Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Hier könnt Ihr nach Übersetzungen spezieller Rilke-Texte in fremde Sprachen fragen

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Arosa
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Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von Arosa » 7. Feb 2009, 14:22

Hallo,

ich suche eine englische Übersetzung/ Übertragung von Stiller Freund der vielen Fernen aus den Sonetten an Orpheus ! Da ich Ende nächster Woche einen Vortrag dazu halten muss, wäre eine rasche Antwort sehr erfreulich ! Danke im voraus !

Arosa :D
Ist es möglich, daß alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es möglich, daß alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; daß ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer -?

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lilaloufan
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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von lilaloufan » 7. Feb 2009, 15:48

Da kannst Du erst mal auf die Übersetzung von Howard A. Landman auf der Polyamory-Site zurückgreifen; wegen seines Copyrights kopiere ich sie nicht hier herein. Ich hab' fürs Englische kein feines Sprachgefühl und kann deshalb nicht beurteilen, ob sie gut ist; dies ist also bloß ein Hinweis und kann nicht eine Empfehlung sein.

Gruß, l.

P.S.: „Ich bin“ ist mit "I'm here" übersetzt. Heißt "I'm here" nicht eher etwas Ähnliches wie's der Swinegel tom Hasen rööpt, ’Ick bün all hier’?
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Arosa
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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von Arosa » 7. Feb 2009, 19:26

Danke, LilalouFan, für diesen Hinweis ! Allerdings würde ich dem ps wohl zustimmen und Rilke hier eher mit "I am" übersetzen statt mit "I m here".

Beste Grüße und alles Gute zum Geburtstag,

Arosa :D
Ist es möglich, daß alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es möglich, daß alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; daß ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer -?

Harald
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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von Harald » 9. Feb 2009, 23:10

Wie Morgenstern, der dir ja ans Herz gewachsen sein dürfte, Christoph, so vorausschauend erklärt hat:
"Das raffinierte Tier tat's um des Reimes willen." (cohere/here)
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

stilz
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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von stilz » 10. Feb 2009, 14:33

Hier hat Harald vor einigen Jahren aus "The Complete Review" zitiert, zum Thema Übersetzungen.
Da heißt es unter anderem:
To translate a work ... is to explore it and consider it fully. Unfortunately, this does not mean the end-product -- the translation -- will be any good. And the problem is that most readers only read translations, rather than prepare them themselves. They do not translate the text, they accept the translated text as given -- and that, we would argue, is reading of the absolute worst kind.
[Ein Werk zu übersetzen heißt, es zu erforschen und voll und ganz zu erfassen. Unglücklicherweise bedeutet das nicht, daß das Endprodukt – die Übersetzung – etwas taugt. Und das Problem ist, daß die meisten Leser nur die Übersetzungen lesen, statt selber welche anzufertigen. Sie übersetzen den Text nicht, sondern akzeptieren den bereits übersetzten Text als gegeben – und das, würden wir meinen, ist Lesen der allerschlechtesten Sorte.]

Ja.
Das ist ein Problem, dessen ich mir sehr bewußt bin.
Und deshalb war es mir immer auch ein wenig unbehaglich dabei, wenn ich hier, als Antwort auf eine Anfrage, einen eigenen Übersetzungsversuch hereingestellt habe.

Dennoch kann ich nur schwer widerstehen, wenn's darum geht, ein Gedicht ins Englische übersetzen. Auch diesmal gelingt's mir nicht :wink: .
Und ich weiß mich ja dabei in guter Gesellschaft - schließlich hat auch Rilke selber vieles übersetzt... {womit ich keineswegs sagen will, daß ich meine Versuche in die Nähe seiner Übertragungen stelle!!!}

