Rilke und der Okkultismus

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Gisli_Magnusson
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Rilke und der Okkultismus

Beitrag von Gisli_Magnusson » 10. Jan 2007, 17:17

Hallo alle Rilke-Liebhaber!

Im Thread über "War Rilke ein religiöser Dichter" entfaltete ich meine Perspektive zu diesem Thema. Ich bot allen an, meinen Artikel zu diesem Thema ("Rilke und der Okkultismus" ) zu schicken, wenn man mir bloß die Emailadresse als private Nachricht bekanntgibt. Dies könnte auch anderen zugute kommen.

Magnusson, Gisli: „Rilke und der Okkultismus“, in: Metaphysik und Moderne. Von Wilhelm Raabe bis Thomas Mann. Hrsg. v. Andreas Blödorn & Søren R. Fauth. Festschrift für Børge Kristiansen. Wuppertal: Arco 2006, S. 144-172.

Diejenigen, die den Artikel gelesen haben, können hier ihre Meinungen und ihre Kritik äußern. Es würde mich sehr interessieren!

Ich zitiere meinen früheren Beitrag:
Es ist bezeichnend, dass die universitäre Literaturwissenschaft hauptsächlich ihren Ausgangspunkt in Wissenschaft, Philosophie und Theologie nimmt und damit ganz wesentliche rezeptionsgeschichtliche Elemente bei Rilke verfehlt. Man findet gewissen semantische Übereinstimmungen und gemeinsame Strukturmerkmale; aber die vielstellige Rechnung geht gerade nicht auf. Denn nicht wissenschaftlicher Materialismus ist die Grundlage von Rilkes Weltanschauung, sondern das genaue Gegenteil: der sinnlich-übersinnliche Monismus. Nicht die universitäre Philosophie zieht Rilke in ihren Bann, sondern die eher spekulativ/mystischen Formen von Philosophie. Und schließlich darf Rilke nicht in einem theologischen Rahmen interpretiert werden, da er der Religion auf undogmatische Weise als spirituellem, sprich erlebnishaft/ phänomenologischem, Phänomen gegenübersteht. Obwohl die neueren Bestrebungen, Rilke im Kontext der ‚Mystik ohne Gott’ zu interpretieren, einen Fortschritt bedeuten, dann ist auch dieser ideengeschichtliche Rahmen zu eng, um den vollen Umfang von Rilkes verschlungenen Rezeptionswege zu verfolgen. Um mit Rilke diese Wege gehen zu können, müssen wir die verwachsenen Pfade spiritistischer, okkultistischer und gnostizistischer Strömungen wandern.
Grüße an alle! :)

Gísli

stilz
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Beitrag von stilz » 10. Jan 2007, 20:58

Hallo,

ich bin eine von denen, die Gíslis Angebot angenommen und daher diesen Artikel gemailt bekommen haben.
Ich kann ihn wirklich sehr empfehlen.
Eine Passage möchte ich daraus zitieren:

Der empirische, nicht-ideologische Umgang mit dem Okkultismus fällt kein ontologisches Urteil über die Existenz bzw Nicht-Existenz der okkultistischen Phänomene. Vielmehr wird die Innenperspektive (believer's point of view) erhellt und ihre ideengeschichtliche Position erläutert. Die empirische Methode wird die Grundlage dieses Artikels bilden.

Dieses Versprechen wird wirklich eingelöst... und auf dieser Grundlage hat Gísli sehr vieles zusammengetragen und ausgewertet, sodaß wohl selbst für Menschen, die allem, was mit "Okkultismus" zu tun hat, skeptisch gegenüber stehen, viel aus der Lektüre zu gewinnen ist.

Lieber Gísli, ich gratuliere Dir sehr herzlich zu Deinem Artikel.

