Rilke und Bach

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

Moderatoren: Thilo, stilz

Charlotte

Rilke und Bach

Beitrag von Charlotte » 15. Mär 2004, 23:29

Hallo,

da ich gerade im Chor die "Matthäuspassion" von J.S.Bach singe und mich auch sehr für Rilke interessiere, würde ich gerne wissen, ob Rilke die "Matthäuspassion" von J.S. Bach auch gekannt hat? Gibt es dazu Äusserungen von ihm ?

Freue mich sehr über Antworten!

Freundliche Grüsse,
Charlotte

Renée
Beiträge: 145
Registriert: 4. Feb 2004, 22:44
Wohnort: Marburg

Rilke und Bach

Beitrag von Renée » 16. Mär 2004, 13:38



Liebe Charlotte,

Rilke hat am 20. und 21.März 1920 die Matthäus-Passion in einer Aufführung des Basler Gesangvereins im Basler Münster gehört. Er schreibt darüber einen langen Brief an Nanny Wunderly-Volkart vom 22.3.20 ( Rilke: Briefe an NWV, Bd 1, S.193 f) U.a. heißt es da: "Erb, als Evangelist, war von großartiger Beherrschung.."

Übrigens hat die Geigerin Alma Moodie, die öfter gemeinsam mit Werner Reinhart in Muzot war, Bach gespielt, so auch bei Rilkes Beerdigung in Raron.

Grüße, Renée

Barbara
Beiträge: 484
Registriert: 30. Dez 2003, 17:54
Wohnort: Stuttgart Bad Cannstatt
Kontaktdaten:

Beitrag von Barbara » 16. Mär 2004, 18:37

Hallo Charlotte, hallo Renèe,

noch eine kleine Ergänzung dazu:

den Brief - mit Fotos - gibt es übrigens auch im Internet unter

http://mailer.uni-marburg.de/~naeser/rilke.htm

Rilke legte dem Brief das Text-Heft bei, in dem er das Sopran-Rezitativ "Er hat uns allen wohlgetan" und das Baßrezitativ "Am Abend, da es kühle war" markiert hat. Der auch in seinem zeitlichen Kontext außergewöhnliche Text ist auch im Mitteilungsblatt Nr. 52 (Sommer 2003) der Neuen Bachgesellschaft e.V., Leipzig -
http://www.mcpetersen.net/newbach/deutsch/index.htm - zu finden .

Viele Grüsse von Barbara

Charlotte

Beitrag von Charlotte » 18. Mär 2004, 18:40

Hallo,

danke für die Antworten !

Schön, dass auch R.M. Rilke J.S. Bachs "Matthäuspassion" kannte und gehört hat.

Ich bin nun ganz neugierig geworden, ob es noch andere Äusserungen von Rilke zur Musik gibt. Vielleicht weiß ja jemand noch mehr dazu ?!

Auf jeden Fall: danke für die Informationen zur "Matthäuspassion"!

Charlotte

Barbara
Beiträge: 484
Registriert: 30. Dez 2003, 17:54
Wohnort: Stuttgart Bad Cannstatt
Kontaktdaten:

Rilke und Musik

Beitrag von Barbara » 21. Mär 2004, 17:03

Hallo liebe Rilke- und Musik-Freunde, liebe Charlotte,

R. M. Rilke hat einige Gedichte zum Thema Musik geschrieben. Nicht zuletzt auch die "Sonette an Orpheus" - den "Gott mit der Leier" (RMR: "Sonette an Orpheus" I/XIX). Unter Gedichte findet man einige davon auch bei rilke.de.

Ein Gedicht - aus dem Nachlass - möchte ich hier gerne zitieren:

R.M. Rilke: An die Musik

Musik: Atem der Statuen. Vielleicht:
Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen
enden. Du Zeit,
die senkrecht steht auf der Richtung vergehender Herzen.

Gefühle zu wem? O du der Gefühle
Wandlung in was? -: in hörbare Landschaft.
Du Fremde: Musik. Du uns entwachsener
Herzraum. Innigstes unser,
das, uns übersteigend, hinausdrängt, -
heiliger Abschied:
da uns das Innre umsteht
als geübteste Ferne, als andre
Seite der Luft:
rein,
riesig,
nicht mehr bewohnbar.