Um verständlich zu machen, wieso das Übersetzen trotz dieser Bedenken einen so großen Reiz für mich hat, möchte ich eine Passage aus Owen Barfields Buch "Poetic Diction - A Study in Meaning" (Kapitel Strangeness) zitieren:
Aristotle in his Poetics showed that he knew the aesthetic value of ‚unfamiliar words’[1], among which he included "foreign expressions' [2]; in keeping diction above the 'ordinary level'[3]; and anyone who has been to the trouble of learning a foreign language after the age at which he had reached a certain degree of aesthetic maturity, will know that aesthetic pleasure arises from the contemplation of quite ordinary expressions couched in a foreign idiom. It is important, then, to note that this is not, in so far as it is aesthetic, the pleasure of comparing different ways of saying the same thing, but the pleasure of realizing the slightly different thing that is said. For, outside the purest abstractions and technicalities, no two languages can ever say quite the same thing.
--------------------------------------------------------------------------------------------------------
[1] γλώτται
[2] ξενικοί λόγοι
[3] ιδιωτικόν
[In seinen ‚Poetica’ zeigte Aristoteles, daß er sich des ästhetischen Werts von ‚unvertrauten Wörtern’ [1], zu denen er auch ‚fremdsprachige Ausdrücke’ [2] zählte, bewußt war; denn sie tragen dazu bei, das Gesagte über dem ‚gewöhnlichen Niveau’ [3] zu halten; und jedermann, der sich in einem Alter, in dem er schon einen gewissen Grad an ästhetischer Reife erlangt hatte, die Mühe gemacht hat, eine Fremdsprache zu erlernen, wird um die ästhetische Freude wissen, die aufkommt, wenn man ganz gewöhnliche Begriffe betrachtet, die in ein fremdes Idiom gekleidet sind. Es ist nun wichtig, anzumerken, daß das nicht, insofern es ästhetisch ist, die Freude am Vergleich der unterschiedlichen Arten ist, dasselbe zu sagen, sondern die Freude, das ein bißchen andere, das hier gesagt wird, zu erkennen. Denn abgesehen von bloßen Abstraktionen und Formalitäten können keine zwei Sprachen jemals ganz dasselbe sagen.]

Und nach dieser langen Einleitung mach ich's jetzt ebenso wie der darob so geschmähte William Gass :wink: - es folgt, nach Rilkes Originaltext, mein eigener Übersetzungsversuch (wie man deutlich erkennen kann, war ich nicht so raffiniert wie das Wiesel - mir persönlich ist der Rhythmus wichtiger als der Reim):
{edit am 30.1.2010: Die Raffinesse dieses Wiesels hat mich eingeholt, ein Sonett ist ein Sonett ist ein Sonett, und natürlich sollte es sich nach Möglichkeit reimen. Deshalb habe ich meine Übersetzung nun doch überarbeitet. Die ursprüngliche, ungereimte Fassung findet sich der Vollständigkeit halber ganz unten, als "P.S."}
  • XXIX. Sonett

    Stiller Freund der vielen Fernen, fühle,
    wie dein Atem noch den Raum vermehrt.
    Im Gebälk der finstern Glockenstühle
    laß dich läuten. Das, was an dir zehrt,

    wird ein Starkes über dieser Nahrung.
    Geh in der Verwandlung aus und ein.
    Was ist deine leidendste Erfahrung?
    Ist dir Trinken bitter, werde Wein.

    Sei in dieser Nacht aus Übermaß
    Zauberkraft am Kreuzweg deiner Sinne,
    ihrer seltsamen Begegnung Sinn.

    Und wenn dich das Irdische vergaß,
    zu der stillen Erde sag: Ich rinne.
    Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.
  • Silent friend of many a remoteness, feel
    how the space is widened by your breath.
    In the gloomy framings where bells peal
    let yourself be rung. What seems to be your death

    on such nutriment will turn into a strength.
    Of transformation freely cross the borderline.
    - What is your most suffering experience?
    If drinking has a bitter taste, be wine.

    Be, within this night made of abundance
    magic power at the cross your senses show,
    of their strange encounter be the sum.

    As the mortal world no longer sees your presence,
    to the silent earth say you: I flow.
    To the rapid water speak: I am.
Und aus den obigen Erwägungen heraus setze ich diesmal hinzu:

In lieu of a Copyright:
If you want to make this translation known to anyone else: please put it in context with Rilke’s original poem and attach the remark „translation: stilz“.

It is my genuine concern to thus make every reader realize not only that this text is a translation, but also – and this is why I want it to be connected with my nickname – that it is the comprehension of one single person which expresses itself in this translation.

Anstelle eines Copyrights:
Ich bitte darum, dieses Gedicht nur gemeinsam mit Rilkes Originaltext und mit dem Zusatz "Übertragung: stilz" anderen Lesern zugänglich zu machen.

