Abschied von gliwi

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stilz
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Abschied von gliwi

Beitrag von stilz » 25. Okt 2011, 09:36

Es ist etwas Eigenes in einem solchen online-Forum - einerseits kennt man einander ziemlich gut, andererseits kennt man oft nicht einmal die wirklichen Namen seiner Gesprächspartner... und schon gar nicht die näheren Lebensumstände.
Wenn eine Moderatorin in den Sommerferien länger nicht hereinschaut, denkt man sich nichts dabei (zumal wenn man weiß, daß sie Lehrerin ist); wenn sie auch danach nicht zurückkehrt, beginnt man sich zwar Sorgen zu machen... aber man weiß nicht recht, wen man fragen könnte, ob auch „alles in Ordnung“ ist...

Gestern habe ich erfahren, daß Christiane, „unsere“ gliwi, nicht mehr am Leben ist.

Ihr allerletztes posting bezog sich auf das Gedicht „Le verger“ - sie fragte nach einer guten deutschen Übersetzung.
Da ist die Rede von einem Ort, wo alles zusammentrifft, was uns bleibt, was ins Gewicht fällt und was uns nährt...

Vor ein paar Jahren schrieb sie, zu dem Gedicht „Die Blätter fallen...“:
gliwi hat geschrieben: ... es ist ja wohl so, dass dieser kleine bewohnte Planet durch die beständige Ausdehnung des Alls irgendwohin treibt und dass seine Bewohner womöglich völlig alleine im All sind. Diesen Gedanken finde ich total deprimierend. Und da kommt nun Rilke und sagt. Wir treiben nicht ziellos durchs All, und wir sind nicht alleine. Einer, wie auch immer er/sie beschaffen sein mag, umfängt uns, empfängt uns, dessen bin ich gewiss. Selbst wenn man diese Gewissheit nicht teilt, hat diejenige Rilkes etwas Tröstliches. Vielleicht umfängt uns ja doch einer? Ein kleines peut-être, wie ein anderer kluger Mann einmal gesagt hat.
Lieben Gruß
Christiane
Dieses „kleine peut-être“ - nun hat sie es wohl herausgefunden.


»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT«
So stand es unter jedem ihrer postings zu lesen.
Dieser Maxime ist sie immer treu geblieben.

Es ist in ihren Beiträgen sehr deutlich zu spüren: Christiane war eine leidenschaftliche Lehrerin. Es war ihr ein großes Anliegen, junge Menschen zu „erziehen“ - zu klarem, selbständigen Denken vor allem.
Und so sehr sie jederzeit bereit war, auf echte Fragen zu antworten, bei Verständnisschwierigkeiten zu helfen, mit jedem „Neuzugang“ in ein Gespräch zu kommen -, so bestimmt war auch ihre Abwehr, wenn jemand dem eigenständigen Denken ausweichen, jede eigene Anstrengung vermeiden und einfach nur eine gute Hausaufgabe geschrieben bekommen wollte... denn das hätte schließlich für den Fragesteller in gewisser Weise „selbstverschuldete Unmündigkeit“ bedeutet; und dazu wollte „unsere“ gliwi nicht beitragen.

In ihrem Umgang mit Gedichten, mit dem Thema „Interpretation“, bemühte sie sich stets um eine gesunde Mitte zwischen schwärmerischem Abheben in Regionen, in denen rosarote Nebelschwaden jedes klare Bewußtsein trüben, und allzu analytischem Zerpflücken, bis nichts „Erhebendes“ mehr übrigbliebe:
gliwi hat geschrieben:hallo kunle,
dazu zwei Zitate, eines von Emil Staiger, dem großen Interpreten: "Begreifen, was uns ergreift." Und eines von Goethe. "Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen."
Gruß
gliwi
Ihr Lieblingsgedicht, das hat sie öfter erwähnt, war die „Blaue Hortensie“ - und gerade hier achtete sie sehr darauf, sich in der Interpretation nicht von dem zu entfernen, was Rilke tatsächlich geschrieben hat:
  • So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
    sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
    hinter den Blütendolden, die ein Blau
    nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

