Rilke als Leser

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

Moderatoren: Thilo, stilz

Fritz
Beiträge: 65
Registriert: 27. Feb 2005, 20:08
Wohnort: Berlin

Beitrag von Fritz » 15. Apr 2005, 11:29

Hallo,

weiss hier auch jemand wie Rilke gelesen hat: war er in der Bibliothek, war er auch Vorleser, Erzähler... ? Hat er laut oder leise, langsam oder rasch gelesen ?

Danke für Antworten.

Fritz :lol:

artiana
Beiträge: 5
Registriert: 5. Nov 2004, 21:38
Wohnort: Schweiz

Rilke als Lauschender Erzähler

Beitrag von artiana » 15. Apr 2005, 17:12

Hallo Fritz

ich zitiere aus meinem Lieblingsrilkebuch, eventuell uralt vergriffen,
Elisabeth von Schmidt-Pauli "Rainer Maria Rilke"
"Wie lauschte Rilke in die Menschen hinein! Am fremden Teetisch unter
Gleichgültigen sass er da mit horchender Stirn. Wenn er di Augen dann
blassblau zu dem einen oder anderen aufschlug und diese Augen dann
allmählich intensiv blau wurden vor Erfassen - wandelte sich das Gesicht
seines Gegenüber. Aehnlich wie die Musik die Schichten des Gesichtes
abnimmt, bs der Ausdruck frei wird, holte Rilke den Ausdruck hervor von
denen, mit denen er sprach. Denn jeder fühlte sich urplötzlich eingeflochten
in ein Wichtiges. Als Ton in einer über ihn wegbrausenden Melodie -
vielleicht dieses einen Mal nur erklingend!
"Wie schön dieser Mensch ist". konnte Rilke
oftmals sagen von dem, der uns am unscheinbarsten erschien.
Und wie sollte
dieser je wieder ganz seine Schönheit ablegen können!
Wenn Rilke dann aufstand und schmal und bescheiden den Kreis verliess,
vorsichtig die Tür hinter sich schliessend - blieb es eine Weile still. Jeder
musste den in ihm aufgeschreckten Klang erst wieder ausschwingen lassen
Es war etwas geschehen.

.....

Er rief mich gern zu Abenden, an denen er in Häusern von Freunden seine
Gedichte vortrug. Er las fast eintönig und legte den Akzent nur auf das Wort,
auf das es ihm im Vers ankam. Noch sehe ich ihn stehend unter dem Schirm
einer aufgestellten Lampe, während das Licht langsam über seine hohe
steile Stirn glitt. Diese Stirn überstieg in heiterer, besitzender Klarheit die
Qual des herabgezogenen Mundes
und das geniessende schlürfende
Eintrinken der Lippen und der Nasenflügel ....

.....Rilke setzte sich in einem Lehnstuhl mit zur Seite geneigten Kopf.
Die Damen brachten aus Ehrfurcht vor dem Dichter nur stockende Worte
hervor. Um Rilkes Mund legte sich ein Lächeln, das mir anzeigte wie sehr
er die Lage in seinen Humor eingelassen hatte. Da öffnete sich die hohe Tür
und die vierjährige Tochter des Hauses trat über die Schwelle. Es war ein
blasses, hauchzartes Kind in weissem Kleidchen mit einem Wiesenblumenkranz
über dem strähnigen, flachsblonden Haar.
Ihre übergrossen blauen Augen sahen unverwandt zu Rilke,
während sie langsam
auf ihn zuging.
"Weisst du denn wer das ist", fragte die Mutter.
"Das ist doch der Rilke", antwortete das Kind.
"Ja und wer ist dieser Rilke?" frug der Dichter selbst.
"Der Rilke ist ein grosser Dichter", sagte das Kind wie eingelernt und stand
dicht vor ihm.
Rilke nahm ihre Hände: "Sag, ist denn das etwas so besonderes?"
"Ach nein" sagte das Mädchen.

"Atem du unsichtbares Gedicht!
Immerfort um das eigene
Sein rein eingetauschter Weltraum"

R.M.Rilke


herzlich Artemis
Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten

Fritz
Beiträge: 65
Registriert: 27. Feb 2005, 20:08
Wohnort: Berlin

Beitrag von Fritz » 17. Apr 2005, 09:22

Hallo Artemis,

danke für diese interessanten Anekdoten um Rilke ! Die letzte Aussage kann ich nur unterstreichen und dennoch frage ich mich, ob es nicht ein Unterschied ist, wie ein Dichter / ein Künstler liest im Vergleich zu den Nicht-Dichtenden Lesenden . Ab und zu kann man dann Gedanken in dem Werk eines Dichters wiederfinden aus seiner Lektüre. Gerade Rilke beruft sich - in seinen Briefen - ja häufig auch auf seine Lektüren .

