-Die Blinde- aus "Das Buch der Bilder" Englische Übersetzung

Hier könnt Ihr nach Übersetzungen spezieller Rilke-Texte in fremde Sprachen fragen

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Christiane8
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-Die Blinde- aus "Das Buch der Bilder" Englische Übersetzung

Beitrag von Christiane8 » 9. Jul 2010, 21:31

Hallo an Alle :-)

Ich bin ein Rilke Fan seit mehr als 25 Jahren.
Er war der Mann, der mich am längsten in meinem Leben begleitet hat :).
Nun würde ich gerne eines meiner Lieblingsgedichte -Die Blinde- aus "Das Buch der Bilder" an einen Freund senden. Leider spricht er nur Englisch. Wer kennt die englische Übersetzung? Ich würde mich wirklich sehr freuen!
Abgesehen davon würde ich gerne wissen, ob es eine gute Englische Übersetzung gibt für alle Gedichte, Das Stundenbuch, Das Buch der Bilder usw.

Liebe Grüße
Christiane

Harald
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Re: -Die Blinde- aus "Das Buch der Bilder" Englische Überset

Beitrag von Harald » 17. Jul 2010, 22:58

Eine Übersetzung findet sich hier:
Rilke, Selected Works: Volume II, Poetry. Translated by J.B. Leishman, 1960
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

Christiane8
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Re: -Die Blinde- aus "Das Buch der Bilder" Englische Überset

Beitrag von Christiane8 » 19. Okt 2010, 22:19

Hallo Harald,
vielen Dank für den Hinweis. Ja, es ist schon lange her, aber ich habe es nicht vergessen. Ich habe mir das Buch aus Amerika kommen lassen und bin richtig glücklich eine gute Übersetzung gefunden zu haben, und konnte damit jemand eine große Freude machen.
Vielen Dank!

Und vielleicht freut sich ja noch jemand darüber. Zuerst kommt die englische Version, dann das Original in deutscher Sprache


THE BLIND WOMAN

THE STRANGER:
you arent't afraid to speak of it?

THE BLIND WOMAN:
no.
It's so far away. That was someone else.
Who saw back then, who lived lived aloud and looking,
who died.

THE STRNGER:
And died a hard death?

THE BLIND WOMAN:
Dying's cruel to the unsuspecting.
One must be strong even when strangers die.

THE STRANGER:
She was a stranger to you?

THE BLIND WOMAN:
----Or: she has become so.
Death estranges even the child from the mother.
But it was terrible in those first days.
My entire body was a wound. The world
that blooms and rispens in things
had been torn out of me with its roots
with my heart (it seemed), and I lay
like churned-up earth and drunk
the cold raining of my tears,
which out of dead eyes ceaselessly
and softly streamed, the way from empty heavens,
when God has died, the clouds fall.
And my hearing was open to everything.
I heard things that are not audible:
time, which rang in thinnest crystal,--
and felt: close to my hand the breath
of a great white rose went past.
And over and over I thought: night and: night
and believed I saw the bright strip
that would fan out like a day;
and believed I neared the morning
that had long rested in my hands.
I woke my mother when slept slowly
fell down off my dark face,
I called to her: " Mother, come quickly!
Bring light!"
And listened. Long long it was silent,
and I felt my pillows turned to stone, --
then it was if I saw something shine:
it was my mother's grief-filled weeping,
about which I no longer wisch to think.
Bring light! Bring light! I screamed it in dreams:
Space has caved in. Take the space
off my face and off my breast.
You must lift it, lift it up high,
must give it back to the stars;
I can't live like this, with the sky upon me.
But do I speak to you, Mother?
Or to whom? Who is over there?
Who stands behind the curtain? -- Winter?
Mother: Storm? Mother: Night? Say something!
Or else: Day?....Day?
Without me! How can it be day without me?
Am I missed nowhere?
Does no one asked about me?
Are we entirely forgotten?
We?.... But you are there;
you still have everything, no?
All things still busily attend your sight,
caring for its needs.
When your eyes rest,
and no matter how tiréd they were,
they can still rise again.
.....Mine are silent.
My flowers will lose their colores.
My mirrows will freeze over.
In my books the lines will run together.
My birds will flutter in the narrow streets
and hunt themselves at unknown windows.
Nothing is joined with me anymore.
All have abandoned me.
I am an island.

THE STRANGER:
And I have come across the sea.

THE BLIND WOMAN:
What? To the island?.....Journeyed here?

THE STRANGER:
I am still in the skiff.
I have lightly berthed it ---
next to you. It rocks gently:
its flag blows landward.

THE BLIND WOMAN:
I am a island and alone.
I am rich.---
At first, when the old paths where still
in my nerves, well-marked
from so much use:
then I suffered too.
Everything in my heart went away,
I didn't know at first where to search;
but then I found them all there,
all my feelings, all that I am,
stood together and thronged and screamed
at the walled-up eyes, which refused to move.
All my led-astray feelings....
I don't know if they'd stood like that for years,
but I remember the weeks
when they all came back broken
and recognized no one.
Then the path to my eyes grew over.
I no longer know where it is.
Now everything moves about in me
confident and carefree; like convalescents
my feeling move, enjoy the walk
through my body's dark house.
A few like to read
about memories;
but the young ones
all look out.
And wherever they step toward my edge,
my garment is of glass.
My brow sees, my hand reads
poems in other hands.
My foot talks with the stone it treads,
my voice flies out with every bird
beyond the daily walls.
I no longer have to do without now,
all colores are translated
into sounds and smells.
And they ring infinitely sweet
like tones.
Why should I need a book?
The wind leafs through the trees;
and I know what passes there for words,
and sometimes repeat them softly.
And Dead, who plucks eyes like flowers,
doesn't find my eyes.....