    Sie spiegeln es verweint und ungenau,
    als wollten sie es wiederum verlieren,
    und wie in alten blauen Briefpapieren
    ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

    Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
    Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
    wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

    Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
    in einer von den Dolden, und man sieht
    ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Christiane war mir immer eine sehr wertvolle Gesprächspartnerin - gerade auch dort, wo wir nicht einer Meinung waren.
Und ich bin heute noch beeindruckt von der Entschiedenheit, mit der sie bei verschiedenen Gelegenheiten gegen jede Kriegsverherrlichung, gegen Ausländerfeindlichkeit und für die Gleichberechtigung der Frau auftrat.


Im August 2006 diskutierten wir über das „Schlußstück“:
  • Der Tod ist groß.
    Wir sind die Seinen
    lachenden Munds.
    Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
    wagt er zu weinen
    mitten in uns.
Ich hatte damals gerade einen mir sehr nahestehenden, geliebten Menschen verloren und das erwähnt - und Christiane antwortete mir:
gliwi hat geschrieben: p.s. Ich wollte es eigentlich nicht schreiben, aber nachdem du das geschrieben hast, Ingrid,möchte ich noch anhängen, dass er auch in mir seit kurzem laut vernehmlich ist, nachdem ich mich auch "mitten im Leben" meinte, und dass dieses Gedicht das erste war, das mir zu meiner Situtation einfiel. Ja, es ist wirklich eines der ganz großen Gedichte in deutscher Sprache.
Einige Monate später erklärte gliwi sich bereit, hier im Forum als Moderatorin zu fungieren.
Diese Aufgabe hat sie sehr ernst genommen. Das umfaßte nicht nur das sicherlich oft mühsame „Aufräumen“, wenn das Forum wieder mal von SPAM-Attacken heimgesucht wurde, sondern sie beobachtete auch sehr aufmerksam, wie die Forumsteilnehmer miteinander umgingen, und hat so manches freundlich mahnende Wort an die Gesprächsrunde gerichtet... das Rilke-Forum lag ihr spürbar am Herzen, sie wurde nicht müde, sich dafür einzusetzen (und wir wußten nicht, wissen es heut noch nicht, was es sie gekostet haben mag...).


Ihr Tod hinterläßt eine schmerzliche Lücke in unserem Forum.

Und ich spüre so etwas wie einen „Auftrag“ - er geht an uns alle:
gliwi hat geschrieben: Durch Vorbildlichkeit bewirkt man angeblich mehr als durch Tadel. ... und was ich mir wünsche, ist, dass Ihr alle hierbleibt und dieses Forum lebendig haltet. In diesem Sinne
Gruß
gliwi

Liebe Christiane - ich danke Dir sehr herzlich dafür, daß Du da warst, daß wir hier zwar nicht Dich persönlich, aber doch etwas von Deinem Wesen kennenlernen durften - und ich bin sehr dankbar dafür, daß Deine knapp tausend Beiträge uns erhalten bleiben und wir uns beim Lesen auch weiterhin in gewisser Weise mit Dir verbinden können.

Wir werden Dich nicht vergessen.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

helle
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Re: Abschied von gliwi

Beitrag von helle » 25. Okt 2011, 11:12

Das ist traurig.

Gute Reise, liebe gliwi, und einen Gruß an Charon.

Thilo
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Re: Abschied von gliwi

Beitrag von Thilo » 7. Nov 2011, 21:43

In der Kopfzeile des Rilke-Forums, direkt links neben dem Link über den man sich einloggen kann, gibt es einen Link mit dem Inhalt “Mitglieder”. Dieser wird aber kaum gebraucht, denn in einem Online-Forum geht es nicht um die Mitglieder, sondern um deren Beiträge. Denkt man vielleicht.

