Rilke zu seinen expressionistischen Zeitgenossen?

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MikeInMKE
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Rilke zu seinen expressionistischen Zeitgenossen?

Beitrag von MikeInMKE » 24. Aug 2007, 17:26

Ich bin gerade bei der Suche nach Äußerungen Rilkes über den Expressionismus bzw. über Dichter, die dem Expressionismus zugeordnet werden könnten.

Bisher habe ich sehr wenig gefunden. Im Band Briefe 1914-1921 ist auf Seite 226 eine Stelle, die ich gefunden habe und wieder anschauen muss....

Ich bin für jeden Hinweis dankbar.

der Mike in Milwaukee

helle
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Beitrag von helle » 24. Aug 2007, 20:31

Vieles am Expressionismus war Rilke zu laut, aber einzelnes und Einzelne schätzte er sehr, vor allem die ersten Gedichtbände von Werfel, eine Besonderheit für ihn war Trakl und auch Georg Heym hat ihn berührt. Zu Gottfried Benn hat er sich, so weit ich sehe, nie geäußert. Da ich z.Z. nichts nachsehen kann, empfehle ich einen Blick in das Rilke-Handbuch von M. Engel, die Rilke-Chronik von I. Schnack oder eine Ausgabe von Rilkes Briefen mit Namensregister.

Gruß, h.

MikeInMKE
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Beitrag von MikeInMKE » 30. Aug 2007, 04:42

Vielen Dank für die Vorschläge und Hinweise, Helle. Das ist schon ein Vorteil, den die englischsprachige Sekundärliteratur (wenigstens bis vor ein paar Jahrzehnten) über die deutschsprachige hat: einen guten 'Index'. Aber es stimmt, dass die Briefbände meistens ein Namensregister haben. Engels Buch werde ich anschauen. Danke!

Hat sonst jemand weitere Hinweise?

helle
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Beitrag von helle » 12. Sep 2007, 11:05

Einmal schreibt Rilke, das Datum habe ich nicht zur Hand:

"Heute ist ein Plakat ausgehängt worden bei Goltz, das die ganze Berliner "Neue Jugend", ihn, Däubler, die Lasker-Schüler, Becher, George Groß [sic!] und Herzfelde anzeigt, die alle zusammen am 17. einen Abend an sich reißen. Dem bin ich, fürchte ich, nicht gewachsen."

Sprechend finde ich die Wendung "an sich reißen". Zum Thema gehören Briefe an Thankmar Freiherr von Münchhausen vom 13/XI/16, an Anton Kippenberg, 28/X/25. Ferner das folgende Zitat, allgemein zum Expressionismus, und Aussagen zu einzelnen Dichtern, außer zu Trakl, s.u., vor allem zu Heym und Werfel. Eine persönliche Begegnung mit Werfel endete eher enttäuschend, das kann man hier und dort nachlesen.

"Der Expressionist, dieser explosiv gewordene Innenmensch, der die Lava seines kochendes Gemüts über alle Dinge gießt, um darauf zu bestehen, daß die zufällige Form, in der die Krusten erstarren, der neue, der künftige, der gültige Umriß des Daseins sei, ist eben ein Verzweifelter, und die Ehrlichen unter ihnen mag man auswüten und gewähren lassen. Vielleicht wird durch diese auffälligen und aufdringlichen Erscheinungen (die nur in ihrer kommerziellen Verwertung ganz widerlich werden) der Blick von dem zarten Wachstum dessen abgelenkt, was wirklich, nach und nach, als Zukunft sich herausstellen wird. Es ist so begreiflich, daß die Menschen ungeduldig geworden sind, – und doch, was tut jetzt mehr not als Geduld, Wunden brauchen Zeit und heilen nicht dadurch, daß man Fahnen in sie einpflanzt. Irgendwie anders muß die Welt in ein haltbares Bewußtsein eingehen, und vielleicht das Erste, woran sie sich wiederfindet, ein ganz Unscheinbares. jedenfalls ein Unsägliches sein! Mir scheint das Mindeste Aufbauen, das jeder Einzelne an seiner Stelle versucht, der einfach wieder hobelnde Tischler, der wieder hämmernde Schmied, der wieder rechnende und bedenkende Kaufmann: Das sind die Fortschreitenden, das sind die reinen Revolutionäre , je mehr, je stiller und tätiger und werkliebender sie, jeder an einem Platze, sich bemühen." (an Anni Mewes, 12/IX/19)

