Freiheitsbegriff bei Rilke

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Mona
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Freiheitsbegriff bei Rilke

Beitrag von Mona » 2. Aug 2009, 18:36

"Denn Armut ist ein grosser Glanz aus Innen" . Welchen Freiheitsbegriff hatte Rilke und verändert sich dieser mit seiner Werkentwicklung ? Hat er beispielsweise im Malte und im Buch der Bilder eine andere, neue, erweiterte Bedeutung bekommen als im Stundenbuch ?

Mona :D
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lilaloufan
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Re: Freiheitsbegriff bei Rilke

Beitrag von lilaloufan » 2. Aug 2009, 20:56

Liebe Mona,

eine groooße Frage stellst Du :). Da Rilke nicht „Philosoph“ im engeren Sinne war, wird es schwer (und zugleich höchst spannend wie auch lohnend!) sein, seinen «Freiheitsbegriff» aus Werk oder Briefwerk zu erschließen. - Aber vielleicht fragst Du uns gar nicht nach einer Abhandlung, die Rilkes Freiheitsbegriff bis zur Abstraktion herausdestilliert, sondern zunächst nach Einfällen?

Für mich kommt Rilkes innere Haltung den beiden Aspekten menschlicher Freiheit (nämlich der selbst innerlich errungenen und der für den Anderen eröffneten Freiheit) gegenüber am prägnantesten in einer Strophe des Requiem für Paula Modersohn (1. November 1908) zum Ausdruck - ich kann im Augenblick nicht sagen, welche Wandlungen diese Werthaltung in Rilkes Biographie oder in seinem Œuvre zeigt:
  • Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist:
    die Freiheit eines Lieben nicht vermehren
    um alle Freiheit, die man in sich aufbringt.
    Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:
    einander lassen; denn dass wir uns halten,
    das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.
{Ich als "prüfender" Schüler einer «Philosophie der Freiheit» - und weil ich mir meinen Freiheitsbegriff trotz eines am Ende neopositivistisch orientierten human- und sozialwissenschaftlichen Studiums stets eher von Friedrich v. Schiller prägen und entschieden nicht von Burrhus F. Skinner irritieren ließ - gebe diese Zeilen mit besonders froher Zustimmung wieder! Aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll hier nur kleingedruckt angedeutet sein.}
Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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lilaloufan
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Re: Freiheitsbegriff bei Rilke

Beitrag von lilaloufan » 3. Aug 2009, 17:30

Nochmal ich. Mona, wie ist denn Dein Gedankengang dazu? - Ich rätsele gerade, wie Du von gerade der Zeile, die Du aus dem Stundenbuch zitierst, auf Rilkes «Freiheitsbegriff» schließen magst; das ist jedenfalls ein sehr anregendes Rätsel!

Lieben Gruß,
Christoph
Zuletzt geändert von lilaloufan am 3. Aug 2009, 18:43, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Freiheitsbegriff bei Rilke

Beitrag von stilz » 3. Aug 2009, 18:32

Ja, diese Stelle aus dem "Requiem für eine Freundin" ist auch eine meiner liebsten zum Thema "Freiheit".

Und hier ist der Begriff noch ein wenig genauer beschrieben:

"Freiheit ist bewegtes, steigendes, mit der Menschenseele sich wandelndes, wachsendes Gesetz."

Auch das ist von Rilke, im Zusammenhang zu finden im Samskola-Aufsatz.

Herzlichen Gruß!

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Re: Freiheitsbegriff bei Rilke

Beitrag von Mona » 3. Aug 2009, 19:11

Hallo,

ich suche schon nach Einfällen/ Ideen in diesem Zusammenhang. Die Frage ist aber zugleich auch tiefgehender gemeint. Kann in der "Armut" Freiheit liegen, die man , wenn man als Besitz-Erstrebender lebt, nicht so empfinden kann, wie im (frei-wiligen) Verzicht ? Lassen sich die eigentlich wichtigen Dinge nicht erst dann erkennen/oder sollte ich sagen: erahnen, wenn man sich durch (frei-willige) Armut Freiräume schafft ? Wenn ich beispielsweise weniger in meinem Job arbeite, damit weniger Geld verdiene, dadurch aber auch mehr Zeit für mich gewinne ?

