Rilke-Zitate in New Age-Büchern, Selbsthilfebüchern,etc. Wo?

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Gisli
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Rilke-Zitate in New Age-Büchern, Selbsthilfebüchern,etc. Wo?

Beitrag von Gisli » 11. Dez 2006, 20:08

Ist jemand auf Rilke-Zitate in zeitgenössischer spiritueller Literatur gestoßen? Ich denke hier sowohl an europäische und amerikanische Darstellungen.

Zweite Frage: Gibt es Belege, dass Schönherz/Fleer (Rilke-Projekt) ihre Textauswahl von spirituellen Kriterien aus vorgenommen haben? Auf ihrer eigenen Internetseite (http://www.rilke-projekt.de/) steht nur sehr wenig.

Ich freue mich über jede Antwort! :D

ute66
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Beitrag von ute66 » 19. Dez 2006, 20:44

Liebe Giesli,

Ich weiss, das Georg Kühlewind ein großer Rilkefreund war und ihn in vielen seiner Bücher und Vorträge zitiert hat.

Jelle Van der Meulen hat sein Buch "Herzwerk" auch nach einem Rilke-Zitat aus "Wendung" benannt.

Außerdem hab ich in dem Buch: "In der Seele liegt die Kraft" von Ulla Pfluger - Heist (Herder Spektrum) einige Rilkezitate gefunden.

Ich würde diese Bücher wohl alle nicht als esoterisch, eher als spirituell bezeichnen

Gruß, Ute

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Gisli
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Beitrag von Gisli » 19. Dez 2006, 21:46

Vielen Dank, Ute!

Selber kenne ich drei spezifisch spirituelle Rilkeadaptionen:

Johannes Heiner: Wege ins Dasein. Spirituelle Botschaften der "Duineser Elegien" von Rainer Maria Rilke (Siehe auch Heiners Rilkehomepage: http://www.lyrikrilke.de/index.html, wo man Texte umsonst runterladen kann)

Willigis Jäger: Die Welle ist das Meer. Mystische Spiritualität (Nur am Rande)

Niklaus Brantschen: Weg der Stille. Orientierung in einer lärmigen Welt

In meiner Abhandlung über Rilke habe ich folgende Fußnote zu ihm:
Niklaus Brantschen ist Mitglied des Jesuitenordens und Zen-Meister. In Weg der Stille bezieht er sich auf Rilkes Gedicht Wenn es nur einmal so ganz stille wäre aus dem Buch vom mönchischen Leben (Stundenbuch):

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre,
wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
Und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

(Rilke: SW I 256)

Brantschen macht deutlich, dass Rilkes Gedicht nicht religiös-konfessionell gemeint ist; laut Brantschen hindert dies Rilke aber nicht daran, im Gedicht einen fünfstufigen kontemplativen Weg zu beschreiben: 1) Stille suchen (1. Strophe, Vers 1-3). „Am Anfang steht die Sehnsucht nach Stille. Sie bringt uns in Bewegung und lässt uns nach Zeiten und Räumen der Stille Ausschau halten.“ 2) Stille ertragen (1. Strophe, Vers 4-5). „Kaum sind wir dem Lärm und der Geschäftigkeit entronnen, haben uns zurückgezogen und sind endlich allein – da möchten wir der eben entdeckten Stille entfliehen statt sie zu ertragen und zu erdulden.“ 3) Stille genießen (2. Strophe, Vers 1-3). „Der Weg zur Stille duldet keine Abkürzungen. Geduld und ein langer Atem lassen uns schließlich zur Ruhe kommen und Freude an der Stille finden.“ 4) Stille lassen (2. Strophe, Vers 4). „Stille ist nicht Selbstzweck. Wer das Alleinsein anstrebt, ohne die Öffnung auf die andern und auf die Welt hin zu wollen, bleibt in der Innerlichkeit stecken und verliert sich selbst.“ 5) Stille sein (2. Strophe, Vers 5). „Stille als Zustand, als Grundhaltung, die sich in allem Tun und Lassen durchhält, ist das Ziel des Weges.“ (S. 13) Nach diesen fünf Stufen strukturiert Brantschen das ganze Buch über die Stille als kontemplative Erfahrungskategorie.
Grüße