Denn es ist mir ein großes Anliegen, daß jeder Leser darauf aufmerksam wird, erstens daß es sich um eine Übersetzung handelt, und zweitens (und vor allem deshalb möchte ich meinen nickname damit verbunden wissen) daß es das Verständnis eines einzelnen Menschen ist, das sich in dieser Übersetzung manifestiert hat.


Lieben Gruß in die Runde!

Ingrid

P.S.: Das Ungereimte:
  • Silent friend of many a remoteness, feel
    how your breath is still augmenting space.
    In the wooden framings of dark belfrys
    let yourself be rung. What wastes you

    on such nutriment will turn into a strength.
    Of transmutation freely cross the borderline.
    - What is your most suffering experience?
    If drinking has a bitter taste, be wine.

    Be, within this night made of abundance,
    magic power at the cross formed by your senses,
    of their curious meeting be the sense.

    If the world has let you sink into oblivion,
    to the silent earth say you: I flow.
    To the rapid water speak: I am.
Zuletzt geändert von stilz am 10. Sep 2012, 08:42, insgesamt 5-mal geändert.
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Arosa
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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von Arosa » 16. Feb 2009, 19:21

Hallo,

danke , Ingrid, für Deine Übersetzung, die ich in meinem Vortrag gut einsetzen konnte. Nun sind die Teilnehmer gefragt, eigene Übersetzungen anzufertigen . Ich bin schon sehr gespannt auf die Ergebnisse !

Liebe Grüße von Arosa :)
Ist es möglich, daß alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es möglich, daß alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; daß ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer -?

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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von stilz » 30. Jan 2010, 16:05

Liebe Arosa,

ich habe meine Übersetzung nun überarbeitet - es war ja damals, vor fast einem Jahr, ein "Schnellschuß"; und ein Sonett sollte schon zumindest versuchen, sich zu reimen...
Und ich bin auch neugierig: gab es von Deinen Seminarteilnehmern Vorschläge, die in ganz andere Richtungen deuten?

Herzlichen Gruß!

Ingrid
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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von vivic » 25. Jun 2010, 04:57

Dieses Thema interressiert mich sehr. Wie kann ich MEINEN Rilke den Englischen Lesern geben? Da handelt es sich nicht nur um Bedeutung oder Philosophie, sondern auch um andere Werte, vielleicht kurz zusammengefasst im Begriff "Musik," d.h. Sprachmusik.
Ich war zwar philosophisch gebildet (Wittgenstein) , aber die Gedanken in Rilke sind mir oft weniger wichtig als der Zauber mit Sprache., die herzzerbrechende "Schoenheit."

In 2009 ist Edward Snow's THE POETRY OF RILKE erschienen; Snow ist hervoragend in seiner genauen Treue zum Text, immer so einfach wie moeglich, und doch expressif. Ich wuerde das Buch sehr empfehlen. Die Gedanken Rilke's sind hier meistens sehr klar. Aber mir fehlt mir, bei Snow, sehr oft eben die Musik.

Schluss fuer heute. Stilz, ich habe deinen Versuch sehr gern. Hier noch einen, der muesste eigentlich noch einige Jahre im Schreibtisch warten und verbessert werden...

Oh still friend far in the distances, feel
how brave every inbreath can widen your breast.
On the dark tower where the bells hang muffled
let yourself ring! The spirit you nourish

grows strong as you open your offering hands.
Come in, go out, you self of constant changes.
Which of life’s troubles anguishes you most?
If drinking embitters you, become the wine!

In this huge night, junction of all your senses
become the magic spirit of the crossroads,
the very meaning of their strange encounter.

And if you feel forgotten by the earthly powers
just tell the solid ground: I’m flowing!
Just tell the hastening brook: I’m rooted here!

Vito (vivic)
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung.

vivic
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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von vivic » 28. Jun 2010, 03:41

Hier ist Snow's Uebersetzung; ich finde sie nicht eine seiner besten.
Eine Kleinigkeit: nur wenige wissen ueberhaupt noch, was ein "belfry" ist.

Silent friend of the many distances,
feel how your every breath enlarges space.
Amid the rafters of dark belfries
let yourself peal. Whatever feeds on you

is taking strength from such fare.
Know every path through transformation.
What one memory holds your deepest grief?
If you find drinking bitter, become wine.

