Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben.

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lilaloufan
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Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben.

Beitrag von lilaloufan » 28. Jan 2015, 14:41

Die 17-jährige Tweet-Bloggerin Naina hat geschrieben:Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.
Ich habe davon erfahren durch einen lesenswerten Aufsatz von Ulrich Greiner („Schönheit muss man lernen“) in der ZEIT4 vom 22. Januar 2015, p. 75.

Greiner plädiert – und das ist das Herausragende seiner Argumentation – nicht mit Utilitätsbehauptungen, wie sie Naina angesichts gegenteilig sprechender Erfahrungen ohnehin nicht überzeugen könnten, sondern aus der Sache selbst heraus. Er führt zunächst die nordrhein-westfälischen „Kernlehrpläne“ des Düsseldorfer Kultusministeriums vor, mithin einen Text, an dem eine hochkarätige Expertenkommission gebrütet haben muss. Man kann das nur staunend lesen:
Ein Elitezirkel von Bildungsverantwortlichen hat geschrieben: „Innerhalb der von allen Fächern zu erfüllenden Querschnittsaufgaben tragen insbesondere auch die Fächer des sprachlich-literarisch-künstlerischen Aufgabenfeldes im Rahmen der Entwicklung von Gestaltungskompetenz zur kritischen Reflexion geschlechter- und kulturstereotyper Zuordnungen, zur Werteerziehung, zur Empathie, zum Aufbau sozialer Verantwortung, zur Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft, zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen, auch für kommende Generationen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung, und zur kulturellen Mitgestaltung bei. Darüber hinaus leisten sie einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung, zur interdisziplinären Verknüpfung von Kompetenzen, auch mit gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Feldern, sowie zur Vorbereitung auf Ausbildung, Studium, Arbeit und Beruf.“
mann ey, voll das krasse gelaber echt! Ich denke an Hermann Hoffmanns „Polit-KlimBim vom Sender Zitrone“, Realsatire vom Feinsten. Loriots Dr. Schnoor <.mp4-Download-Link> konnte es kaum besser: „Ablösung des Mannes bei gleichzeitiger Aktivierung der Frau unter Einbeziehung der Feuchtbiotope in das deutsche Volk als unteilbarer Nation“ diktiert er Herrn Winkelmann als Programm des „Verein zur Integration der Begriffe Karneval und Umwelt in die Frau“, der dann später beinahe hieße: „Verein für Karneval trotz Frau und Umwelt“ oder „Verein für Karneval im Gedenken an Frau und Umwelt“… – na bitte!

Ja wenn’s nicht so ernst wär’! Aber zurück zu Greiners Frage. Eine Passage seines Aufsatzes:
Ulrich Greiner hat geschrieben:„Die Erscheinungsformen der Schönheitsidee wandeln sich je nach Kultur und Epoche, ihre Formgesetze aber bleiben dieselben. Das lässt sich erkennen und sollte zentraler Gegenstand schulischer Bildung sein. — Die französische Kathedrale begreift man erst dann, wenn man etwas von der Theologie des Lichtes, die ihr zugrunde liegt, gehört hat; die Kunst der Fuge erst dann, wenn man weiß, was eine Fuge ist; die Bilder Caspar David Friedrichs erst dann, wenn man etwas von ihrer transzendentalen Idee, die zugleich eine politische Dimension hat, versteht. Schönheit als philosophisch-ästhetische Kategorie lässt sich lehren und erlernen. Das ist auch deshalb notwendig, weil die Konsumwelt mit ihren Verheißungen lockt. Was als schön zu gelten hat, zeigen uns die Produzenten, indem sie uns mit Waren versorgen, deren Schönheit mit dem Preis zu- und mit ihrer Marktpräsenz abnimmt. Schön ist nur je das Allerneueste. Näher betrachtet, handelt es sich nur um das Gefällige. Das Gefällige ändert sich, das Schöne bleibt.“
Greiner kommt zunächst auf die „Macht des Schönen“ zu sprechen, dann auf die Aggression, die das Schöne hervorruft, und er endet: „Dem Hass auf das Schöne begegnen wir im Vandalismus der Sprayer, die jede renovierte Fassade markieren; in der Wut der Fundamentalisten, die Bildnisse gegnerischer Kulturen in die Luft sprengen. Vielleicht hat es noch nie eine Zeit gegeben, in der das Schöne solcher Verachtung und Wut ausgesetzt war. Schönheit jedoch verlangt von uns, die Welt mit Ehrfurcht und Aufmerksamkeit zu betrachten. Ob ihr Studium dazu beitragen kann, uns zu besseren Menschen zu machen, wie [der als Giordano Bruno-Forscher hervorgetretene (l.)] Literaturprofessor Nuccio Ordine glaubt, ist ungewiss. Sicherlich macht es uns klüger, und deshalb sind die scheinbar unnützen Schulfächer, die es derzeit schwer haben, so wichtig. Und was Steuern sind, wird Naina früh genug lernen.“