R.M. Rilke sah in der Musik zunächst wohl eher ein Unbestimmtes - ja Gefahr bergendes -. Am 13.11.1908 schreibt er dazu an S. Nàdherný:

"Einmal ja, wenn ich wissen werde, daß ein Kern von Dasein in mir ist , den es nicht mehr mitreißt aus mir hinaus und von Weltraum zu Weltraum; wenn ich mich schwer genug fühlen werde diesem Anheben und Hinnehmen gegenüber, das Musik für mich ist: dann werde ich es durch mich durchschwingen lassen, so daß meines Körpers Umriß undeutlich wird für mich, und mein sicheres Innere werd ich hineinhalten, wie in flüssiges Gold, und es strahlend herausholen aus dem rückfluthenden Bad. .- Aber bis dahin ist Musik eine Gefahr für mich."
(RMR: Briefe an Sidonie Nàdherný von Borutin, Frankfurt/ Main, 1973, S. 91)

In seinem Spätwerk ist Musik die "Verwandlung" alles Sinnlichen in den für uns unbetretbaren Raum eines reinen und geborgenen Seins . Schon am 17.11.1912 schreibt er an Marie von Thurn und Taxis:

"daß diese wahrhaftige, ja diese einzige Verführung, die die Musik ist, (nichts ver-führt doch sonst im Grunde) nur so erlaubt sein darf, daß sie zur Gesetzmäßigkeit verführe , zum Gesetz selbst. Denn in ihr allein tritt der unerhörte Fall ein, daß das Gesetz , das doch sonst immer befiehlt, flehentlich wird, offen, unendlich unser bedürftig. Hinter diesem Vor-wand von Tönen nähert sich das All , auf der einen Seite sind wir , auf der andern durch nichts von uns abgetrennt, als durch ein bischen gerührte Luft, aufgeregt durch uns, zittert die Neigung der Sterne. Darum besticht es mich so, (...) zu glauben, daß nicht allein das Hörbare in der Musik entscheidend sei, denn es kann etwas angenehm zu hören sein, ohne daß es wahr sei; mir, dem es überaus wichtig ist , daß in allen Künsten nicht der Anschein entscheidet, ihr "Wirken" (nicht das sogenannte "Schöne",) sondern die tiefste, innerste Ursache, das vergrabene Sein, das diesen Anschein, der durchaus nicht gleich als Schönheit muss einsehbar werden, hervorruft, - mir würde es verständlich sein, daß man in den Mysterien eingeweiht wurde in die Rückseite der Musik." (R.M. Rilke/ Marie von Thurn und Taxis: Briefwechsel , 2 Bände , hg. v. Ernst Zinn, mit einem Geleitwort von R. Kassner, Zürich 1951, unveränderte Neuausgabe: Frankfurt/Main, 1986, I, 236f.)

Auch im "Malte" steht etwas über Musik (RMR: KA III, zb S. 507-509). Und in seiner Abhandlung "Marginalien zu Friedrich Nietzsche / Die Geburt der Tragödie" heisst es u.a.: "...Gottes unendliche Freiheit wurde durch die Schöpfung beschränkt. Mit jedem Ding wurde ein Stück seiner Kraft gebunden. Aber nicht sein ganzer Wille ist mit der Schöpfung verknüpft. Musik (Rhythmus) ist der freie Überfluß Gottes, der sich noch nicht an Erscheinungen erschöpft hat, und an diesem versuchen sich die Künstler in dem unbestimmten Drange, die Welt nachträglich in dem Sinne zu ergänzen, in welchem diese Stärke , weiterschaffend , gewirkt hätte und Bilder aufzustellen jener Wirklichkeiten, die noch aus ihr hervorgegangen wären..."(RMR: KA IV, S. 161f.).

Wieder einen anderen - eher technischen - Aspekt finden wir in R.M. Rilkes "Ur-Geräusch", wo er über den Phonograph schreibt und seine Idee ist: "...Was wird mir nun immer wieder innerlich vorgeschlagen? Es ist dieses: Die Kronen-Naht des Schädels (was nun zunächst zu untersuchen wäre) hat - nehmen wirs an - eine gewisse Ähnlichkeit mit der dicht gewundenen Linie , die der Stift eines Phonographen in den empfangenden rotierenden Zylinder des Apparates eingräbt. Wie nun , wenn man diesen Stift täuschte und ihn, wo er zurückzugleiten hat, über eine Spur lenkte, die nicht aus der graphischen Übersetzung eines Tones stammten, sondern ein an sich und natürlich Bestehendes - gut: sprechen wirs nur aus: eben (z.B.) die Kronen-Naht wäre -: Was würde geschehen? Ein Ton müßte entstehen, eine Ton-Folge, eine Musik..." (RMR: KA IV, S. 701f.)