Lieben Gruß

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Gisli_Magnusson
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Beitrag von Gisli_Magnusson » 11. Jan 2007, 05:52

Ingrid:
Ich kann ihn wirklich sehr empfehlen.[…] Dieses Versprechen wird wirklich eingelöst... und auf dieser Grundlage hat Gísli sehr vieles zusammengetragen und ausgewertet, sodaß wohl selbst für Menschen, die allem, was mit "Okkultismus" zu tun hat, skeptisch gegenüber stehen, viel aus der Lektüre zu gewinnen ist.
Marie:
Ich bin auch nicht der Meinung, dass „Pfade des ... Okkultismus....“ gegangen werden müssen! Aber sie dürfen gegangen werden! Für einen bestimmten Blickwinkel auf Rilkes Werk können sie bereichernd sein. Es gibt andere Perspektiven für die vielleicht andere Messlatten maßgebend sind. Das bestreitet Gisli auch bestimmt nicht, oder reduziert die Rezeption Rilkes auf diesen einen Blickwinkel. Wenn Spiritismus, Okkultismus und Gnosis für dich das „apollinisch Klare, Helle“ vermissen lassen, liegt es vielleicht auch daran, dass du sie ziemlich kategorisch im Dunkeln liegen lässt?! Und das halte ich für eine Unterlassungssünde. Genau hier setzt Gisli mit seiner Habil aber an: er wagt es, ein "dunkles" Thema „ans Licht“ zu zerren und das in einer wiss. Arbeit, obwohl die gängige Wissenschaftsmeinung skeptisch bis ablehnend dazu steht! Mutig!
Danke, Ingrid & Marie, für die positive Aufnahme des Artikels! :D

Ja, nur das Wort 'Okkultismus' löst oft Gefühle der Abwehr aus. Im Artikel war mir wichtig, auf einen heute fast in Vergessenheit geratenen Diskurs und dessen große Bedeutung im Zeitraum 1880-1930 aufmerksam zu machen. Die Diskursanalyse spielt auch in meiner Habil eine große Rolle, aber dort wird eine erkenntnistheoretische Unterscheidung zwischen Glauben, Ratio und Gnosis vorgenommen. Gnosis steht hier nicht für die spätantike dualistische Strömung (Gnostizismus), sondern für ein intuitives Wissen, das über Glauben und Ratio hinausgeht. Ich nenne diesen Zugang auch 'Erfahrungsmetaphysik', denn bei Rilke und vielen anderen Modernisten ist die ontologische Metaphysik (z.B. der großen monotheistischen Religionen) zusammengebrochen. Metaphysische Seinsebenen können nicht autoritativ vermittelt werden, sondern haben nur insofern Bestand, als eigene Erfahrungen sie verifizieren können. Aber auch der wissenschaftliche Materialismus wird als Sackgasse aufgefasst. Und auf der Basis dieser Kulturkritik entsteht eine spirituelle Weltanschauung. Rilke grenzt die Dichtung als spirituellen Weg von anderen Richtungen ab. In der Arbeit nenne ich dies 'künstlerische Gnosis', spirituelle Dichtung, Dichtung als Erfahrungsmetaphysik: die (romantische und) symbolistische Dichtung will eine Erfahrungsmetaphysik sein, d. h. sie will metaphysische Erfahrungen in Sprache hineinholen, um im Leser ähnliche Erfahrungen hervorzurufen.

Ich gehe in der Habil viel weiter als im Artikel. Aber als Diskursanalyse glaube ich, dass er immer noch Gültigkeit beanspruchen kann!

Viele Grüße

Gísli

P.S. Haben sich - außer mir und Martina Wegener-Stratmann - andere Rilkeforscher im Forum gemeldet?

P.P.S. Wegener-Stratmann, Martina: ‚Über die unerschöpfliche Schichtung unserer Natur’. Totalitätsvorstellungen der Jahrhundertwende. Die Weltbilder von Rainer Maria Rilke und C. G. Jung im Vergleich. (Empfehlenswert!)
Zuletzt geändert von Gisli_Magnusson am 11. Jan 2007, 14:11, insgesamt 1-mal geändert.