Klickt Ihr aber doch einmal auf den besagten Link, so führt er Euch zu einer Liste sämtlicher Mitglieder unseres Forums, geordnet in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Anmeldungen. An dritter Stelle unter den fast 1500 Einträgen steht “gliwi”, also Christiane, angemeldet am 11. November 2002. Klickt Ihr dann zweimal auf das Wort “Beiträge”, so werden die Mitglieder nach der Anzahl ihrer Wortmeldungen geordnet. gliwi steht jetzt an erster Stelle, mit ihren fast tausend Beiträgen im Rilke-Forum. Wer das Rilke-Forum nicht kennt, der kann aus diesen Zahlen ableiten, dass gliwi sehr wichtig für das Forum war.

Diejenigen, die das Rilke-Forum gut kennen, werden solche Zahlen nicht brauchen. Sie finden sich vermutlich in den weiter oben stehenden Worten von stilz wieder, und entlang dieser Worte finden sie zu ihren eigenen Erinnerungen an gliwi. Als Administrator dieses Forums habe ich zwar schon seit langem nicht mehr mitdiskutiert und kann also auch leider nicht behaupten, das Forum gut zu kennen. gliwi aber habe ich ein wenig kennen gelernt. Als das Forum im Februar 2006 drohte, von Spam überflutet zu werden, hat sie mir ihre Unterstützung beim “Durchputzen” angeboten, wie sie es im Betreff einer Mail selbst nannte. Nachfolgende Mitteilungen, die ich von gliwi erhielt, hatten dann Betreffe wie “Spamalarm” oder “Angriff!” und enthielten meist auch eine beherzte Aufforderung zu den gerade drängenden Reparaturarbeiten - allerdings verpackt in so viel Charme und Humor, dass die für mich zu erledigenden Arbeiten nie wie eine leidige Pflicht erschienen. Auch hier folgte gliwi dem von stilz zitierten Motto “durch Vorbildlichkeit erreicht man mehr als Tadel”, denn sie verbrachte ohnehin unvergleichlich viel mehr Zeit mit der Pflege des Forums als ich. Und dieses "Durchputzen" war wohl noch das geringste, was sie für das Forum getan hat. Viel wichtiger war die Art, wie sie sich in die Gespräche eingebracht hat - vom ganz persönlichen Beitrag zur Auslegung einzelner Rilke-Texte bis zum unermüdlichen Weckruf an all jene Schüler, die für ihre Hausaufgaben um “DIE Interpretation” zu “Herbsttag” oder - immerhin - “Aufgang oder Untergang” baten:
[W]eil wir niemandes Hausaufgaben machen - gibt es hier nur einen Weg: Du arbeitest an dem Gedicht und teilst mit, was dir dazu einfällt. Wenn dann jemand hier Lust hat, tritt er/sie in einen Dialog mit dir. Zu mehreren findet man viel mehr heraus, als wenn nur einer allein davor sitzt, das ist richtig. Also dann fang' mal an.
Auch aus der letzten E-Mail, die ich von gliwi im Juni erhielt, sprach eine große Geduld. In ihrer kurz gefassten Anregung, einen weiteren Spam-Filter zu aktivieren, verwendete sie zweimal die Formel “wenn Du Zeit hast” bzw. “nur, wenn Du Zeit hast”. Dass ihr selbst nur noch wenig Zeit gegeben war, wird sie damals gewusst haben. Aus ihren Worten heraus konnte man es nicht erahnen.

Dies also von jemandem, der gliwi viel weniger gut kannte als so manche regelmäßige Besucher dieses Forums. Liebe Christiane, ich danke Dir für das was Du für dieses Forum getan hast. Deine Gedanken werden hier in Form Deiner Beiträge stehen bleiben. Und ich wünsche mir, dass Deine Präsenz auch im Umgang zwischen den Mitgliedern dieses Forums noch lange nachhallen wird, denn, wie Du es sagst: "zu mehreren findet man viel mehr heraus, als wenn nur einer allein davor sitzt". Also dann, würdest Du uns jetzt vielleicht zurufen, macht mal weiter!