Now in this night of fire and excess
be magic power at your senses' crossroads,
the meaning of their strange encounter.

And if the earthly should forget you,
say to the silent loam: I flow.
To the rushing water speak: I am.
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung.

Harald
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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von Harald » 28. Jun 2010, 21:43

Quiet friend who has come so far,
feel how your breathing makes more space around you.
Let this darkness be a bell tower
and you the bell. As you ring,

what batters you becomes your strength.
Move back and forth into the change.
What is it like, such intensity of pain?
If the drink is bitter, turn yourself to wine.

In this uncontainable night,
be the mystery at the crossroads of your senses,
the meaning discovered there.

And if the world has ceased to hear you,
say to the silent earth: I flow.
To the rushing water, speak: I am.

Anita Barrows and Joanna Macy, 2005
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von stilz » 29. Jun 2010, 11:31

Lieber Vito und Harald,

vielen Dank für's Hereinstellen dieser Übersetzungen!
Ich kannte keine davon - wenn ich versuche, ein Gedicht zu übersetzen, vermeide ich es zunächst, mir bereits existierende Übersetzungen anzuschauen: denn wenn ich darin eine "gelungene" Wendung entdecke, will sie sich in mir festsetzen und verhindert womöglich, daß an dieser Stelle Eigenes entsteht...

Und so wäre es mir vielleicht ergangen mit Deinem, Vito, "The spirit you nourish/grows strong": das ist wunderbar, und macht mir die Unvollkommenheit und auch Ungenauigkeit meines "what seems to be your death" bewußt.
Und auch Snow's "Whatever feeds on you/is taking strength from such fare." finde ich herrlich!
Dennoch bleibe ich bei meiner Version, zumindest so lange, bis ich eine genauere Variante finde, die sowohl das "Zehren" als auch das "Nähren" ausdrückt und sich obendrein auch noch reimen will...

Denn ich muß schon sagen: ich bin etwas erstaunt, daß sich unter all diesen Übersetzungen keine einzige findet, die den Reim versucht. :wink: Wenn ich das gewußt hätte, hätte mich wohl der Gedanke an die Unvollkommenheit meiner ersten, ungereimten, Fassung nicht so lange "verfolgt", bis ich mich schließlich nochmal hingesetzt habe, um sie doch noch zu überarbeiten. :D Auch deshalb bin ich froh, daß ich diese Übersetzungen nicht schon vorher gelesen habe!
vivic hat geschrieben:Eine Kleinigkeit: nur wenige wissen ueberhaupt noch, was ein "belfry" ist.
:D Ja. Ich hatte dieses Wort ja in meiner ersten ungereimten Fassung auch drin, es war mir immer etwas unbehaglich; ich bin ja kein "English native speaker" und hatte es aus dem Wörterbuch - und gleich das Gefühl, es wäre kein Wort, das man heute noch versteht (wohl deshalb hat es mir auch widerstrebt, "belfries" zu schreiben; "belfrys" schien mir irgendwie besser zu diesem alten Wort zu passen - ich laß diesen "Fehler" deshalb auch so stehen).

Das Schwierige beim Übersetzen von Rilkes Gedichten: man stößt dabei immer wieder auf sehr ungewöhnliche Wendungen, die der "Alltagslogik" zu widersprechen scheinen - und wenn man das dann ins Englische übersetzt, hat man mit der Versuchung zu kämpfen, es dennoch irgendwie "logisch" zu machen, weil Ausdrücke wie "let yourself be rung" halt nicht in die normale Grammatik passen und man daher davor zurückscheut - hier mag ich übrigens sehr die Übersetzung von Barrows/Macy: "...and you the bell. As you ring, ..."
Ja. Das drückt ziemlich genau (fast: denn es fehlt das "an-geschlagen-Sein", das ich bei "laß dich läuten" empfinde) aus, was ich beim Lesen des Originals empfinde, und dennoch wird man nicht zu sehr "zurückgestoßen" vom "Ungewohnten"...

Sehr interessant an Deiner Übersetzung, Vito, finde ich:
... feel
how brave every inbreath can widen your breast.

Bei Rilke heißt es ja:
... fühle,
wie dein Atem noch den Raum vermehrt.