Zu Trakl:
"Auf Ihren letzten Brief hätte ich Ihnen gerne berichtet, wie ich im Juli, in Paris, mit Georg Trakls Gedichten grade sehr viel, sehr ergriffen umgegangen war; inzwischen hat sich sein Schicksal um ihn geschlossen, und nun ist er freilich noch deutlicher zu erkennen, wieweit sein Werk schon aus dem schicksalhaft Unergänglichen ausgetreten und ausgeworfen war.
[...]
Dienstag früh. (Nachschrift)
Gestern abend fand ich in dem Umschlag, aus dem ich mir den Kierkegaard entnommen hatte, Trakls Helian –, und danke Ihnen nun ganz besonders für die Sendung. Jedes Anheben und Hingeben in diesem schönen Gedicht ist von einer unsäglichen Süßigkeit, ganz ergreifen ward es mir durch seine inneren Abstände, es ist gleichsam auf seine Pausen aufgebaut, ein paar Einfriedungen um das grenzenlos Wortlose: so stehen die Zeilen da. Wie Zäune in einem flachen Land, über die hin das Eingezäunte fortwährend zu einer u8nbesitzbaren großen Ebene zusammenschlägt.
Wann ist der Helian geschrieben? Vielleicht haben Sie irgendwo ein paar Daten und Erinnerungen über den Dichter zusammengestellt?; sollten Sie derartiges an die Öffentlichkeit geben, so bitte ich um einen Hinweis, wo es zu lesen ist. Trakls Gestalt gehört zu den linoshafr Mythischen; instinktiv faß ich sie in den fünf Erscheinungen des Helian. Greifbarer hat sie wohl nicht zu sein, war sie es wohl nicht aus ihm selbst. Trotzdem erwünscht ich mir für manche Zeile einen Hinweis auf ihn, nicht um wörtlich zu »verstehn«, sondern nur um im Instinkt da und dort bestärkt zu sein.
(Die Nachrichten über T. in den »Weißen Blättern« habe ich gelesen.)"
(An Ludwig v. Ficker, 8/II/15)

"Inzwischen habe ich den »Sebastian im Traum« bekommen und viel darin gelesen: ergriffen, staunend, ahnend und ratlos; denn man begreift bald, daß die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens unwiederbringlich einzige waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum kommen mag. Ich denke mir, daß selbst der Nahestehende immer noch wie an Scheiben gepreßt diese Aussichten und Einblicke erfährt, als ein Ausgeschlossener: denn Trakles Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel. (Wer mag er gewesen sein?)."
(An Ludwig v. Ficker, 15/II/15)

"Das Traklsche Gedicht ist für mich ein Gegenstand von sublimer Existenz. Nun erschüttert mich erst recht, wie die von Anfang flüchtende, in Ihrer Beschreibung leise ausgesparte Gestalt imstande war, das Gewicht ihres fortwährendes Untergangs in so genauen Bildungen zu beweisen. Es fällt mir ein, daß dieses ganze Werk sein Gleichnis hätte in dem Sterben des Li-Tai-Pe: hier wie dort ist das Fallen Vorwand für die unaufhaltsamste Himmelfahrt.
In der Geschichte des Gedichts sind die Bücher Trakls wichtige Beiträge zur Befreiung der dichterischen Figur. Eine neue Dimension des geistigen Raums scheint mit ihnen ausgemessen und das gefühls-stoffliche Vorurteil widerlegt, als ob in der Richtung der Klage nur Klage sei -: auch dort ist wieder Welt."

(An Erhard Buschbeck, 22/II/07)

Rilke gebraucht im Zusammenhang mit Trakls Dichtung mehrfach den Begriff des Spiegelbilds. Ganz klar ist mir das nicht, deshalb würden mich andere Meinungen dazu interessieren.
Gruß, h.

MikeInMKE
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Beitrag von MikeInMKE » 17. Sep 2007, 16:48

Danke, Helle! Ja, dieses Zitat aus dem dem Brief vom Dez. 1919 ist wahrscheinlich das, was ich kurz notiert habe. Das ist nahezu perfekt für meine Zwecke.

Die Hinweise zu Trakl sind auch bezeichnend -- allerdings bräuchte ich mehr Zeit, das zu alanlysieren. Auf Anhieb denke ich an die Zweite Elegie. Rilke reiht Eigenschaften wahrscheinlichst in Bezug auf Engel auf: "... und plötzlich, einzeln, / Spiegel: die die entströmte Schönheit / wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz."

Ich müsste mehr darüber nachdenken.... aber danke nochmals für die Hinweise!