Gísli

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Gisli
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Beitrag von Gisli » 19. Dez 2006, 21:51

Ich habe auch eine Fußnote zu Willigis Jäger über Nietzsche und Rilke:
Der Benediktiner und Zenmeister Willigis Jäger schätzt Nietzsches mystische Erfahrungen folgendermaßen ein: „Jeder Mensch kann unvorbereitet eine solche [mystische] Erfahrung machen. Es ist dafür nicht erforderlich, eine besondere spirituelle Praxis auszuüben. Ich denke dabei an Menschen wie Hölderlin, Rilke oder Nietzsche, der am Felsen von Sils Maria offenbar eine ‚Erleuchtung’ hatte. Auch sein ‚Gott ist tot’ ist vermutlich der Ausdruck einer echten mystischen Erfahrung. Aber am Beispiel Nietzsches kann man auch erkennen, welche außerordentlichen Schwierigkeiten solche unvorbereiteten Durchbrüche in die Transpersonalität mit sich bringen können. Denn oft fehlt es den Menschen an einem Koordinatensystem, in dem sie ihre Erfahrungen verorten können. Oder sie lehnen eine religiöse Deutung aus ideologischen Gründen ab. Für Nietzsche wäre es ganz undenkbar, seine Seinserfahrungen in einem christlichen oder überhaupt religiösen Kontext zu deuten. So blieb er ein auf halbem Wege stecken gebliebener Mystiker, der zwar in den transpersonalen Bereich vorgedrungen ist, dann aber die Orientierung verloren hat.“ Jäger, Willigis: Die Welle ist das Meer, S. 52f.

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Gisli
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Beitrag von Gisli » 19. Dez 2006, 22:43

Interessanterweise hat es in Amerika eine intensive spirituelle Adaption Rilkescher Werke stattgefunden:
Obwohl vor über zehn Jahren geschrieben, macht Kathleen L. Komar in Bezug auf die spirituelle amerikanische Rilkerezeption Beobachtungen, die immer noch – auch für Europa – Relevanz haben. Gewöhnlich nennt man die moderne spirituelle nonkonfessionelle Strömung New Age, eine Bezeichnung, die – wegen des breiten definitorischen Spektrums – nicht unproblematisch ist. Akademiker rümpfen – oft mit recht – die Nase über die sprachlich-gedankliche Qualität der New Age-Literatur, die soziologisch als Flucht vor der sinnleeren, entfremdeten Großstadtwirklichkeit erklärt wird. Diese reduktionistische Diagnose, die durchaus eine partielle Richtigkeit beanspruchen kann, verkennt aber den Teil der modernen Spiritualität, die sich von der Unverbindlichkeit der populären Selbst-Hilfe-Literatur und der simplen spirituellen Botschaften distanziert. Man kann sagen, dass 20% der Repräsentanten des New Age sich von den anderen 80% abgrenzen möchte, weil sie – ihrem Selbstverständnis zufolge – philosophisch/psychologisch seriös arbeiten. In Kathleen L. Komars Artikel Rilke: Metaphysics in a New Age begegnen wir beiden Gruppen.
Kathleen L. Komar: "Rilke: Metaphysics in a New Age", in: Rilke Reconsidered. Hrsg. v. Sigrid Bauschinger & Susan L. Cocalis. Tübingen; Basel: Francke 1995, S. 155-169.

Andi
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Re: Rilke-Zitate in New Age-Büchern, Selbsthilfebüchern,etc.

Beitrag von Andi » 11. Okt 2011, 17:24

2006? Na ja, falls es noch jemanden interessiert: Rilke ist neben Chögyam Trungpa Rinpoche eine der Hauptinspirationsquellen von FABRICE MIDAL - Rilke also aus buddhistischer Perspektive. Bisher nur auf Französisch...

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