Bewertung anderer Künstler

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

Moderatoren: Thilo, stilz

Antworten
Wursti
Beiträge: 1
Registriert: 18. Okt 2007, 12:11

Bewertung anderer Künstler

Beitrag von Wursti » 18. Okt 2007, 12:25

Wie wurde Rilke von anderen Künstlern seiner Zeit bewertet und wie bewertete er andere Künstler?

Wäre schön wenn ihr mir helfne könnten, brauche das für ein Vortrag in Deutsch

DoMi
Beiträge: 80
Registriert: 10. Aug 2007, 16:45
Wohnort: Bayern

Beitrag von DoMi » 20. Okt 2007, 14:03

Hallo "Wursti"

um dir selbst den zweiten Teil deiner Frage zumindest in groben Zügen beantworten zu können, wären die hier bei rilke.de stehenden Schriften über Kunst zumindest einmal ein Anfang.
Er schreibt dort nicht nur über die Künstler aus Worpswede und den Bildhauer Rodin, sondern es gibt auch eine Kritik über den Roman "Die Buddenbrooks" von Thomas Mann. So viel ich weiß bewertete Rilke zum Beispiel die früheren Werke Hesses, wie 'Eine Stunde hinter Mitternacht' oder 'Peter Camenzind' durchaus positiv, doch nicht herausragend. Hesse dagegen schätzte Rilke sehr.
Werfel, Trakl und Georg Heym aber würdigte er besonders und war glaube ich sehr von ihnen ergriffen.
Aber es ist eine sehr weitläufige Frage über die man alles mögliche schreiben könnte.
Stelle doch ein paar mehr konkrete Fraegn, dann gibt es hier sicher eine Menge an Menschen, die dir helfen können.

Aber lies erstmal seine Schriften, dann bekommst du einen guten Einblick und dann gib doch mal ein paar Begriffe in die Suchfunktion ein. Ich bin mir sicher du findest einiges!

Liebe Grüße

Dominik

helle
Beiträge: 306
Registriert: 6. Mai 2005, 11:08
Wohnort: Norddeutsche Tiefebene

Beitrag von helle » 23. Okt 2007, 20:54

So unkonkret finde ich die Frage nicht, jedenfalls konkreter als die, die im Zusammenhang mit dem »Panther« gestellt wurden und ja auch wirklich ungeheuer komisch und ergiebig sind.

Die Frage benennt beide Seiten, Rilkes Urteile über andere Autoren und die Urteile über Rilke, in manchen Fällen kann man beides auf eine Person beziehen, z.B. bei Georg Heym, den Rilke in der Tat schätzte und der sich seinerseits sehr verächtlich über Rilke geäußert und ihn, wenn ich nicht irre, als überschminktes Frauenzimmer bezeichnet hat. Dagegen ist mir keine Äußerung Trakls zu Rilke bekannt, das hätte mich interessiert, weil in solche Äußerungen natürlich auch immer etwas vom jeweiligen Dichtungskonzept eingeht. Bei Gottfried Benn ist es umgekehrt, obwohl Rilke zweifellos einige Gedichte von ihm gekannt haben muß, etwa den »D-Zug«, aber ich habe nie eine Äußerung von ihm zu Benn gefunden, vielleicht weiß es hier ja jemand besser. Benn hat sich sogar und nicht ohne Grund gefragt, ob Rilke nicht mal eine spezifische Form, die er vor allem in den Zwanziger Jahren gebraucht hat, nämlich die achtzeilige Reimstrophe, von ihm übernommen hat, es ist schwer, darauf zu antworten. Auch von Benn gibt es sehr häßliche und polemische Äußerungen zu Rilke, z.B. zum Archaischen Torso Apoll, das will ich hier lieber gar nicht anführen, aber andererseits hat er in vielen Äußerungen Rilke auch wieder bewundert und manchmal wiegt dann solche Bewunderung umso mehr, wenn man ihre Gegenseite kennt. "Gemisch aus männlichem Schmutz und lyrischer Größe" sagt er einmal und das zeigt diese Ambivalenz. Ich denke, wenn man zusammenstellte, wie Rilke über George oder Hofmannsthal spricht und diese ihrerseits von Rilke, dann ist das mehr als bloße Geschmacksbekundungen, dann liegt auch etwas von der zeitlichen und poetischen Konstellation darin, aber das kann man natürlich hier in einem Internet-Forum nicht ausführen, da muß man schon mal selbst zur Quelle gehen. An früherer Stelle wurde hier schon einmal auf das Buch hingewiesen, dem man sicher viele Hinweise und Kommentierungen entnehmen kann, ich muß aber gestehen, daß ich es nicht kenne. Es sind aber auch nicht nur die deutschen Zeitgenossen, zu denen man auch Dehmel, Liliencron, Däubler, die Lasker-Schüler, Werfel, Stefan Zweig, Hesse und manchen anderen hinzunehmen müßte, um sich ein Bild davon zu machen, welches Bild, welche Bilder sich Rilke von diesen Gestalten macht, sondern dazu kommen auch die Alten, Stifter, Goethe, Kleist oder Hölderlin pp., und man kann sich fragen, warum Rilke andere wieder komplett ignoriert wie Heine oder Lessing, diese Fragen zählen ebenso zur Wertungsgeschichte wie die Kenntnis der Ausländer, von denen er ja so viele übersetzt und sich auf diese Art angeeignet hat, Baudelaires, Jacobsen, Valéry etc. pp.