Bo
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Beitrag von Bo » 11. Jan 2007, 08:46

Hallo,
so spannend und anregend spekulativ die Okkultismus- und Metaphysik-Debatte hier ist, auch ihre Verbindung mit dem Thema Religion - ich frage mich inzwischen , ob das nicht eher ein Begleitphänomen bei Rilke ist und er sich nicht eher von den um die Jahrhundertwende sehr virulenten Forschungen zur Wahrnehmungsphysiologie und -theorie beeinflusst (oder eher: beeindruckt und angeregt) zeigt.
Immer wieder kommt Rilke darauf, dass es ganz unterschiedliche Formen der Wahrnehmung und ihrer Strukturierung gibt und sich jeder Mensch (jedes Lebenwesen) daraus eine 'Welt' baut. So existieren dann durchaus viele 'Welten' nebeneinander und der Dichter habe die Aufgabe, die Gräben zwischen diesen 'Welten' zu überwinden (wie Rilke das z.B. im Ur-Geräusch' erläutert, aber auch viel einfacher im Gespräch mit Albert Steffen), genauso wie es die Liebenden (nach seiner Ansicht) tun.
Die okkulte Welt würde in dieser Sicht ihre exzeptionelle Art verlieren, wäre ein - für Rilke durchaus interessantes, studierbares - Einzelphänomen, auf das er sich aber natürlich nicht kaprizieren will. Denn es gäbe ja viele andere 'Welten', die der Dichter noch zu integrieren hätte.
Aber darüber müsste man wieder mal richtig forschen. Vielleicht packt es jemand an?
Viel Erfolg dabei!
bo

stilz
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Beitrag von stilz » 11. Jan 2007, 11:22

Hallo Bo,

ich möchte vorausschicken, daß ich mich mit "Okkultismus" bisher noch so gut wie gar nicht beschäftigt habe...
Bo hat geschrieben:
Die okkulte Welt würde in dieser Sicht ihre exzeptionelle Art verlieren, wäre ein - für Rilke durchaus interessantes, studierbares - Einzelphänomen,
"exzeptionell" --- bedeutet das denn nicht gerade die "außergewöhnliche Ausnahme"? Wieso wäre die "okkulte Welt" ein "Einzelphänomen", wenn sie diesen Ausnahmecharakter verlieren würde?
Für eine Erklärung dieses Widerspruches, der in Deinem Satz zu liegen scheint, wäre ich dankbar.

Oh - gerade, während ich das schreibe, fällt mir auf, Du könntest meinen, die "okkulte Welt" wäre dann "nur mehr" gleichberechtigt mit den vielen anderen "Welten", die es gibt...

Angesichts des Begriffes "Weltinnenraum" habe ich aber den Eindruck, daß eben dieser Innenraum, der "durch alle Wesen geht", der "Ort" ist, den Rilke der "okkulten Welt" zuweist. Insofern wäre dann gerade das "Okkulte" die "Brücke", die er zu bauen (nicht: zu schlagen :wink: ) versucht... oder?

Und noch, um möglichen Mißverständnissen entgegenzutreten: von "sich auf Okkultes kaprizieren" ist meiner Meinung nach überhaupt nicht die Rede.


Lieben Gruß

Ingrid
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Gisli_Magnusson
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Beitrag von Gisli_Magnusson » 11. Jan 2007, 15:05

Aufforderung an Bo: Schick mir eine Private Nachricht mit Deiner Email. Ich schicke Dir dann den Artikel als pfd. Du wirst dort mehr über die Verankerung der Phänomenologie bei Rilke in der okkultistisch interpretierten Umweltlehre lesen können.