Also, wenn Schönheit verlangt, die Welt mit Ehrfurcht und Aufmerksamkeit zu betrachten, dann gibt es sie entweder nur noch allzu unverbreitet, oder sie erreicht nicht oft genug, was sie verlangt; da weist Greiners Gedankengang einen Bruch auf und bemüht zudem mit „wichtig“ einen der Nützlichkeit nahen Begriff. — Und doch kann man sein Anliegen nachvollziehen.

Friedrich Schiller weist am Beginn seiner ästhetischen Schrift: „Über Anmuth und Würde“ darauf hin, dass Venus auch dann, wenn sie ihren Zaubergürtel verliehen hat, bleibt, wer sie ist, dass beständige Schönheit mithin keineswegs auf Attribute, die dem Verstand zugänglich sind, angewiesen ist. Mag Schönheit also, wenn man in sie verstehend eintaucht, moralische Kräfte stärken, mag sie uns klüger werden lassen, immer wird von ihr berührt zu sein eigenen Wert haben, auch wenn die ziselierte Beschäftigung mit ihr noch andere Werte ihr entlehnt.
Christian Morgenstern in: „Wir fanden einen Pfad“ hat geschrieben:
  • Wer vom Ziel nicht weiß ...

    Wer vom Ziel nicht weiß,
    kann den Weg nicht haben,
    wird im selben Kreis
    all sein Leben traben;
    kommt am Ende hin,
    wo er hergerückt,
    hat der Menge Sinn
    nur noch mehr zerstückt.

    Wer vom Ziel nichts kennt,
    kann's doch heut erfahren;
    wenn es ihn nur brennt
    nach dem Göttlich-Wahren;
    wenn in Eitelkeit
    er nicht ganz versunken
    und vom Wein der Zeit
    nicht bis oben trunken.

    Denn zu fragen ist
    nach den stillen Dingen,
    und zu wagen ist,
    will man Licht erringen:
    wer nicht suchen kann,
    wie nur je ein Freier,
    bleibt im Trugesbann
    siebenfacher Schleier.
In diesem Sinne um ein „Ziel“ zu wissen wäre also edelstes „Lernziel“ in einem Unterricht, der künstlerische Ästhetik vermittelt. Im Sinne Greiners: Den Wert eines Rilke-Sonetts begreift man erst, wenn man etwas vom Formprinzip des Sonetts versteht und die Idee des Inhalts kritisch bzw. mitempfindend vors eigene Erleben stellen kann?
  • »begreifen, was uns ergreift« (Emil Staiger) — gliwi✝ hat es hier oft zitiert.
Und dieses Begreifen hilft Naina zur Orientierung in der verwirrenden Welt von Fiskalpolitik, Wohnungsmärkten, Versicherungswesen?

Ich meine: Ja, aber nicht jetzt, mit „fast 18“. Ich kenne einen Menschen, der heute ein weltweit gefragter Business Manager and Consultant for Social Impact Investments (“do well by doing good“) ist, der hat mit „fast 18“ exzellente Gedichtanalysen geschrieben und hält nun Vorträge, in denen er eine selbst erlebte Pädagogik preist, die ihm die von der deutschen Bildungsministerin propagierten „Alltagsfähigkeiten“ zwar äußerst lebenspraktisch und kreativ vermittelt, aber vor Ende der 12. Klasse allenfalls druckfrei intellektuell-begrifflich abgefragt hat – so dass er bestens und hochmotiviert in lebensweltliche Kompetenzen hineingewachsen ist, ohne dies damals mit „fast 18“ bereits über sich selbst wissen zu können.