Von allen literarischen Urteilen Rilkes hat mich sein hellsichtiges Wort über Franz Kafka am meisten beeindruckt, denn damals, 1922, war Kafka eine noch wenig bekannte Größe, kein Vergleich mit heute, aber Rilke wußte eben etwas von Literatur und schrieb an Kafkas Verleger Kurt Wolff, der ihm verschiedene Bücher geschickt hatte: "nur das Buch Kafka's hab ich mir schon jetzt, gestern Abend, mitten in anderen Beschäftigungen, vorweggenommen. Ich habe nie eine Zeile von diesem Autor gelesen, die mir nicht auf das Eigenthümlichste mich angehend oder erstaunend gewesen wäre. [...] merken Sie mich, bitte, immer ganz besonders für alles vor, was von Franz Kafka bei Ihnen an den Tag kommt."

Hier spricht das Urteil ebenso für den Urteilenden wie für den Beurteilten. Wenn man von Kafka spricht, nehmen diese Worte gleich eine andere Färbung an.
Gruß
von h.

DoMi
Beiträge: 80
Registriert: 10. Aug 2007, 16:45
Wohnort: Bayern

Beitrag von DoMi » 24. Okt 2007, 17:49

Hallo,

danke, Helle, für diese vielen Informationen! Das Zitat über Kafka ist wirklich interessant....
Mein Wissen ist halt leider noch sehr bescheiden :cry: ...muss halt noch viel lernen. Aber dafür bin ich ja hier!!! :)
Mir fällt gerade ein, dass Rilke auch Georg Büchner und vor allem dessen "Woyzeck" sehr schätzte. Hierzu habe ich ein Zitat aus einem Brief an Maria von Thurn und Taxis vom 9. Juli 1915 gefunden:
„[...]der Woyzeck Georg Büchners [...] Eine ungeheure Sache, vor mehr als achtzig Jahren geschrieben ... nichts als das Schicksal eines gemeinen Soldaten (um 1848 etwa), der seine ungetreue Geliebte ersticht, aber gewaltig darstellend, wie um die mindeste Existenz, für die selbst die Uniform eines gewöhnlichen Infanteristen zu weit und zu betont erscheint, wie selbst um den Rekruten Woyzeck, alle Größe des Daseins steht, wie er’s nicht hindern kann, dass bald da, bald dort, vor, hinter, zu Seiten seiner dumpfen Seele die Horizonte ins Gewaltige, ins Ungeheure, ins Unendliche aufreißen, ein Schauspiel ohnegleichen, wie dieser missbrauchte Mensch in seiner Stalljacke im Weltall steht, malgré lui, im unendlichen Bezug der Sterne. Das ist Theater, so könnte Theater sein.“
Liebe Grüße

Dominik

Antworten