Herzlichst

Gísli

Marie
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Beitrag von Marie » 11. Jan 2007, 23:40

Guten Abend an alle,

nur eine kurze Anmerkung noch, Gisli, zu deinem Aufsatz, eher eine Frage. Ich habe die 30 Seiten mit großem Interesse gelesen und an der Stelle, an der
du Rilke zit. im Zusammenhang mit der "Verwandlung des "traditionell Unheimlichen" in ein "tief Heimliches" " bzgl. des Okkulten, fiel mir ein, dass Rilke ähnliches über das Geschlecht/ die Sexualität schrieb. Z. B. im "Brief des jungen Arbeiters" und in Briefen an Lou, natürlich auch in Gedichten und den Duineser Elegien.

Rilkes Sexualmystik ist m. E. eng mit seinen okkulten Anschauungen verknüpft. Allein sein außerordentliches Interesse an allem Ägyptischen zeigt dies: die Zweiheit wie sie im Isis-Osiris-Mythos dargestellt ist, hat immer metaphysischen und sexuellen Charakter. Gerade das hat ihn offensichtlich fasziniert (und nicht nur dichterisch inspiriert :wink: ). Gehst du in deiner Habil auf diesen durch und durch sinnlichen Aspekt in Rilkes Metaphysik auch ein?

Bin schon müde, deswegen habe ich die Zitate nicht ordentlich raus gesucht und eingestellt :oops:

Liebe Grüße

Gisli_Magnusson
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Beitrag von Gisli_Magnusson » 12. Jan 2007, 00:41

Liebe Marie!

Du hast Recht, es gibt bei Rilke so etwas wie eine "Sexualmystik". Ich nenne es seine "spirituelle Liebeslehre" oder Tantra. Ich zitiere aus der Abhandlung:
Im Gegensatz zur institutionalisierten Religion hatte schon in der esoterischen Tradition eine Aufwertung der Sexualität und ihrer kosmischen Bedeutung stattgefunden. Die Sexualität als spirituelle Praxis hatte es schon seit den antiken Gnostikern gegeben. Im Osten wurde das Tantra entwickelt, wo die (wie bei Rilke unbefriedigte) Sexualität als Pforte zum Göttlichen angesehen wurde. Der von Rilke rezipierte Emmanuel Swedenborg war anti-asketisch und glaubte an die Fortsetzung der Sexualität in den höheren Welten. Diese Swedenborgianische Tendenz wurde bei vielen Romantikern fortgeführt. Zu diesen gehörte der archetypische esoterisch-romantische Dichter-Prophet William Blake, der die Sexualität als eine zu bejahende Energie ansah.
Im Kapitel über das niedere und höhere Unbewusste sahen wir, dass man sich vor einem ‚Prä-Trans-Irrtum’ hüten muss. Wir sprechen hier von der Neigung, den Menschen ‚nach unten’ zu interpretieren, wenn er spirituelle Erfahrungen geltend macht. Neben asketischer Religion und Nietzscheanisch-biologischer Willensbejahung besteht eine dritte Möglichkeit: der Sexualität ein spirituelles Potential zuzuschreiben. Wenn man aber diese dritte Möglichkeit und die einschlägige Traditionslinie entweder nicht kennt oder ignoriert, wird man jegliche Bejahung der Sexualität als Naturalismus deuten, obwohl es der Selbstinterpretation der spirituellen Modernisten widersprich
t.
Herzlich

Gísli
Zuletzt geändert von Gisli_Magnusson am 14. Jan 2007, 02:07, insgesamt 1-mal geändert.

Marie
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Beitrag von Marie » 12. Jan 2007, 15:24

Lieber Gisli,

vielen Dank für die Auskunft/denTextauszug und das Angebot. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass du diesen Ansatz integriert hast.