Bedeutsamer noch: Wie wäre eine Pädagogik, die nicht nur Gedicht-Verstehen förderte, sondern Gedicht-Hervorbringern zur Entwicklung verhälfe? Nungut, auch die Pädagogik, die Rilke erlitt, hat seinen Weg nicht aufgehalten (oder vielleicht doch?), aber sie muss deshalb nicht als Vorbild gelten in aufgeklärter Zeit. Poetry Slams haben Zulauf, und hin und wieder führt mal eine Selbstinszenierung auf dieserart Plattform zu kurzlebigem Applaus, aber was hilft wirklich weiter, so dass der Strom von Dichten und Denken nicht versiegt, an einer von dessen höchstrangigen Uferpromenaden wir uns mit unserem Forum bewegen?
Der Mensch will nicht bloßer Betrachter, er will nicht reiner Zuschauer den Weltereignissen gegenüber sein. Er will auch aus Eigenem etwas zu dem hinzu erschaffen, das von außen auf ihn eindringt.
(aus Beitrag #11293)

Vielleicht gibt Naina, deren Deutschlehrer ich übrigens ein wenig um seine Aufgabe an ihr beneide (was für eine Rhetorik, diese Ellipse am Ende des Tweet!), uns ein Stichwort für ein Jahresthema in 2015?

Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Re: Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben.

Beitrag von lilaloufan » 30. Jan 2015, 17:32

lilaloufan, „auf gut deutsch gesagt,“ hat geschrieben:mann ey, voll das krasse gelaber echt!
Vielleicht sollte ich das Urteil etwas mildern: Denn nun habe ich gestern, mündlich, mal versucht, dasselbe anders auszudrücken als der kultusministerielle Erlass es tut, und schau an, das erweist sich als nicht etwa einfach: Wir sind gewöhnt, Ziele wie Schießbudenfiguren zu betrachten, aber bei Bildungszielen handelt es sich nicht um Kirmestrophäen, sondern um Horizonte, und will man beschreiben, woran ein visionärer Blick entlang streift, gerät es unvermeidlich ausführlich – das dann fürs Amtsblatt auf ein paar Spiegelstrichpunkte zu komprimieren reduziert Ideen- wie Intentionsfülle halt zur Abstraktion.

Das hier eingebrachte Thema hat in der ZEIT eine interessante Fortsetzung gefunden. {Ich will für diese Wochenzeitung durchaus nicht werben, denn ich bin von ihrer Entwicklung seit der Glanzzeit des ZEIT-Feuilletons unter Rudolf Walter Leonhard (1957 bis 1973) ganz enttäuscht. Aber hin und wieder lässt sie Bemerkenswertes gepflegt zu Wort kommen.} Da antwortet Yascha Mounk auf den Greiner-Beitrag, unter der Überschrift: „Allgemeinbildung ist überschätzt“, und formuliert markant:

  • Zwischen Schönheit und Nützlichkeit eine Front errichten zu wollen führt in die Irre.

Ja!

Was war es noch, das die Elegie begründete mit dem vielzitierten Satz vom Anfang des Schrecklichen, „den wir noch grade ertragen“: Es war dies:
RMR, in der Ersten Duineser Elegie hat geschrieben:
  • Gesetzt selbst, es nähme
    [einer der Engel] mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
    stärkeren Dasein.
Das Herz würde untrüglich empfinden, ob eine Muse ihre Inspiration aus der Schönheit – eben jenem gerade noch eben uns zu zerstören verschmähenden Anfang des Schrecklichen – verströmt oder aus den Konstruktionen des Verstandes-Denkens, aber „ich verginge“, gerade weil nur das Schöne die vielgestaltige Stärke aufweist, der wir selbst nie vollständig gerecht werden. — Und eben dies ist mit dem Nützlichen ganz ähnlich; an jenem zerschmelzen wir, dieses zerschmettert uns: Die vielen Errungenschaften des Technischen, durch die „alles viel schneller“ geht, entstammen der Frage nach dem Nutzen, und wen machen sie nicht mindestens nervös?

