolle kosmische Reise an, wo man eben durchgeht (was einen präexistentiellen Beginn und eine postexistentielle Fortsetzung voraussetzt), und hier liegt der Schwerpunkt auf der Postexistenz, denn der irdische Teil der Reise wird nur als eine Vorbereitung auf ‚göttliche Verhältnisse’ (Postexistenz) bezeichnet. Die ethische Forderung, die Rilke dem kosmischen Reisenden stellt, ‚hier willig durchzugehen’ (anstatt sich dagegen zu sträuben), stimmt mit der Selbstwerdungsperspektive überein, und die Entwicklung hört nicht mit dem Tod des physischen Körpers auf."

Alfred Schütze ist der Einzige der Rilkeforschung, der eine Sensibilität für Rilke Verhältnis zu diesen Dingen hatte:

"Rilke hat wie so viele Große des deutschen Geisteslebens diesen Gedanken aufgegriffen, erwogen und bedacht, ohne ihn doch in endgültiger Weise zu bejahen oder abzulehnen. Er scheint sich darüber im persönlichen Gespräch auch verschieden geäußert zu haben. Der Glaube an die Reinkarnation des Menschengeistes hat Rilke offenbar sehr nahe gelegen, er war seinem ganzen Wesen und seiner Weltanschauung nicht fremd. Aber, so sehr er seinem Herzen vertraut gewesen sein mag, so fehlte ihm doch die Möglichkeit, ihn in einer der Erkenntnis völlig zusagenden Wesen ausreichend zu begründen und zu rechtfertigen. Seine Aussagen darüber haben deshalb mehr den Charakter des Tastens und Nicht-Ausschließens als den der Gewißheit und völligen Zustimmung.
Es lag ohnehin in Rilkes Geistesart, sich gewissen Fragen vorsichtig und abtastend zu nähern, sie nicht derb zu vergewaltigen, und viele seiner Worte bleiben darum im Unbestimmten, dem Leser das Zu-Ende-Denken selber überlassend. Darüber hinaus scheint es, als ob Rilke gewisse, ihm besonders heilige Wahrheiten auch im Bereich des Heiligen bewahrt wissen wollte. Er betrachtete sie als ‚Mysteriengut’, das man der Menge nicht wahllos ausliefern darf. Darüber mag er auch nur im vertrautesten Kreis rückhaltlos gesprochen haben."

Schütze, Alfred: Rainer Maria Rilke. Ein Wissender des Herzens, S. 49

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