Meiner Meinung nach hat Rilke dieses mit dem Vers aus dem Stundenbuch gemeint. Sieht er das im Malte, beispielsweise im Kapitel in der Nationalbibliothek, auch so , und in den "Stimmen" aus dem Buch der Bilder, beispielsweise ... ? Was ist überhaupt der Freiheitsbegriff Rilkes ? Welche Rolle spielt er für seine Dichtung ?
Ich hoffe, ich habe jetzt kein Allzu grosses Durcheinander angerichtet und ihr versteht - einigermassen - worum es bei meiner Frage geht ?

Mona :D
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Re: Freiheitsbegriff bei Rilke

Beitrag von helle » 5. Aug 2009, 09:11

Das ist nun wirklich ein so weites Feld, daß man es kaum betreten mag. Eigentlich kann man dieses jahrtausendealte Problem schlecht diskutieren ohne an die philosophische Tradition zu denken, die damit zusammenhängt, und all die Unterscheidungen, die sie trifft, z.B. der transzendentalen und praktischen Freiheit, die Kant unterscheidet, oder ob nun eher das Problem der Willensfreiheit gemeint ist oder der politischen und gesellschaftlichen usw. usf., aber zum Glück sagt ja Rilke "gegen alles Ererbte muß ich feindsälig sein und mein Erworbenes ist so gering; ich bin fast ohne Kultur", also von seiner eigenen gründlichen Auseinandersetzung mit dieser Tradition wird man auch nicht ausgehen müssen, tröstlich, obwohl das, was er dazu denkt, natürlich trotzdem damit zusammenhängt.

Deshalb ist es bestimmt sinnvoll, diese Diskussion, wie Mona es gemacht hat, durch irgendeine Hinsicht auf Rilke und seine wesentlichen Themen zu begrenzen, z.B. die besitzlose Liebe oder den Weltinnenraum oder die Auffassung vom Tod oder eben die Armut, die ja nun auch alle zusammenhängen und sich aufeinander beziehen. Abgesehen davon, daß Rilke mit seinen bevorzugten Aufenthalten auf Landschlössern und in first class Hotels in seiner Lebensführung der Armutsfrage durchaus großzügige Aspekte eingeräumt hat, scheint mir, daß dieser Begriff doch etwas sehr idealistisches hat und am ehesten von Franz von Assisi her gedacht ist und weniger aus der alltäglichen zermürbenden Erfahrung der Armut, das Paris-Erlebnis und den »Malte« vielleicht ausgenommen, aber das ist nach dem »Stundenbuch«. Es ist offensichtlich nicht primär die gesellschaftliche Freiheit, die Rilke bewegt, sondern die eigene und die des Einzelnen, nicht als beliebiger Individualfall, sondern stellvertretend für alle, etwa wenn Rilke unser Verhältnis zum Tod oder zur Liebe oder zu den Tieren gegen den herrschenden Konsens und die Konventionen denkt, so radikal, daß darin doch wieder etwas Gesellschaftliches liegt. Ich glaube, besonders deutlich wird das angesichts des Todes, »helfen Sie mir zu meinem Tod, ich will nicht Tod der Ärzte – ich will meine Freiheit haben«, schreibt er am 23. XII. 26 an Frau Wunderly-Volkardt. Man könnte hinzufügen, er wollte auch nicht den Tod der Theologen und hat sich ja entschieden theologischen Beistand, wie man so sagt, am Sterbebett verbeten. In diese Richtung würde ich denken, aber damit beginnt das Problem eigentlich erst.

Gruß von helle

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