So wären das Schöne und das Nützliche also doch Polaritäten, aber weder gegeneinander auszuspielende noch vorteilhafterweise zu bevorzugende oder als Position zu wählende, sondern solche, zwischen denen wir einen Frieden herzustellen die immerwährende Aufgabe haben. Anders, aber mit ähnlicher Konsequenz, beschreibt Mounk das. Nachdem er vom pädagogischen Sinn des:
  • Was hab ich mir für Namen eingeprägt
    und Hund und Kuh und Elephant
    nun schon so lang und ganz von weit erkannt,
    und dann das Zebra -, ach, wozu?
    “:
ein allerpessimistischstes Bild gezeichnet hat, räsoniert er:
Yascha Mounk (Harvard University) hat geschrieben:Die wichtigste Frage ist ohnehin nicht, welche Fächer Schülern vorgesetzt werden, sondern wie wir diese unterrichten wollen. Bis heute spielt die Allgemeinbildung in Deutschland eine zu wichtige Rolle (…) Viele Studenten wenden [ihr] Wissen unredlich an. In Universitätsseminaren spielen sie Pingpong mit philosophischen Begriffen und Autorennamen, die Arbeiter- oder Migrantenkinder noch nie gehört haben. Mit etwas Glück finden die Benachteiligten bald heraus, dass die Bildungsbürgerkinder auch nicht wirklich wissen, wovon sie da reden – mit etwas Pech haben sie das Studium bis dahin schon aufgegeben. Gilt Allgemeinbildung weniger, steigt die Chancengleichheit.
[Hervorh. l.]

Bildung habe weniger einen pädagogischen, sondern einen soziologischen Sinn: sie diene „der Auslese von Schülern, die folgsam sind und keine lästigen Fragen stellen. Ein Zyniker, wer auf den Gedanken käme, auch dies habe seinen ökonomischen Nutzen …“

Wie wäre nach Mounk eine pädagogische Herangehensweise, „die Schönheit und Nützlichkeit vereint“?[quote="Yascha Mounk (Autor von: "The Age of Responsibility: Rethinking the Role of Choice and Personal Responsibility in Non-Ideal Theory.")"]Als Pädagoge sehe ich meine Aufgabe nicht darin, meine Studenten für das Berufsleben zu trainieren. Wichtiger ist mir, dass sie aktiv an der Welt der Ideen teilnehmen. Ob sie viel über Schiller oder Shakespeare wissen, ist mir egal. Aber wenn sie einen literarischen, philosophischen, historischen oder auch politischen Text lesen, sollten sie interessante Fragen stellen – und wissen, wie sie Antworten auf ihre Fragen finden können.[/quote]Na, die Antworten mag Google vielfach liefern; kreativ die Fragen entwickeln kann nur jeder Mensch selbst. Dieses Fragevermögen wäre jedenfalls ein „Nutzen“ von Bildung. Der Aufsatz schließt:
Yascha Mounk (ein Buch in deutscher Sprache wird im Herbst 2015 bei Kein & Aber in Zürich erscheinen) hat geschrieben:Die gutbürgerliche Verehrung von Kunst und Bildung greift zu kurz. Sie zwingt dem Nachwuchs einen Kanon auf, ohne diesen mit Leben zu füllen. So verkommt Kunst zum Klassenkonsens, Bildung zum Statusmarker. — Eine Pädagogik, die wirklich geeignet wäre, Schönheit zu lehren, dürfte sich nicht auf Verehrung beschränken, sondern müsste den Kanon kritisch analysieren, ihn ins Verhältnis zu gegenwärtiger Hoch- und auch Populärkultur setzen und Schüler dazu ermutigen, selbst kreativ zu werden.
Kenne ich solcherart Pädagogik nicht irgendwoher?

