Mit einem Ast... Übersetzung ins englische gesucht.

Hier könnt Ihr nach Übersetzungen spezieller Rilke-Texte in fremde Sprachen fragen

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Soshin
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Mit einem Ast... Übersetzung ins englische gesucht.

Beitrag von Soshin » 6. Mär 2007, 19:09

Mit einem Ast, der jenem niemals glich,
wird Gott, der Baum, auch einmal sommerlich
verkündend werden und aus Reife rauschen;
in einem Lande, wo die Menschen lauschen,
wo jeder ähnlich einsam ist wie ich.

Denn nur dem Einsamen wird offenbart,
und vielen Einsamen der gleichen Art
wird mehr gegeben als dem schmalen Einen.
Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen,
bis sie erkennen, nah am Weinen,
daß durch ihr meilenweites Meinen,
durch ihr Vernehmen und Verneinen,
verschieden nur in hundert Seinen
ein Gott wie eine Welle geht.

Das ist das endlichste Gebet,
das dann die Sehenden sich sagen:
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen,
geht hin, die Glocken zu zerschlagen;
wir kommen zu den stillern Tagen,
in denen reif die Stunde steht.
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen.
Seid ernst und seht.



Liebe Rilke_Freunde :D

Würde eine Übersetzung dieses wunderbaren Gedichtes benötigen... Weiß jemand etwas dazu?

Liebe Grüße,

Soshin

stilz
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Beitrag von stilz » 9. Mär 2007, 11:53

Lieber Soshin,

nun bin ich ja jemand, der prinzipiell niemals der Versuchung widerstehen kann, etwas ins Englische zu übersetzen.
Aber sich am "Stunden-Buch" zu versuchen, ist alles andere als einfach!
Und ich kann mir auch kaum vorstellen, daß grad das "Stunden-Buch" bisher noch nicht übersetzt wurde, da müßte sich doch was finden lassen?

Ich habe trotzdem mit einer Übersetzung begonnen.

Zuerst möchte ich Dich aber fragen:
Du sagst, es ist für Dich ein "wunderbares" Gedicht. Ich stimme Dir zu!
Aber ich sehe nicht ganz, wie es zu verstehen ist, wenn man es nicht im Gesamtzusammenhang des "Stunden-Buches" liest.
Was machst Du dann aus "der jenem niemals glich"?

Und noch eine Frage (auch an alle anderen natürlich!): Wie verstehst Du "verschieden nur in hundert Seinen"?

Für mich läßt Rilke hier (in im Englischen kaum nachzumachender Weise) sowohl das Verbum als auch das Possessivpronomen "sein" erklingen, ohne daß das deutlich festgelegt wird.
Wie verstehst Du es?

Und hier mein erster Versuch - open to discussion:

O through a branch which never was like that
shall God, the tree, once e’en be summerly
heralding and from ripeness hum;
and in a country where men listen,
where each is likewise lonesome as I am.

For only to the lonesome is revealed,
and to a great number of lonesomes of same kind
will be dealt more than to the narrow One.
For unto each one will appear a diff’rent God,
till they perceive, so close to Weeping,
that through their miles and miles of Guessing
through their Listening and their Denying,
diff’rent only in hundred Beings of His flock
one God goes like a wave.

This is the most ultimate prayer,
that those who see will tell themselves:
The root God yielded fruit,
go forward and break up the bells;
we come to the more quiet days,
in which the hour stands so ripe.
The root God yielded fruit.
Be grave and see.


Hinzugesetzt am 13.1.2010: Die korrigierte Fassung mitsamt dem "Copyright" findet sich hier.

Lieben Gruß!

Ingrid
Zuletzt geändert von stilz am 13. Jan 2010, 20:36, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Soshin
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Wow!

Beitrag von Soshin » 9. Mär 2007, 13:58

...of His flock...

Das ist eine grandiose Übertragung, danke, Ingrid! Mein Englisch reicht zwar aus, um das Gedicht in der Übersetzung mitfeiern zu können, aber hätte niemals ausgereicht, es selbst zu übersetzen. Vielen Dank! :)



____________________


Ich kannte das Gedicht aus dem Zusammenhang des Stunden-Buches, so war mir der Beginn des Gedichtes nicht im Weg.

Die beiden Übersetzungen, die es gibt, sind relativ zu Deiner, ziemlich mies. Macy/Barrows sind m.M. nach ganz schlecht, deutlich besser schon ist die von Kidder. Fr. Deutsch hat dieses Gedicht leider nicht übersetzt.

Und Deine Übersetzung ist überhaupt die Beste. :P

verschieden nur in hundert Seinen...

ja, herrlich, doppelte Bedeutung in einem Anklang. Die Seinen - die ihm gehörenden - und dann wieder im Sinne von den Seinen, die einfach nur sind.