Mike

MikeInMKE
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Re: Rilke zu seinen expressionistischen Zeitgenossen?

Beitrag von MikeInMKE » 14. Aug 2008, 16:02

ich kann mich nicht erinnern, dass sich Rilke über Heym geäußert hätte... hätte da jemand einen genaueren Hinweis (in einem Brief? Datum?) ?

helle
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Re: Rilke zu seinen expressionistischen Zeitgenossen?

Beitrag von helle » 14. Aug 2008, 20:42

In solchen wie in anderen Fällen empfiehlt sich ein Blick in die Rilke-Chronik von Ingeborg Schnack, die in diesem Forum ja schon oft genannt wurde. Zu loben sind u.a. die vorzüglichen Register.

Mit Bezug auf das Buch Vom Wesen der Dichterphantasie schreibt Rilke seinem Verfasser Max Darnbacher am 16. April 1921:

»Meine große Bewunderung für Georg Heym hat mich in Stand gesetzt, an den bedeutenden Darlegungen dieses Aufsatzes einen ganz besonderen Anteil zu nehmen. Wie sehr würde man wünschen, den oder jenen verwandten Gegenstand von Ihnen behandelt zu sehen –, z.B. die eigentümlich gebrochene Gesetzmäßigkeit in den Versen Georg Trakls, der ja, wenn auch leider oft zu den Unverständlichen, so doch nirgends zu den "Pressanten" gehört. – Auch für Ihr schönes Rühmen Spittelers wüßte ich Ihnen Dank.«

Daß diese Äußerung nicht irgendeine ist, zeigt schon die Tatsache, daß Rilke am selben Tag in einem Brief an Katharina Kippenberg die »heillose Traditionslosigkeit des heutigen deutschen Schriftstellers« beklagt.

Gruß, h.

Harald
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Re: Rilke zu seinen expressionistischen Zeitgenossen?

Beitrag von Harald » 18. Nov 2009, 19:44

Ein Brief über Werfel mit einer für die Nachwelt schwer verdaulichen Stelle:

Mein lieber Hofmannsthal,
ich habe mir Zeit gelassen, Ihnen den verabredeten Brief über Werfel zu schreiben; nun will ich Ihnen gleich gestehn, daß es nicht so leicht ist, wie ich mirs damals im Englischen Garten vorstellte. Ich war wirklich darauf gefaßt, diesen jungen Menschen einfach zu umarmen, aber ich sah sofort, daß dies in keinem Fall möglich sei, daß ich wohl den herzlichsten Händedruck ausgeben dürfe, im übrigen aber, aufmerksam und vorsichtig, die Hände auf dem Rücken, mit ihm spazieren zu gehen habe. Was denn auch unsere, nicht unfruchtbare und unerfreuliche — Sache war.
Daß ein Teil meiner vorgefaßten Zuneigung un-angewendet bleiben mußte, will nicht etwa sagen, daß sie mir darüber verging, wenn sie auch auf dem Wege einer gewissen Umsetzung zu sein scheint. Der Jude, der Judenjunge, um es geradeaus zu sagen, hätte mir nichts verschlagen, aber es mochte mir doch wohl auch die durchaus jüdische Einstellung zu seiner Produktion fühlbar geworden sein, dieses connaître les choses pour ne pas les avoir eu, welches macht, daß, durch eine Spur Rache, die Ekstase, wie durch ein Ferment, stürmischer, aber auch trüber wird.
Ich habe, alles in allem, mich an der Begegnung gefreut, sie mit jedem Tag mehr so hingenommen, wie sie war, und schließlich eine Art Gleichgewicht
eintreten sehen zwischen meiner Erwartung und dem Wesentlichen dessen, was da gekommen war, — ohne daß ich dabei von meiner Waagschale Entscheidendes zurückzunehmen hatte. Alles war da, eine jedenfalls außergewöhnliche Begabung, eine starke Entschlossenheit zur vollkommensten Leistung, eine unerfundene natürliche Not, nur daß an alledem, letzthin, doch eine feine Fremdheit haftete, ein Geruch wie von anderer Gattung, etwas Unüberwindliches.
Vielleicht stimmen also unsere Eindrücke irgendwie überein, vielleicht ist alles getan, wenn ich Ihnen kurzweg recht gebe: dann bleiben wir ja auch durchaus einig im gespannten Abwarten dessen, wodurch diese Erscheinung sich wird eindeutiger zu beweisen haben.
An Hofmannsthal, 22.10.1913
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

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