Thilo

vivic
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Re: Abschied von gliwi

Beitrag von vivic » 17. Nov 2011, 05:28

Dear Friends,

The Rilke.de Forum has been the first internet experience that has seemed worthwhile to me. It has become part of my own education in German literature. I have been fairly immersed in Rilke's poetry and life for the past four years, but have worked in nearly total isolation; here, finally, I found a place where excellent readers did careful interpretation of difficult poems and shared their thoughts with others. I was even permitted to join the conversation, despite my sins against German grammar and style!

Obviously there are a few diligent participants who do most of the work in sustaining this wonderful resource; I see a small handful of names over and over. From the tributes by Stilz and Thilo I understand the role Gliwi has played not only in cleaning up after the spamsters and hackers, but, more importantly, in maintaining civility and modeling a high standard of clarity and relevance . I hope we can all work to keep her influence alive in the Forum. May the discussions thrive, with lots of lively disagreement, but always in a context of respect and affection.

Vito (vivic)
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung.

Dasha
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Re: Abschied von gliwi

Beitrag von Dasha » 17. Nov 2011, 16:38

Requiem aus China
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Dasha (Mukden)
so leben wir und nehmen immer Abschied.

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lilaloufan
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Re: Abschied von gliwi

Beitrag von lilaloufan » 25. Nov 2011, 17:59

Ja.

Wir wissen wenig und ahnen zugleich vieles.

Persönliches:
hat uns gliwi im Dezember 2007 anvertraut, und noch:
Nun weiß ich gliwi in einer Daseinssphäre, in der zunächst einmal alles, was im tätigen Leben Neigung „ansteckend“ oder Abneigung erregend war, abgelegt wird, bis sie in ein ganz reines Leben „mit der Sprache“ des Logos, der Ur-Sprache, eingetaucht sein wird.

Wie habe ich gliwi erlebt?

Zunächst – gar nicht selten – eine ruppige Seite. Das Unwirsche galt nie einem Menschen; ihr war jede(r) im Forum willkommen. Aber jeder Forderung – und in Forderungen zeigt sich ja der Unmündige! – sperrte sie sich. Mit knappen Worten. Unziseliert und definitiv.
Ein Ding-Gedicht ist ein Ding-Gedicht ist ein Ding-Gedicht. Punkt.

Einmal hat gliwi offenbart, welcherart ihre verneinende Gebärde war, wie man sie sich gestisch vorstellen kann: Es ging um: Dazu schrieb gliwi am 21. Februar 2007:
Christiane hat geschrieben:«Also sehen wir mal genau hin. Die Rede ist vom Fallen - der Blätter, der Menschen, der Hand, der ganzen Welt. Und dann, wenn alles scheinbar ins Bodenlose stürzt, kommt das sanfte Auffangen. Der Sturz (und damit der Tod) bleibt nicht das letzte Wort, er bekommt geradezu ein Ziel. Und das liegt in der Transzendenz.
Das scheint mir, kurzgefasst, in dem Gedicht zu stehen.»
und später:
Christiane hat geschrieben:«Gedanke zu „verneinende Gebärde“: Ich sehe da immer die Könige des Oberuferer Dreikönigspiels, die sagen: „Das von mir sei weit“ und dabei mit der rechten Hand so nach schräg unten weisen. So fallen für mich die Blätter nach schräg unten, mit „verneinender Gebärde“.»
So erlebte ich manches „Nein“ von ihr: nur vordergründig schulmeisterlich, bei näherem Hinsehen königlich, Umkehr ermöglichend, Tätigwerden herausfordernd, mindestens Protest ― und über jeden faulen Kompromiss erhaben.