Ja, da war mein Deutschlehrer, Mitte der Sechziger, der ließ uns einmal einen Aufsatz schreiben: „Hilde Domins Dichten als Entpathologisierung des Selbstgesprächs“; schade eigentlich, dass das Schularchiv das nicht mehr aufbewahrt hat, sonst würde ich es gerne noch einmal lesen nach 49 Jahren. Denn da gab es nichts zu wissen, nur eigenes analytisches Denken zu wetzen an einer vom Lehrer listig aufgestellten Provokation. Am Rückgabetag lagen da zwei etwa gleichhohe Stapel und zwei einzelne Hefte. Die einen hatten ganz viel über Dichtkunst und „inneren Monolog“, wohl einige auch über Hilde Domin gewusst – die anderen hatten sich küchentischpsychologisch über die Mentalhygiene des Selbstgesprächs ausgelassen. Und nur zwei Schüler hatten eine Meta-Ebene eingenommen und die Fragestellung als absurd charakterisiert, zum Vergnügen dieses Lehrers übrigens.

Ein paar Jahre später war’s dann ein Autorenkollektiv (ja, damals wurde sogar kollektiv komponiert; googelt mal unter „Yellow River Concerto“, das hat das Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy damals in Peking aufgeführt und hat zum Entsetzen Jiang Qings als Zugabe “Stars and Stripes Forever“ gespielt), das in der ZEIT am 29. November 1968 (an dem Tag, an dem in Australien der x-te Startversuch einer für die Erdumlaufbahn bestimmten europäischen Trägerrakete misslang) formulierte:
Die Berliner SDS-Gruppe „Kultur und Revolution“ hat geschrieben:Die bürgerliche Ästhetik hat der Kulturindustrie ein solides Fundament gezimmert. Seine drei Säulen heißten Originalität, Spontaneität und Virtuosität.

Die Originalität orientiert sich an dem Kontrasterlebnis von Modeerscheinungen. Nur der Reizwert wird durch sie vermittelt. Das Neue wird dadurch legitimiert, dass es nicht das Alte ist. Das Alte wird nicht überwunden, sondern beseitigt.

Die Spontaneität entzieht das Kunstwerk der kritischen Beurteilung durch den Rezipienten. Was spontan kommt, als unvermittelte Eingebung des schöpferischen Genius, hat seine irrationale Berechtigung von der Berechtigung der subjektiven Existenz her. Die rationale Vermittlung zwischen Konsument und Produzent fehlt. Der Konsument muss sich beliefern lassen, ohne über die Brauchbarkeit des gelieferten Produkts Aufschluss erhalten zu haben.

Die Virtuosität schließlich macht das Kunstwerk zur messbaren Größe, die entscheidendes zur Bestimmung des Tauschwertes vermittelt. Sänger werden wie Sportler beurteilt. Der Begriff des Kehlkopfartisten ist nicht nur ironisch gemeint, er ist objektiv gerechtfertigt durch die Rezeptionsweise, zu der die Opernbesucher erzogen wurden.
Auf der Seite 22 steht das; ich habe die PDF.

Was Naina sucht, ist gewiss nicht eine Schule, die ihren Schwerpunkt bei den „Realien“ hat. Dann wäre sie auf einer solchen; die gibt es. Vielleicht besteht zwischen den drei Begriffen, die sie in ihrer Vermisst-Meldung aufzählt, und der Begriffstrias Originalität, Spontaneität und Virtuosität ein ahnbarer Zusammenhang. Was wäre das für eine Menschenbildung, in der diese drei Fähigkeiten
  • ☞ im Denken ein Original zu sein
    ☞ im Fühlen spontan zu leben und
    ☞ im Wollen virtuos etwas zu können
der »Bewusstseinsindustrie« wieder entrissen und dem menschlichen und menschheitlichen Miteinander zurückgegeben würden!

l.
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Re: Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben.

Beitrag von lilaloufan » 31. Jan 2015, 19:03

Ein P.S.: Noch interessanter fand ich, was Peter Bieri damals schrieb in seinem berühmten Essay: „Wie wäre es, gebildet zu sein“. Ihr findet etliche Versionen im Internet; ich zitiere aus der Zürizytig:
Peter Bieri hat geschrieben:Der Leser von Sachbüchern hat einen Chor von Stimmen im Kopf, wenn er nach dem richtigen Urteil in einer Sache sucht. Er ist nicht mehr allein. Und es geschieht etwas mit ihm, wenn er Voltaire, Freud, Bultmann oder Darwin liest. Er sieht die Welt danach anders, kann anders, differenzierter darüber reden und mehr Zusammenhänge erkennen.