Vieles liesse sich darüber noch sagen.... (Mit J.S.Bach hat das aber wohl nicht mehr so viel zu tun...)


RMR: Sonette an Orpheus, I/XIX

Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,
weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.


Aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil (1922)

Freundliche Grüße von Barbara

p.s.: Bei diesen Ausführungen hat mir der Kommentar in RMR: KA, II, S. 553 ff. wertvolle Hinweise gegeben.

Gast

Beitrag von Gast » 21. Mär 2004, 20:08

Hallo Barbara,
auch wenn es nichts mehr mit Bach zu tun hat, ist das Thema Rilke und Musik sehr anregend. Mich erstaunt immer wieder, wie extrem feinfühlig Rilke war, wenn es um die nicht sichtbaren Dinge ging. Dass Klänge die Vorform der Schöpfung sind, ist nicht erst aus der Bibel bekannt („Im Anfang war das Wort“). Auch die australischen Ureinwohner versuchen beim Spielen des Didjereedoos die ursprüngliche Schwingung, den Urklang von Tieren, Pflanzen oder Naturphänomenen darzustellen. Auch die vedischen Überlieferungen erwähnen die universale Bedeutung des Klanges (Nada-Yoga). Der als Urlaut und heilig geltende Laut „OM“ soll beispielsweise nur mit Pausen zwischen den Wiederholungen gesungen werden, damit das Unhörbare sprich „die Rückseite der Musik“ zur Wirkung kommen kann!

Rilke hat diese Wahrheiten empathisch wahrgenommen, nicht intellektuell, daher auch sein großer Respekt bis hin zur Angst vor der Musik. Das ist das Großartige an seinem Leben: sich bis zum letzten Blutstropfen (und er ist bezeichnenderweise an Leukämie gestorben!) auf die Schöpfung einzulassen, um sie von innen her zu erleben (Weltinnenraum, den er suchte, aber nicht in allerletzter Konsequenz fand). Wenn man Rilkes Vision erfüllen will, dann vielleicht indem man den Beweis antritt, dass man sich auf alles einlassen kann, ohne (physisch) zu verbrennen bzw. auszubrennen (vgl. sein letztes Gedicht, „Komm du letzter...“) . Wenn ich überhaupt einen Ehrgeiz habe, dann wohl diesen!

Liebe Grüße :?

Marie
Beiträge: 308
Registriert: 9. Mär 2003, 21:27
Wohnort: rhld.-pfalz

Beitrag von Marie » 21. Mär 2004, 20:11

...sorry! Hatte vergessen mich einzuloggen.
"Liebe Grüße + Smilie" steht aber so wie so immer für "Marie"!

Barbara
Beiträge: 484
Registriert: 30. Dez 2003, 17:54
Wohnort: Stuttgart Bad Cannstatt
Kontaktdaten:

Beitrag von Barbara » 21. Mär 2004, 21:08

Hallo,

ich habe gerade noch ein Gedicht zum Thema Musik gefunden, dass R.M.Rilke der Geigerin Lucie Wedekind-Simon widmete - zum Andenken an ihre jung verstorbene Schwester sowie eine verstorbene Freundin. Geschrieben hat er es 1924 in Muzot.

RMR: Musik (1924)

Wüsste ich für wen ich spiele, ach!
immer könnt ich rauschen wie der Bach.

Ahnte ich, ob tote Kinder gern
tönen hören meinen innern Stern;

ob die Mädchen, die vergangen sind,
lauschend wehn um mich im Abendwind.

Ob ich einem, welcher zornig war,
leise streife durch das Totenhaar...

Denn was wär Musik, wenn sie nicht ging
weit hinüber über jedes Ding.

Sie, gewiss, die weht, sie weiss es nicht,
wo uns die Verwandlung unterbricht.

Dass uns Freunde hören, ist wohl gut -,
aber sie sind nicht so ausgeruht

wie die Andern, die man nicht mehr sieht:
tiefer fühlen sie ein Lebens-Lied,

weil sie wehen unter dem, was weht,
und vergehen, wenn der Ton vergeht.


Liebe Grüße, Barbara :wink:

e.u.
Beiträge: 320
Registriert: 5. Jun 2003, 10:29

Beitrag von e.u. » 24. Mär 2004, 09:32

Hallo,

... und Rilke hat auch in den schweizer Jahren die Geigerin Alma Moody gehört, die von den Reinharts gesponsort wurde. Leider habe ich nie mehr etwas von dieser Dame gehört. Gibt es von ihr Einspielungen auf Platte, CDs usw. ? Dankbar für jeden Hinweis ist e.u.