Mit „Ja“ schien sie mir sparsam umzugehen; das behielt sie hin und wieder der PN vor. Aber mit jedem Jahr, das sie der Lebensernte näher zuführte, trat eine Milde ein, ein leiser entschiedener Tonfall. Du @Ingrid hast das im Nachruf deutlich beschrieben.

Und während ich zuvor manchmal empfunden hatte, gliwi schnitt einen Gesprächsfaden ab, war es jetzt manchmal so, dass sie ein abgerissenes Gespräch durch ein kurzes, manchmal provokantes, oft auch hilfreiches Wort wieder in Gang brachte.

Das Postskriptum, in dem Christiane schrieb:
Christiane hat geschrieben:«Ich wollte es eigentlich nicht schreiben, aber nachdem du das geschrieben hast, Ingrid, möchte ich noch anhängen, dass er auch in mir seit kurzem laut vernehmlich ist, nachdem ich mich auch „mitten im Leben“ meinte, und dass dieses Gedicht [‹Der Tod ist groß› l.] das erste war, das mir zu meiner Situation einfiel.»
stammt von Mitte August 2006 und bezog sich auf @Ingrid Deine Äußerung:
Ingrid hat geschrieben:«Unser Leben, so wie es war, wie es ist... das wäre gar nicht möglich ohne diesen Tod, der immer und überall mitreist.»
Am Karfreitag des darauf folgenden Jahres, 2007, schrieb Christiane hier im Forum:
Christiane hat geschrieben:… Die Mitte zu finden zwischen der Bereitschaft zu gehen und andererseits, wie Erich Fried fordert, der Weigerung, dem Tod auch nur einen Schritt entgegen zu gehen, das wäre wohl die beste Einstellung für den letzten Lebensabschnitt.
Da war sie „berührt“ von einem Text, den ich hier noch verlinke: » Le Christ est mort que l’âme ressuscitera «

Hier hatte ich nach Christianes Postskriptum geantwortet und Worte von Rilke [Brief vom 16. Juli 1908 an Gräfin Lili Kanitz-Menar] zitiert, die am Ende dieses Gedenkens stehen sollen:
Rainer Maria Rilke hat geschrieben:«Wer war diese Frau [Alice Faehndrich („Tante Alla”; 1857-1908) l.], die für andere lebte und doch selber, hinter allem und ohne es zu wissen und zuzugeben, die Ansprüche eines ganzen Lebens, wie unangebrochen, in sich trug: so dass man oft auf den Gedanken kommen konnte, sie wäre auch noch das Gegenteil von dem, was sie sein wollte, und beides wäre gleich echt und gleich unwirklich. Und welches, endlich, war das Verhältnis, das man zu ihr hatte und in dem Sympathie, ja sogar Bewunderung, so merkwürdig mit Widerstand und Ablehnung und Aburteil sich vertrug, dass man nie den Mut hatte, es abzurechnen und als endgültige Summe mitzuführen. Ich habe obendrein die Güte, die sie mir entgegenbrachte und die schließlich Freundschaft zu heißen anfing, ich weiß nicht wann, lange Zeit mehr als ein schön erfülltes Vermächtnis der vorangegangenen herrlichen Schwester [Gräfin Luise von Schwerin (1849-1906) l.] empfangen, denn als wirklich eigenes Geschenk: wobei ich nur immer mehr von der Einsicht in diese Gestalt mich entfernte.