Lieben Gruß

P.S. Eine absolute Nebensächlichkeit noch: Mir ist aufgefallen, dass du die alte Rechtschreibung verwendest. Haben sich die Germanisten oder andere universitäre Disziplinen generell gegenüber der Rechtschreibreform verweigert? Bin schon so lange da raus! Die inzwischen wieder erneuerte
neue Rechtschreibung bringt mich nämlich schier zur Verzweiflung - inzwischen schreibe ich fast nur noch nach "Gefühl"!
Zuletzt geändert von Marie am 14. Jan 2007, 01:05, insgesamt 1-mal geändert.

stilz
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Beitrag von stilz » 12. Jan 2007, 18:27

ad P.S.:
Na, das wär dann doch wirklich etwas Gutes, wenn die ganze "Rechtschreib-Reform" (an die ich mich auch nicht halte, aber ich bin da ja auch ein ganz und gar "instituts"-freier Mensch) schließlich dazu führen könnte, daß man endlich wieder "nach Gefühl" schreibt... :wink:
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Beitrag von Gisli_Magnusson » 12. Jan 2007, 18:42

@ Marie:
Der Entschluss über die Rechtschreiben stammt von den Herausgebern des Bandes "Metaphysik und Moderne". In meiner neuen Arbeit bediene ich mich der neuen...

Bo
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Beitrag von Bo » 13. Jan 2007, 16:39

Hallo,
dass Swedenborg um die Jahrhundertwende wieder mehr gelesen und geschätzt wurde (vgl. A.Strindberg), ist schon plausibel. Aber hatte Rilke selbst Swedenborg (deutsch/schwedisch) gelesen? Nachrichten darüber wären schön, denn dazu sagen die Nachschlagewerke wenig.
Gruß von bo

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Beitrag von Gisli_Magnusson » 13. Jan 2007, 18:49

Hallo Bo,

im Malte kommt Swedenbog an mehreren Stellen vor:
"Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit, Swedenborg zu lesen, und niemand von der Dienerschaft hätte je sein Zimmer betreten mögen, weil es hieß, daß er zitiere. Die Familie Stens hatte seit je Umgang mit Geistern gehabt, und Sten war für diesen Verkehr ganz besonders vorausbestimmt. Seiner Mutter war etwas erschienen in der Nacht, da sie ihn gebar. Er hatte große, runde Augen, und das andere Ende seines Blicks kam hinter jeden zu liegen, den er damit ansah. Abelonens Vater fragte ihn oft nach den Geistern, wie man sonst jemanden nach seinen Angehörigen fragt: »Kommen sie, Sten?« sagte er wohlwollend. »Es ist gut, wenn sie kommen.«
http://www.rilke.de/roman/roman_44.htm

Viele Grüße

Gísli

helle
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Beitrag von helle » 15. Jan 2007, 13:07

Die Diskussion ist ja schon wieder etwas abgeflaut, aber ich habe den Aufsatz erst gestern gelesen, und stimme den Auffassungen im Forum zu, finde ihn auch interessant, er will einem auch nichts aufschwatzen und verkaufen und ich finde ihn auch gut zu lesen. Offenbar hat man der Perspektive bislang nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt.

Trotzdem ist es für mich eine Perspektive unter Perspektiven. Auch wenn sie ungewöhnlich und weitreichend ist, liegt doch, glaube ich, in solchen systematischen Darstellungen die Gefahr der Überbetonung und Betriebsblindheit. Vielleicht deshalb, das ist jetzt keine wissenschaftlich fundierte Auffassung, sondern eher ein Eindruck, weil gerade unter so originellen und dezidierten Perspektiven vermutlich alles zusammengetragen wird, was für sie spricht. Das Ganze aus Leben und Werk wird, auch wenn das jetzt tautologisch klingen muß, ausschließlich (mindestens vorrangig) unter eben dieser Perspektive dargelegt. Die systematische, alle Werk- und Briefstellen, persönlichen Äußerungen, Indizien, Hinweise, Sekundärquellen, alle offensichtlichen oder verborgenen Kontexte berücksichtigende Darstellung erzeugt den Eindruck eines geschlossenen, lückenlosen Zusammenhanges, der nach meinem Empfinden haarscharf am Gesamtphänomen, hier eben Rilkes Werk, vorbeisegelt, das sich m.E. nicht als dichterische Umsetzung einer wie immer gearteten metaphysischen Überzeugung verstehen läßt.