Der Leser von Literatur lernt noch etwas anderes: wie man über das Denken, Wollen und Fühlen von Menschen sprechen kann. Er lernt die Sprache der Seele. Er lernt, dass man derselben Sache gegenüber anders empfinden kann, als er es gewohnt ist. Andere Liebe, anderer Hass. Er lernt neue Wörter und neue Metaphern für seelisches Geschehen. Er kann, weil sein Wortschatz, sein begriffliches Repertoire, größer geworden ist, nun nuancierter über sein Erleben reden, und das wiederum ermöglicht ihm, differenzierter zu empfinden.



Das hat zur Folge, dass auch seine Beziehungen zu den anderen reicher werden. Das gilt vor allem für die Fähigkeit, die wir Einfühlungsvermögen nennen. Sie ist ein Gradmesser für Bildung: Je gebildeter jemand ist, desto besser ist er darin, sich in die Lage anderer zu versetzen. Bildung macht präzise soziale Phantasie möglich. Sie ist es, die verschleierte Formen der Unterdrückung sichtbar macht und Licht wirft auf Grausamkeiten, die man begangen hat, ohne es zu merken. In dieser Form ist Bildung tatsächlich ein Bollwerk gegen Grausamkeit.

Ausbildung ist stets an einem Nutzen orientiert: Man erwirbt ein Know-how, um etwas zu erreichen. Dagegen ist die Bildung, von der hier die Rede ist, ein Wert in sich, wie die Liebe. Es wäre falsch, zu sagen, sie sei ein Mittel, um glücklich zu sein, denn Glück kann man nicht planvoll ansteuern.…

Bildung schließt eine weitere Dimension von Glück auf: die gesteigerte Erfahrung von Gegenwart beim Lesen von Poesie, beim Betrachten von Gemälden, beim Hören von Musik. Die Leuchtkraft von Worten, Bildern und Melodien erschließt sich nur demjenigen ganz, der ihren Ort in dem vielschichtigen Gewebe aus menschlicher Aktivität kennt, das wir Kultur nennen. Niemand, der die Dichte solcher Augenblicke kennt, wird Bildung mit Ausbildung verwechseln und davon faseln, dass es bei Bildung darum gehe, uns »fit für die Zukunft« zu machen.

Weltorientierung, Aufklärung, Toleranz durch Einsicht in kulturelle Zufälligkeit, Lesen als innere Veränderung, soziale Phantasie als Bollwerk gegen Grausamkeit, das Glück gesteigerter Gegenwart: Es geht um viel. In letzter Zeit ist oft von Bildung die Rede. In Wirklichkeit wird von Ausbildung gesprochen. Wir sollten uns gegen diese Begriffsverwirrung und ihre gesellschaftlichen Folgen zur Wehr setzen. Denn wie gesagt: Es geht um viel.



Der Gebildete ist an seinen heftigen Reaktionen auf alles zu erkennen, was Bildung verhindert. Die Reaktionen sind heftig, denn es geht um alles: um Orientierung, Aufklärung und Selbsterkenntnis, um Phantasie, Selbstbestimmung und moralische Sensibilität, um Kunst und Glück. Gegenüber absichtlich errichteten Hindernissen und zynischer Vernachlässigung kann es keine Nachsicht geben und keine Gelassenheit. Boulevardblätter, die aus purer Profitgier alles zerstören, wovon ich gesprochen habe, können nur den heftigsten Ekel hervorrufen. Überhaupt ist der Gebildete einer, der vor bestimmten Dingen Ekel empfindet: vor der Verlogenheit von Werbung und Wahlkampf; vor Phrasen, Klischees und allen Formen der Unaufrichtigkeit; vor den Euphemismen und der zynischen Informationspolitik des Militärs; vor allen Formen der Wichtigtuerei und des Mitläufertums, wie man sie auch in den Zeitungen des Bürgertums findet, die sich für den Ort der Bildung halten. Der Gebildete sieht jede Kleinigkeit als Beispiel für ein großes Übel, und seine Heftigkeit steigert sich bei jedem Versuch der Verharmlosung. Denn wie gesagt: Es geht um alles.
l.

P.S., hinzugefügt am 4.2.2015: Aber vielleicht gehört das alles gar nicht ins Rilke-Forum.
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