Gast

Beitrag von Gast » 25. Mär 2004, 10:38

Hallo e.u.
die Dame heisst korrekt Alma Moodie. Sie hat auch bei Rilkes Beerdigung gespielt. Wer weiß, welches Musikstück das war? Aber CDs von ihr kenne ich auch nicht.
Bo

Barbara
Beiträge: 484
Registriert: 30. Dez 2003, 17:54
Wohnort: Stuttgart Bad Cannstatt
Kontaktdaten:

zu Alma Moodie

Beitrag von Barbara » 25. Mär 2004, 18:09

Hallo e.u.,

wegen einer Aufnahme würde ich es mal beim Ernst-Krenek-Institut versuchen - online unter:

http://www.krenek.com .

Alma Moodie hat mit Ernst Krenek zusammengearbeitet und er hat ihr die Violinsonate op.33 gewidmet .

Weitere Infos dazu auch unter:

http://www.stadtbibliothek.wien.at/ma09 ... ate-de.htm

Daneben gibt es ein Buch über Alma Moodie:

Autor: Dreyfus, Kay
Alma Moodie. In: Dreyfus, Kay, Engelhardt-Krajanek, Margarethe, Kühnen, Barbara, Die Geige war ihr Leben. Drei Frauen im Portrait. S.233-309
Ort: Strasshof
Jahr: 2000
Verlag: 4/4 Verlag

Vielleicht hilft das schon etwas weiter - und vielleicht findet sich auch noch eine Tonaufnahme?! Würde mich interessieren ...

Liebe Grüße, Barbara :lol:

ps: Renèe schreibt übrigens, weiter oben, Bo, dass Alma Moodie Bach gespielt hat - auch bei Rilkes Beerdigung

e.u.
Beiträge: 320
Registriert: 5. Jun 2003, 10:29

Beitrag von e.u. » 25. Mär 2004, 18:18

Vielen Dank, Barbara, für die guten Informationen. Ich werde mich also auf die Suche machen. Sollte ich fündig werden, werde ich's melden.
Beste Grüße: e.u.

Barbara
Beiträge: 484
Registriert: 30. Dez 2003, 17:54
Wohnort: Stuttgart Bad Cannstatt
Kontaktdaten:

Beitrag von Barbara » 25. Mär 2004, 22:18

Hallo e.u.,

hatte zu R.M.Rilke und E.Krenek ganz vergessen zu erwähnen, dass auch R.M.Rilke E. Krenek ein Gedicht ( - ja sogar eine Trilogie - ) gewidmet hat:

"O Lacrimosa (Trilogie zu einer zukünftigen Musik von Ernst Krenek)" geschrieben im Mai oder Juni 1925 in Paris.

E. Krenek schrieb dann später - veröffentlicht 1926 - "O Lacrimosa - Für eine hohe Stimme mit Klavierbegleitung". Op. 48 , das er "dem Dichter als kleine Gegengabe" widmet .

Soweit nur als Ergänzung ...

Viele Grüße von Barbara :lol:

Renée
Beiträge: 145
Registriert: 4. Feb 2004, 22:44
Wohnort: Marburg

Rilke und Bach

Beitrag von Renée » 25. Mär 2004, 22:52



Lieber e.u., eine kleine Ergaänzung zu Alma Moodie: in dem Band "Rilkes Leben und Werk im Bild" von Ingeborg Schnack findet sich ein Foto von Ostern 1923, Werner Reinhand, Alma Moodie und Rilke bei einem Besuch in Muzot (Nr. 350 in der Ausgabe von 1966).
Herzlich : Renée

Barbara
Beiträge: 484
Registriert: 30. Dez 2003, 17:54
Wohnort: Stuttgart Bad Cannstatt
Kontaktdaten:

Beitrag von Barbara » 25. Mär 2004, 23:27

Hallo,

... und noch mehr zu Alma Moodie: :wink:

Alma Moodie

am 12.09.1898 geboren in Rockhampton (Australien)/ Frankfurt, Geigenvirtuosin und Musikpädagogin, seit ihrer Kindheit in Europa konzertierend, in Deutschland durch Max Reger gefördert, befreundet mit Rilke, in der NS-Zeit Rückzug in die innere Emigration, seit 1937 Lehrerin am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt, zuletzt infolge der Zeitläufte gesundheitlich zerrüttet (gest. 07.03.1943) - Pfitzner und Krenek widmeten ihr Werke .

Quelle:

http://lernen.bildung.hessen.de/hessen/ ... at?monat=9

Liebe Grüße , Barbara :lol:

Antworten