Liebe Grüße,

Soshin

Oh, und Ingrid: hau' bitte gschwind ein Copyright drauf, die Übersetzung ist wirklich gut.

stilz
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Beitrag von stilz » 9. Mär 2007, 14:19

Oh ---

na, lieber Soshin, ich freu mich natürlich, wenn Du meinen Versuch als gelungen empfindest, für mich bleibt es ein unvollkommener Versuch, Rilke halbwegs gerecht zu werden...

grad "of His flock" finde ich so ungenügend... denn das scheint eher in Richtung "Schaf in der Herde" zu deuten, wie paßt das mit dem "Einsamen" zusammen... aber ich weiß halt nicht recht, wie das alles im Englischen unter einen Hut zu bringen wäre.

Was mich zum Vergleich nun doch sehr interessieren würde, sind die beiden bereits existierenden Übersetzungen... wo sind die denn zu finden?

Lieben Gruß

Ingrid

P.S.: Also, wie man ein Copyright auf eine Übersetzung "draufhaut" :lol: , weiß ich überhaupt nicht... und wozu ich das tun sollte, ist mir auch noch nicht ganz klar. Ich bin ja nicht irgendwie "literarisch tätig"... und kann mir im Moment nicht recht vorstellen, inwiefern meine Übersetzungsversuche "mißbraucht" werden könnten...
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stilz
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Beitrag von stilz » 9. Mär 2007, 14:28

P.S.:

Noch zu den "hundert Seinen":

Ich hätte es nicht verstanden als die, "die einfach sind", sondern eher als den Teil von Gott, der in jedem von ihnen ist. Sodaß diese "hundert" verschiedenen Teile gemeinsam die "Welle" des einen Gottes bilden...

Aber es ist ein bisserl problematisch, das so genau in Worten festzulegen. Das Schöne bei Rilke ist ja grad, daß er diese Assoziationen anregt, ihnen Raum läßt, indem er sich an der Grenze der Sprache bewegt... und im "nonverbalen Raum" ist eben alles möglich und klar und leicht verständlich...
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Soshin
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Beitrag von Soshin » 11. Mär 2007, 12:33

stilz hat geschrieben: Was mich zum Vergleich nun doch sehr interessieren würde, sind die beiden bereits existierenden Übersetzungen... wo sind die denn zu finden?

.
Liebe Ingrid,

nun ja, die gibts bei amaz*n, zum Beispiel, aber natürlich kann sie Dir jede Buchhandlung ebenso bestellen.

Ich habe die Bücher als ausgemachter Rilke-fan, natürlich zu Hause. Aber es lohnt nicht, sie zu haben, leider, die Übertragungen sind entweder ganz schlecht, oder aber mittelmässig.

Die Übertragung von einer Auswahl - leider nur einer Auswahl - aus dem Stunden-Buch von Frau Deutsch ist da ein ganz anderes Kaliber, ich habe es mir eben bestellt. Leider wird es erst eintreffen, wenn Du schon gesungen hast, sonst hätte ich es Dir geborgt.

Interessant und höchst gelungen ist bei dieser Übertragung, dass die Überstzerin den, eigentlich natürlich fragwürdigen Versuch macht, die Melodie in den Gedichten, das Reimschema gut auf Englisch hinüberzuretten. Dass sie natürlich keine absolute Texttreue bei diesem Vorgehen gewährleisten kann, versteht sich dann halt von selbst. Aber meines Erachtens nach ist das ein doch auch sehr interessanter Weg.

Bin schon neugierig und gespannt auf die Übertragungnen.

Beispiel:

Now the hours bow down, it touches me, throbs
metallic, lucid and bold:
My senses are trembling. I feel my own power-
on the plastic day I lay hold.

Until I perceived it, no thing was complete,
but waited, hushed, unfulfilled.
My vision is ripe, to each glance like a bride
comes softly the thing that was willed.

There is nothing too small, but my tenderness paints
it large on a background of golg,
and I prize it, not knowing whose soul at the sight,
released, may unfold.



Alles Liebe,

Soshin

Georg Trakl
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Beitrag von Georg Trakl » 2. Apr 2007, 23:15

Bitte sehr, hier die gewünschte Übersetzung!

Alles Walzer und viel Vergnügen wünscht Ihr ergebener
G. Trakl jun.

With a branch, which never resembled that one,
becomes God, which becomes also once summery
announcing tree, and from ripe ones to rush;
in a country, where humans listen, where everyone
is just as lonely as I. Because only to the lonely one
one reveals, and many lonely ones of the same kind
more one gives than narrow the one. Because everyone
a andrer God will appear, until they recognize, near at
crying, that by their mile-far mean, by their hearing and
answering in the negative, differently no in the morning
only in one hundred its a God like a wave goes.
That is the endlichste prayer,
then the seeing to say itself: The root God carried fruit,
goes to smash the bells; we come to let us style-learn
days, in those ripely the hour stands. The root God carried fruit.
Are serious and see.

***
Anmerkung der Moderatorin:
Wie der geneigte Leser sicherlich bemerkt hat: auch dieser Beitrag unseres Mitglieds Georg Trakl jun. ist cum grano salis zu lesen - hier habe ich eine Sammlung seiner originellen postings angelegt.
Herzlichen Gruß in die Runde,
stilz

***

Abdelwahab
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Gedicht ins Arabische uebertragen

Beitrag von Abdelwahab » 12. Mai 2007, 16:41

Hallo soshin, ingrid,

ich habe dieses Gedicht ins Arabische uebertragen. Es war mein erstes aus dem Stundenbuch und ist das erste Rilksche Gedicht das jemals ins klassisch-arabische Versmass uebertragen wurde !