- und ich habe darunter ganz unwillkürlich das Ausatmen verstanden, das nicht die Brust im Inneren weitet, sondern im Gegenteil den Raum außerhalb vergrößert... aber natürlich kann man es genausogut auch umgekehrt sehen. Atmen vermehrt Raum, sei es nun im Außen oder im Inneren... danke für diese Er-gänzung!
vivic hat geschrieben:Wie kann ich MEINEN Rilke den Englischen Lesern geben? Da handelt es sich nicht nur um Bedeutung oder Philosophie, sondern auch um andere Werte, vielleicht kurz zusammengefasst im Begriff "Musik," d.h. Sprachmusik.
Ich war zwar philosophisch gebildet (Wittgenstein) , aber die Gedanken in Rilke sind mir oft weniger wichtig als der Zauber mit Sprache., die herzzerbrechende "Schoenheit."
Ja. Das ist ein mir sehr begreiflicher Wunsch: "MEINEN Rilke" weiterzugeben.

Dennoch wäre es mir das noch größere Anliegen, auch englischsprachigen Lesern die Möglichkeit zu geben, "IHREN Rilke" zu erfahren.

Und nun frage ich mich, ob das nicht am ehesten dadurch gelingen könnte, daß man die Rilke-Originaltexte mit einem ganzen Kranz von Übersetzungen verschiedener Menschen umgibt - würde sich ncht dadurch am allerbesten die Vielfalt dessen erkennen lassen, was Rilkes Gedichte in seinen Lesern auslösen? Und so mancher nicht des Deutschen Mächtige fühlte sich vielleicht angeregt, sich dennoch auch mit dem Original auseinanderzusetzen und seine eigene "Fassung" wenigstens zu erahnen...

Vielen Dank für all diese Anregungen!

Herzlichen Gruß
stilz

P.S.: Und noch etwas: sowohl Du, lieber Vito, als auch Barrows/Macy sprechen von jemandem, der "far in the distances" ist, bzw "who has come so far"... während ich bei Rilke lese von einem stillen Freund "der vielen Fernen", der ja vielleicht auch im eigenen Inneren wohnen kann und somit selber gar nicht "fern" ist...
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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Re: Stiller Freund der vielen Fernen (englische Übertragung)

Beitrag von vivic » 4. Jul 2010, 16:15

Und nun frage ich mich, ob das nicht am ehesten dadurch gelingen könnte, daß man die Rilke-Originaltexte mit einem ganzen Kranz von Übersetzungen verschiedener Menschen umgibt - würde sich ncht dadurch am allerbesten die Vielfalt dessen erkennen lassen, was Rilkes Gedichte in seinen Lesern auslösen? Und so mancher nicht des Deutschen Mächtige fühlte sich vielleicht angeregt, sich dennoch auch mit dem Original auseinanderzusetzen und seine eigene "Fassung" wenigstens zu erahnen... (Stilz)

Genau! Oder vielleicht auch eine wort-woertliche Uebertragung, also ziemlich ungrammatische Prosa, dass die Leser die Deutschen Woerter wenigstens der Reihe nach einfach verstehen - wir nennen es ein "crib."

Ich uebersetze nicht in dem Wahn, irgendwie eine "bessere" Uebersetzung als alle andere zu machen, sondern etwa wie ein Anfaenger am Klavier eine Beethoven Sonate spielen "muss" - nur einmal zu fuehlen, wie die Deutsche Sprache durch MEINE persoenliche Sprache fliessen kann, wie sich das fuehlt. Denn, wie schon hier gesagt wurde, jeder liesst ja das Gedicht in seiner eigenen Weise.

Ueber Reim, das ist wenigstens hier in USA ein grosses Hindernis wenn man ueberhaupt Leser haben will. Heutzutage liesst Reim sich in Englisch jedenfalls kindisch oder komisch, wenn er irgendwie nur des Reimes Willen, und ohne die genau richtige Bedeutung hineingesteckt wird. Und das ist ja so schwer zu erlangen. Was mir wichtiger ist, ist die Metrik, die Silbenbetonung. Die versuche ich so treu wie moeglich zu behalten. Rilke ohne "rhythm" ist mir unmoeglich.

Vielen Dank, Freunde, es war ein Genuss euch am fruehen Morgen zu lesen.

Vivic
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung.

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