Namen

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

Moderatoren: Thilo, stilz

Antworten
helle
Beiträge: 306
Registriert: 6. Mai 2005, 11:08
Wohnort: Norddeutsche Tiefebene

Namen

Beitrag von helle » 31. Dez 2007, 12:56

Ich richte mich an den Teilnehmer »12241224«,

eine Anrede fällt mir doch etwas schwer. Irgendwo hake ich zwischen Krieg der Sterne, Strichcode, Telephonnummer und Volkszählung. Vermutlich haben die meisten Nutzer in diesem Forum einen Forumsnamen, ein Pseudonym, so wie ich selbst, und manche geben nur ihren Vornamen an, was noch immer ausreichend Anonymität bietet. Dafür, hier nicht mit seinem richtigen oder ganzen Namen aufzutreten, gibt es sicher gute Gründe, trotzdem behalten solche Namen wie helle, gliwi, stilz, Anna Blume oder Volker doch das Aussehen des Namens, und innerhalb eines solchen Forums haben sie sogar eine Eigenschaft, die uns im gesellschaftlichen Leben in der Regel versagt bleibt, nämlich Einzigartigkeit. (Obwohl sich manche Eltern in der Originalität der Namensgebung geradezu überbieten, offenbar in dem Glauben, die Einzigartigkeit eines Namens sorge auch schon für die Einzigartigkeit der Person) Goethe sagt mal: »Der Eigenname eines Menschen ist nicht etwa wie ein Mantel, der bloß um ihn her hängt, sondern ein vollkommen passendes Kleid, ja wie die Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben und schindern darf, ohne ihn selbst zu verletzen.« Um zu verstehen, daß das nicht nur Blödsinn ist, braucht man sich nur vorzustellen, wie oft und mit wie vielen Nuancen man in seinem Leben beim Namen genannt wird, und wieviel Töne da die Musik machen können. Soweit wie Goethe muß man zwar nicht gehen, aber eine Zahl als Namen anzugeben, finde ich grauenhaft. Es erinnert mich an die Wendung von der "Identifikation mit dem Angreifer", in diesem Fall dem technischen Denken. Und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn sich alle Teilnehmer eines Forum nur noch mit Zahlennamen anredeten.

Ich weiß nicht so genau, wie Rilke über Namen und Namensgebung denkt, aber ganz unwichtig kann es ihm nicht gewesen sein, bekanntlich hat er ja seinen Namen auf Anraten von Lou Andreas-Salomé noch als junger Mann verändert. Dann gibt es eine Anekdote der Gräfin Thurn und Taxis, die für Rilke einen besonderen Namen finden wollte (sie kommt auf »Doctor Seraphicus«, das lasse ich lieber unkommentiert) und ihm darlegt, ihr sei »Rainer Maria Rilke« zu lang, »Rilke« zu kurz, und das sei auch keinesfalls sein wahrer Name (warum auch immer) und »Rainer Maria« nicht respektvoll genug. Und sie schreibt: "Wie lachte er über diese Erklärung, über meinen Respekt und meine Schwierigkeiten! Aber er war sehr neugierig zu erfahren, was ich mir ausdenken würde. »Ein neuer Name! denken Sie doch, Fürstin, das kann etwas Ungeheuerliches werden, und vielleicht ist es wirklich mein Name – der geheimnisvolle Name, der mir gehört ...«".

Soweit muß man hier wiederum nicht gehen, aber könnte es eventuell auch eine Idee klangvoller und einfallsreicher als »12241224« sein?

fragt (sich) helle

– Guten Rutsch den üblichen Verdächtigen!

gliwi
Beiträge: 941
Registriert: 11. Nov 2002, 23:33
Wohnort: Ba-Wü

Beitrag von gliwi » 31. Dez 2007, 19:11

Das hast du wirklich schön gesagt, helle, da stimme ich dir voll zu. Ich habe drüber nachgedacht, ob ich bei dieser Namensgebung einschreiten soll, aber dann dachte ich:" Wer bin ich, dass..." und habe es gelassen - wer hier lesenswerte Beiträge leistet, soll uns willkommen sein.
Danke für die guten Wünsche, auch dir ein gutes neues Jahr!
Gruß
Christiane
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

Antworten