Viele Grüße von Fritz :lol:

artiana
Beiträge: 5
Registriert: 5. Nov 2004, 21:38
Wohnort: Schweiz

Beitrag von artiana » 17. Apr 2005, 11:33

8) Lieber Fritz
bist du denn Schauspieler? - Ich habe lange Jahre
mit Rilke verbracht, nur leider war damals keiner
dran interessiert, bevor
J.E. Berendt
Rilke wiederentdeckte galt Rilke als "nicht mehr verständlich".
1992 haben wir in Köln in einer Galerie Künstlertreffen
veranstaltet. Bilder, Dichterworte, Musik, Lesungen.
Da habe ich einmal die
Duineser Elegien
g a n z "gelesen".
Das war unglaublich aufregend.
Rilke laut zu interpretieren ist ein Ereignis.
Zwischen den Zeilen, in denLeerräumen
entstehen die Bilder, immer neu, es ist wie wenn er als
Sprachbildhauer gemeiselt hätte,
und jedes mal eine neue lebendige
Schwingung aus dem Werk rausrieselt.
Im letzten Jahr habe ich mit einem
jungen Geiger Rilke vertont ... vertonen wollen,
das ging nicht, er konnte
die offenen Räume nicht erleben, hielt sich zu sehr an
den Worten auf, d.h. er konnte sich auch musikalisch nicht
verbinden..
Jetzt werde ich mal wieder drangehen.
Auch wenn grade "alle Welt" Rilke liest. (im grossen Stil)
Rilke ist für mich eher in einem feinen kleinen Rahmen.
Ich sehe immer dieses einfache Lesen.
Es ist ein nachvollziehen.
Natürlich hat der Dichter Rilke
diese Worte ja aus dem inneren Lauschen
empfangen und konnte im Lesen dieses Empfangen
vielleicht wiedergeben,
aber wir können heute mit unserem modernen Bewusstsein,
neu ausloten. Wenn wir uns drauf einlassen, kann ein Schauspieler sich ganz
sicher dem Werk hingeben, wie ein Musiker alten Noten ...
und das Neue aus dem immer lebendigen Text rausmeiseln

Autorenlesungen sind ja heute sehr gefragt, es ist schon
auch spannend, einfach ganz anders, oft senken sie die
Augen auf den Text ohne sie jemals wieder zu heben,
sie wollen auch nicht interpretieren, sie haben ja einen
stillen Prozess während des Schreibens, vollzogen.
Vielleicht wollen wir hinter das Geheimnis schauen, wenn
wir Autoren lesen hören!? - Ich hab mal Kracht lesen gesehen,
auch als er ganz unbekannt war, und dann die Bühnenadaption
von 1979, das sind zwei paar Stiefel, salopp gesagt.
Vielleicht auch einfach Geschmackssache....

Grüsse von Artemis 8)
Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten

Fritz
Beiträge: 65
Registriert: 27. Feb 2005, 20:08
Wohnort: Berlin

Beitrag von Fritz » 18. Apr 2005, 20:32

Hallo Artemis,

wie kommst Du darauf, dass ich Schauspieler sein könnte ?

Die Erfahrung mit der Schwingung - wie in der Musik - durch Rilkes Gedichte habe ich auch schon gemacht . Rilke hilft uns dabei auch sehr durch seine Wortwahl, die Klangfarben... Es ist wunderbar , sich so ganz auf seine Gedichte einzulassen. Man kann sie erspüren. Und man kann sie so mitnehmen: mir hilft es auch im Alltag zur Ruhe , Gelassenheit zu kommen dadurch . Vielleicht hast Du unter Gedichte meinen Beitrag gelesen ? Was meinst Du dazu ?

Wenn Du magst, lass uns weiter darüber austauschen. Ich würde mich freuen.

Liebe Grüße von Fritz :lol:

artiana
Beiträge: 5
Registriert: 5. Nov 2004, 21:38
Wohnort: Schweiz

Beitrag von artiana » 18. Apr 2005, 20:45

Hallo Fritz
meinst du
eine Frage zu "Der Ölbaum-Garten".
?? sonst gib es mir an, es sind so viele beiträge und ich hab nicht sooo
viel Zeit, war ein Zufall, weil mir deine Frage ins mail geschneit ist....
Artemis
Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten

Fritz
Beiträge: 65
Registriert: 27. Feb 2005, 20:08
Wohnort: Berlin

Beitrag von Fritz » 18. Apr 2005, 20:52

Hallo Artemis,

mein Beitrag, auf den ich mich hier beziehe, steht unter dem Thema: Eine These: Bezug zwischen Innen und Aussen - bei Gedichte . Hier der Link :

http://rilke.de/phpboard/viewtopic.php? ... ight=#3900

Mich würde Deine Meinung dazu wirklich sehr interessieren !