Das ist, wie gesagt, mehr ein Gefühl als ein wissenschaftlich fester Standpunkt, an Kenntnissen zu Rilke, geschweige zu okkulten Phänomen kann ich nicht mithalten, aber an zwei Sachen habe ich mich gestoßen. Maltes "Ich lerne sehen" würde ich nie primär vor einem okkulten Hintergrund verstehen, sondern vor dem werkgeschichtlichen und biographischen der Begegnung mit Rodin. Rodin weckt Rilkes Verlangen danach, die Haut der Dinge zu sehen, ihre Oberfläche, Farbe und Erscheinung, und danach, sie in der Sprache darzustellen, sicher, nicht allein als Oberfläche usw., aber das Wesen soll ja auch erscheinen, und darauf liegt für mich der Akzent, auf dem Sichtbaren, darum läuft Rilke stundenlang durch die Straßen von Paris, und schaut, er kann gar nicht genug schauen ("gierig und unersättlich" schreibt K. Kippenberg) an Kirchen, Parks, zoologischen Gärten, Passanten, Kunstwerken, Gegenständen usf.

Das andere ist die Rede von der "écriture automatique", von der ich auch nicht viel weiß, und die ich mit einiger Voreingenommenheit trotzdem für eine Art gutgemeinter Illusion halte angesichts der Vermitteltheit unseres sprachlichen Bewußtseins. Ich glaube, Rilkes "Diktate", also Teile des Stundenbuchs, auch der "Neuen Gedichte" und besonders natürlich der Elegien und Orpheus-Sonette etwa mit den Postulaten von Breton und den spontaneistischen Schriften anderer "Surrealisten" zu vergleichen – da scheinen mir bei Rilke doch andere Klarheit und andere Dauer zu herrschen. Ich sehe sein Tun als Ernte einer sprachlichen Arbeit, die er Tag für Tag und Jahr um Jahr geleistet hat, und die offenbar so lange Zeiträume braucht, um auszureifen und als "Stimme" vernommen zu werden.

Soweit meine Einwände, allerdings bin ich Rilke-Dilettant und kein Rilke-Forscher (mich hat erst dieses Forum auf die Spur gebracht), und sie ändern auch nichts an dem eingangs Geäußerten, daß ich den Aufsatz mit Interesse und Gewinn gelesen habe.

Grüße, helle

stilz
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Beitrag von stilz » 15. Jan 2007, 13:27

In diesem Zusammenhang möchte ich der Vollständigkeit halber erwähnen, daß Gísli in seinem Artikel ja auch nicht mit dem Anspruch auftritt, Rilke umfassend und von allen Seiten zu erforschen...
Er weist ausdrücklich darauf hin, wenn er schreibt:

Die vorhandene Affinität, um nicht zu sagen Zugehörigkeit, zum okkultistischen und esoterischen Diskurs ist hingegen [bisher] marginalisiert und verschwiegen worden. In diesem Artikel soll ein kleiner Schritt getan werden, um dieses Defizit zu beheben.

Was Du, helle, zu "Ich lerne sehen" und Rodin sagst, dem kann ich sehr viel abgewinnen!
Ich bin nicht Rilke-Experte (auch ich hab ihn erst durch dieses Forum näher kennengelernt :D ) und schon gar nicht Okkultismus-Experte... dennoch möchte ich anmerken, daß für mich kein Widerspruch darin zu liegen scheint, Maltes "Ich lerne sehen" sowohl auf Rodin als auch auf "Okkultes" zu beziehen.
Schließlich: was heißt "okkult"? verborgen...
Und ist nicht auch das, was Rodin "gesehen" hat, wenn er die "Haut" der Dinge sieht, und damit das, woran sie grenzen... und wenn er als Bildhauer auch das, was in einem "Ungeformten" drinstecken könnte, erkennt... ist nicht auch das alles, bevor es gesehen wurde, "okkult" gewesen?

fragt sich und die Welt

Ingrid
Zuletzt geändert von stilz am 3. Mär 2008, 11:27, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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