Folgende Bedeutungen hatte ich - damals - den Wortwendungen gegeben :

1. "jenem" : In einem frueheren Gedicht (in der Inseltaschenbuchausgabe einige Seiten vorher) spricht RMR vom "Ast, der ueber Rom gewachsen ist" in einem deutlichen Hinweis auf das Christentum von dem er stets sagt, dass er ausgedient hat. Das erklaert auch, warum er sich am Ende des Gedichtes ueber die Glocken aeussert, die man zerschlagen sollte.

2. "hundert Seine" : Jedem Menschen - in diesem stillen Ort, wo die Menschen nach Innen lauschen - erscheint ein eigener Gott. Dieser Gott hat ein "Sein", das - nur vom Anschein her - zu den anderen Goettern verschieden ist.

3. "Welle" : Da Gott aus dem Inneren eines jeden kommt, aber gleichzeitig ein und derselbe ist, bricht er in allen aus, wie eine grosse Welle !

4. "endlichste Gebet" : vollendete Gebet. Wir sollten nicht vergessen, dass RMR stets wissen wollte, wie man am besten betet ... Er war mehr oder weniger zu den Gebeten angezogen, bei denen sich die Menschen ans irdische binden, weil ihm das himmlische nicht immer gleichgestellt mit der Seligkeit vorkam. Er wollte den Weg durch die Erde schlagen ...

Nicht umsonst habe ich dieses Gedicht am Anfang meiner Stundenbuch-uebertragungen ins Arabische gestellt : Es enthaelt Hoffnung auf eine neue Seligkeit, die dem modernen Geist - schon damals - sehr unentbehrlich schien !

Gruss

PS: Die Uebersetzung Ingrids finde ich gut (zumindest als erster Versuch). Leider ist meine englische Sprache nicht genuegend reich, um einige poetischen Woerter vorzuschlagen, die mir vor allem in Reimstellen (wie "Guessing " oder " flock " ) wichtig erscheinen.

stilz
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Re:

Beitrag von stilz » 13. Jan 2010, 20:32

Und hier folgt nun endlich die korrigierte Fassung meiner Übersetzung:

Mit einem Ast, der jenem niemals glich,
wird Gott, der Baum, auch einmal sommerlich
verkündend werden und aus Reife rauschen;
in einem Lande, wo die Menschen lauschen,
wo jeder ähnlich einsam ist wie ich.

Denn nur dem Einsamen wird offenbart,
und vielen Einsamen der gleichen Art
wird mehr gegeben als dem schmalen Einen.
Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen,
bis sie erkennen, nah am Weinen,
daß durch ihr meilenweites Meinen,
durch ihr Vernehmen und Verneinen,
verschieden nur in hundert Seinen
ein Gott wie eine Welle geht.

Das ist das endlichste Gebet,
das dann die Sehenden sich sagen:
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen,
geht hin, die Glocken zu zerschlagen;
wir kommen zu den stillern Tagen,
in denen reif die Stunde steht.
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen.
Seid ernst und seht.



Raising a branch not apt with that one to agree
God shall, the tree, one day be summerly
heralding and from ripeness hum;
and in a land where mortals listen,
and each is likewise solitary as I am.

For to the solitary soul alone will be revealed,
and thus to many solitudes of equal kind
will be dealt more than to the narrow One:
to each of them a separate god will be replying,
until they find, so close to crying,
that through their miles and miles of trying,
through their perceiving and through their denying,
in hundred Beings of His flock only varying,
one God goes like a wave.

This is the most ultimate prayer
that then one seeing heart the other tells:
The root God yielded fruit,
go forward and break up the bells;
we come to the more quiet days,
wherein the hour ripely stays.
The root God yielded fruit.
Be grave and see.



Und noch:

In lieu of a Copyright:
If you want to make this translation known to anyone else: please put it in context with Rilke’s original poem and attach the remark „translation: stilz“.

It is my genuine concern to thus make every reader realize not only that my text is a translation, but also – and this is why I want it to be connected with my nickname – that it is the comprehension of one single person which expresses itself in this translation. (If you want to know more about the thoughts that made me ask this, read here).

Anstelle eines Copyrights:
Ich bitte darum, dieses Gedicht nur gemeinsam mit Rilkes Originaltext und mit dem Zusatz "Übertragung: stilz" anderen Lesern zugänglich zu machen.

Denn es ist mir ein großes Anliegen, daß jeder Leser darauf aufmerksam wird, erstens daß es sich um eine Übersetzung handelt, und zweitens (und vor allem deshalb möchte ich meinen nickname damit verbunden wissen) daß es das Verständnis eines einzelnen Menschen ist, das sich in dieser Übersetzung manifestiert hat.
Hier erkläre ich ausführlicher, welche Gedankengänge mich zu dieser Bitte veranlaßt haben.

Ingrid (stilz)
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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