Und jetzt stehe ich zum Tode so, dass er mich mehr in denen erschreckt, die ich versäumt habe, die mir unerklärt oder verhängnisvoll geblieben sind, als aus denen, die ich, als sie lebten, mit Sicherheit liebte, wenn sie auch nur einen Augenblick in der Verklärung jener Nähe aufstrahlten, die der Liebe erreichbar ist. – Die Menschen hätten bei einiger Einfalt und Freude am Wirklichen (als welches von der Zeit völlig unabhängig ist) nie auf den Gedanken [zu
l.] kommen brauchen, dass sie das, womit sie sich wahrhaft verbanden, irgendwann wieder verlieren könnten: Kein Sternbild steht so zusammen; nichts Getanes ist so unwiderruflich wie menschlicher Zusammenhang, der ja schon im Augenblick, wo er sichtbar sich schließt, stärker und gewaltiger im Unsichtbaren vor sich geht, im Tiefsten: dort, wo unser Dasein so dauernd ist wie Gold im Gestein; beständiger als ein Stern. Darum gebe ich Ihnen recht, […] wenn Sie meinen, über die zu trauern, ’die fortgehen’. Ach, uns kann nur fortgehen, wen wir nie besaßen.

Und wir können nicht einmal das betrauern: den und jenen nie recht besessen zu haben: wir hätten weder Zeit noch Kraft noch Gerechtigkeit dazu; denn die momentanste Erfahrung eines wirklichen Besitzes (oder einer Gemeinsamkeit, die ja nur doppelter Besitz ist) wirft uns schon mit solcher Wucht in uns selbst zurück, gibt uns dort so viel zu tun, verlangt so viel einsamste Entwicklung von uns: dass sie ausreichte, uns für immer einzeln zu beschäftigen. ―

Ist es nicht so?
»
Es ist so.

Danke!

Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

sedna
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Re: Abschied von gliwi

Beitrag von sedna » 29. Dez 2011, 23:52

Dich aber will ich nun, Dich, die ich kannte
wie eine Blume, von der ich den Namen nicht weiß,
noch ein Mal erinnern und ihnen zeigen, Entwandte,
schöne Gespielin des unüberwindlichen Schrei's.



So manches Mal haben mich Rilkes Verse an Christiane denken lassen ... Wie Rilke hier einen auffälligen, aber korrekten Apostroph setzt, erinnere ich sogleich ihren unvergeßlichen, unüberhörbaren und nun unwiederbringlichen virtuellen Aufschrei, wenn jemand wieder einmal im Denglisch-Stil ein Genitiv-s vom Wort trennte. Dann folgte nahezu sicher ein Beitrag von gliwi, mit nachdrücklicher Bitte, diesen „Deppenapostroph“, wie sie ihn auch nannte, zu entfernen. Ja, recht energisch zuweilen, aber unmißverständlich, authentisch.
Ein erst beginnendes Kennenlernen ergab sich uns aus ihrem jüngsten Aufruf "Kampf dem SPAM!"
Eine kompromißlose Haltung, aber auch besondere Empfindsamkeit gegenüber schleichendem Werteverfall. Beeindruckend, das Verteidigen ihrer Überzeugungen, ihrem rechtzeitigen Wehret-den-Anfängen.


Tänzerin erst, die plötzlich, den Körper voll Zögern,
anhielt, als göß man ihr Jungsein in Erz;
trauernd und lauschend–. Da, von den hohen Vermögern
fiel ihr Musik in das veränderte Herz.



Beeindruckend, ihr Stehvermögen bis zuletzt, als sie leider ihren wichtigsten Kampf verlieren mußte.
Wie sie in einem hier bereits öfter zitierten "Postscriptum" eines Beitrags aussagt, war es nicht mit ihrer aufrichtigen Art vereinbar, so zu tun als ob nichts wäre.
Und auch wenn ich noch nicht zu den Foren-Dinos, den wirklich Erfahrenen zähle, wie meine VorrednerInnen - auch mir wurde Christianes Wesen durch ihre Sprache erfahrbar.
Wie sie zur rechten Zeit mit wenigen treffenden Worte mal kurz in eine wohlmeinende Richtung schubste - ich schätzte ihre Klarheit sehr, ihr Herzblut im Willen und im Tun – als Lehrerin, Sprachliebhaberin und als Mensch.


Nah war die Krankheit. Schon von den Schatten bemächtigt,
drängte verdunkelt das Blut, doch, wie flüchtig verdächtigt,
trieb es in seinen natürlichen Frühling hervor.