Fritz :lol:

artiana
Beiträge: 5
Registriert: 5. Nov 2004, 21:38
Wohnort: Schweiz

Beitrag von artiana » 18. Apr 2005, 23:06

Intuitiv erwischt lieber Fritz!
ja - für mich persönlich - ja: Leben strömt durch alles

Ohne Anfang ohne Ende
Es gibt eine Blume des Lebens,
http://www.paranormal.de/paramirr/geo/01.html
auch Hologramm der Liebe, genannt - von Esoterikern,
vielleicht nur Menschen die den weltinnenraum erfahren und erforschen wollen.
(in diesem innenraum habe ich dieses ungetrennt seiende erlebt,
da ist kein unterschied zwischen baum und bank - tisch und bein - mensch
und tier - stern und kosmos - durch alle hindurch strömt das Eine Leben -
es verbindet alles .......

Gaudi hat das in der Architektur verwirklicht.
Wilhelm Reich in seiner Orgon Forschung. Die Inder nannten die
Lebenströme Prana, die Chinesen Chi.

Wir heute sind oft so beschäftigt mit Abtrennen, weil ... tja weil...
ich glaube das war auch schon immer so. Nicht weil es so viel gibt,
sondern weil wir so wenig SIND. Und weil es Mut braucht, damals
wie heute: "das Leben in Verantwortung zu leben - es im Tiefsten zu erleben.


Schmidt-Pauli sagt: "Blume und Tier erzählen uns noch von dieser Zugehörigkeit ins Ganze ihrer Welt - von der selbstsicheren Zufriedenheit
und Erfülltheit alles natürlichen Daseins. Rilke schaut auf die Rose, seine geliebte Blume, die für ihn die Offenbarung des Lebens, seiner Heiterkeit
und Schönheit ist":

"Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,
Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum
zu nehmen, den die Dinge rings verringern,
fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes
und lauter Inneres, viel seltsam Zartes
und Sich-Bescheinendes bis an den Rand:
ist irgend etwas uns bekannt wie dies?
Und dann wie dies: dass ein Gefühl entsteht,
weil Blütenblätter, Blütenblätter rühren"

R.M.Rilke

Ich liebte Rilke vor allem darum weil er ein unendlich
zartes Band zwischen Innen -und Aussenwelt knüpft,
ein unendliches.
Eben so eines das nie beginnt und nie endet und das
sich nur erahnen lässt, vielleicht in der schwebenden
Stille unter einem Kirschbaum.

Und ich spüre dein Ahnen, dass es da wohl so etwas
strömendes geben könnte, das auch ein schwingen beinhalten
könnte. "Wir sind nicht wie die Vögel verständigt", sagt
Rilke in seinem Gedicht "Der Ball" aber wir spüren wenn
uns etwas zugeworfen wird, und manchmal spielen wir mit
und werfen ....

laue durchscheinende frühlingsnächte und geduld für alles ungelöste
von artemis
Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten

artiana
Beiträge: 5
Registriert: 5. Nov 2004, 21:38
Wohnort: Schweiz

Beitrag von artiana » 7. Mai 2005, 21:30

Hallo Fritz
nach wilder Bergwelt finde ich im eigenen Garten das strömende Leben wieder.
Denn ich sass gebannt am offenen Fenster, der Regen fiel strömend und
ich sass verzaubert vor einem Gartenabschnittsblick.

Eine Meise schaukelte auf der Gordel, flog zur Vogeltränke, auf den Rosenstrauch, schaukelte auf der Himbeerranke, und flog dann steil hinab ins Gras. Suchend neigte sie ihr Köpfchen zur Erde, trippelte hier hin, dort hin, eingetaucht ins hohe nasse Gras bis übers Köpfchen, bis sie wieder aufflog und im Zwetschgenbaum landete.

Es spielt eigentlich keine Rolle, Tessin oder hier, alles ist in einem enthalten.
Sicher hat Rilke über den Tessin geschrieben, heute fand ich nur Hesse Aufzeichnungen.

Es grüsst dich
Artemis
Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten

Adrian L.

Rilke und Th. Mann?

Beitrag von Adrian L. » 22. Nov 2005, 14:53

Rilke scheint Paul Valéry sehr geschätzt zu haben, immerhin hat er so einiges von ihm übersetzt.
Was mich interessiert: RMR hat 1902 die "Buddenbrooks" von Thomas Mann positiv rezensiert. Nun war Mann aber bei seinen zeitgenössischen Kollegen nicht gerade beliebt. Kann man RMR nun als einen der wenigen Literaten bezeichnen, die Manns Werke geschätzt haben?

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: Rilke als Leser

Beitrag von lilaloufan » 28. Mai 2006, 16:48

Barbara hat geschrieben: hat R.M. Rilke eigentlich auch Zeitung gelesen?
Und hier dies (steht ja vielleicht in dem erwähnten Buch?):
  • Zeitungen lese ich selten.
[Steht - in Klammern - in einem Brief an Hugo von Hofmannsthal (11.II.1924)]
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Antworten