Weshalb ich gerade heute endlich Worte finde, frage ich mich, zum Jahresausklang, rückblickend (ein wenig mehr sagen zu können, als etwa ein unbeholfenes 'Viel zu früh!'...) - vielleicht weil auch Rilke zufällig an einem 29. gegangen ist? – Er war nicht ihr Lieblingsdichter, sagte Christiane einmal. Aber es ist wohl gerade jene von lilaloufan schon erwähnte Liebe zur Sprache, die in meinem Empfinden Christiane mit der Dichtung und dem Rilke-Forum fest verbindet, und sie ist mir heute plötzlich sehr fühlbar gewesen.


Wieder und wieder, von Dunkel und Sturz unterbrochen,
glänzte es irdisch. Bis es nach schrecklichem Pochen
trat in das trostlos offene Tor.



Liebe Christiane, maßvoll zurückhaltend wie ich Dich erleben durfte, würdest Du wahrscheinlich die hier versammelten, einfühlsamen Reaktionen Dich vermissender Rilkeaner anstaunen.
Ja, das Forum hat mit Dir einen guten Geist verloren, die Lücke schmerzt, das verlangt nach Ausdruck.
Mir bleibt nur noch, Dir danke sagen, daß ich von Dir lernen durfte, danke Dir sehr für Dein Vertrauen.
Dich und Deine Menschlichkeit vergessen - nein, das ist von Herzen unmöglich. Dort lebe nun wohl.

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

Borski
Beiträge: 1
Registriert: 10. Jan 2013, 17:23

Re: Abschied von gliwi

Beitrag von Borski » 10. Jan 2013, 17:48

stilz hat geschrieben:Es ist etwas Eigenes in einem solchen online-Forum - einerseits kennt man einander ziemlich gut, andererseits kennt man oft nicht einmal die wirklichen Namen seiner Gesprächspartner... und schon gar nicht die näheren Lebensumstände.
Wenn eine Moderatorin in den Sommerferien länger nicht hereinschaut, denkt man sich nichts dabei (zumal wenn man weiß, daß sie Lehrerin ist); wenn sie auch danach nicht zurückkehrt, beginnt man sich zwar Sorgen zu machen... aber man weiß nicht recht, wen man fragen könnte, ob auch „alles in Ordnung“ ist...

Gestern habe ich erfahren, daß Christiane, „unsere“ gliwi, nicht mehr am Leben ist.

Ihr allerletztes posting bezog sich auf das Gedicht „Le verger“ - sie fragte nach einer guten deutschen Übersetzung.
Da ist die Rede von einem Ort, wo alles zusammentrifft, was uns bleibt, was ins Gewicht fällt und was uns nährt...

Vor ein paar Jahren schrieb sie, zu dem Gedicht „Die Blätter fallen...“:
gliwi hat geschrieben: ... es ist ja wohl so, dass dieser kleine bewohnte Planet durch die beständige Ausdehnung des Alls irgendwohin treibt und dass seine Bewohner womöglich völlig alleine im All sind. Diesen Gedanken finde ich total deprimierend. Und da kommt nun Rilke und sagt. Wir treiben nicht ziellos durchs All, und wir sind nicht alleine. Einer, wie auch immer er/sie beschaffen sein mag, umfängt uns, empfängt uns, dessen bin ich gewiss. Selbst wenn man diese Gewissheit nicht teilt, hat diejenige Rilkes etwas Tröstliches. Vielleicht umfängt uns ja doch einer? Ein kleines peut-être, wie ein anderer kluger Mann einmal gesagt hat.
Lieben Gruß
Christiane
Dieses „kleine peut-être“ - nun hat sie es wohl herausgefunden.

Ohje. Ich war früher hier aktiv und kenne gliwi noch von früher. Eine herbe Nachricht, die keinesfalls super ist. Möge sie in Frieden ruhen. :(

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