THE STRANGER softly:
I know.

Deutsche Fassung

DIE BLINDE

DER FREMDE:
Du bist nicht bang, davon zu sprechen?

DIE BLINDE:
Nein.
Es ist so ferne. Das war eine andre.
Die damals sah, die laut und schauend lebte,
die starb.

DER FREMDE:
Und hatte einen schweren Tod?

DIE BLINDE:
Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.
Stark muss man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.

DER FREMDE:
Sie war dir fremd?

DIE BLINDE:
- Oder: sie ists geworden.
Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter. -
Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.
Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,
die in den Dingen blüht und reift,
war mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,
mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag
wie aufgewühlte Erde offen da und trank
den kalten Regen meiner Tränen,
der aus den toten Augen unaufhörlich
und leise strömte, wie aus leeren Himmeln,
wenn Gott gestorben ist, die Wolken lallen.
und mein Gehör war groß und allem offen.
Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind:
die Zeit, die über meine Haare floss,
die Stille, die in zarten Gläsern klang, -
und fühlte: nah bei meinen Händen ging
der Atem einer großen weißen Rose.
Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht
und glaubte einen hellen Streif zu sehn,
der wachsen würde wie ein Tag;
und glaubte auf den Morgen zuzugehn,
der längst in meinen Händen lag.
Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer
hinunterfiel vom dunklen Gesicht,
der Mutter rief ich: »Du, komm her!
Mach Licht!«
Und horchte. Lange, lange blieb es still,
und meine Kissen fühlte ich versteinen, -
dann wars, als säh ich etwas scheinen:
das war der Mutter wehes Weinen,
an das ich nicht mehr denken will.
Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:
Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum
mir vom Gesicht und von der Brust.
Du musst ihn heben, hochheben,
musst ihn wieder den Sternen geben;
ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.
Aber sprech ich zu dir, Mutter?
Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?
Wer ist denn hinter dem Vorhang? - Winter?
Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!
Oder: Tag?.......Tag!
Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?
Fehl ich denn nirgends?
Fragt denn niemand nach mir?
Sind wir denn ganz vergessen?
Wir?.......Aber du bist ja dort;
du hast ja noch alles, nicht?
Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht,
ihm wohlzutun.
Wenn deine Augen ruhn
und wenn sie noch so müd waren,
sie können wieder steigen.
... Meine schweigen.
Meine Blumen werden die Farbe verlieren.
Meine Spiegel werden zufrieren.
In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen.
Meine Vögel werden in den Gassen
herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.
Nichts ist mehr mit mir verbunden.
Ich bin von allem verlassen. -
Ich bin eine Insel.

DER FREMDE:
Und ich bin über das Meer gekommen.

DIE BLINDE:
Wie? Auf die Insel?... Hergekommen?

DER FREMDE:
Ich bin noch im Kahne.
Ich habe ihn leise angelegt -
an dich. Er ist bewegt:
seine Fahne weht landein.

DIE BLINDE:
Ich bin eine Insel und allein.
Ich bin reich. -
Zuerst, als die alten Wege noch waren
in meinen Nerven, ausgefahren
von vielem Gebrauch:
da litt ich auch.
Alles ging mir aus dem Herzen fort,
ich wusste erst nicht wohin;
aber dann fand ich sie alle dort,
alle Gefühle, das, was ich bin,
stand versammelt und drängte und schrie
an den vermauerten Augen, die sich nicht rührten.
Alle meine verführten Gefühle...
Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen,
aber ich weiß von den Wochen,
da sie alle zurückkamen gebrochen
und niemanden erkannten.

Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.
Ich weiß ihn nicht mehr.
Jetzt geht alles in mir umher,
sicher und sorglos; wie Genesende
gehn die Gefühle, genießend das Gehn,
durch meines Leibes dunkles Haus.
Einige sind Lesende
über Erinnerungen;
aber die jungen
sehn alle hinaus.
Denn wo sie hintreten an meinen Rand,
ist mein Gewand von Glas.
Meine Stirne sieht, meine Hand las
Gedichte in anderen Händen.
Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt,
meine Stimme nimmt jeder Vogel mit
aus den täglichen Wänden.
Ich muss nichts mehr entbehren jetzt,
alle Farben sind übersetzt
in Geräusch und Geruch.
Und sie klingen unendlich schön
als Töne.
Was soll mir ein Buch?
In den Bäumen blättert der Wind;
und ich weiß, was dorten für Worte sind,
und wiederhole sie manchmal leis.
Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,
findet meine Augen nicht.....

DER FREMDE leise:
Ich weiß.

Harald
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Re: -Die Blinde- aus "Das Buch der Bilder" Englische Überset

Beitrag von Harald » 23. Okt 2010, 12:09

Herzlichen Dank fürs Mit-Teilen.
H.
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

Christiane8
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Re: -Die Blinde- aus "Das Buch der Bilder" Englische Überset

Beitrag von Christiane8 » 23. Okt 2010, 12:45

Vielen Dank zurück!
Habe ich gerne gemacht...:-)

Aus welchem Gedicht ist das denn:
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens..

Sehr wahr..sofern irgend etwas in der Dualität "wahr" sein kann, aber es sagt alles...

Lieben Gruß
Christiane

gliwi
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Re: -Die Blinde- aus "Das Buch der Bilder" Englische Überset

Beitrag von gliwi » 23. Okt 2010, 22:30

Jetzt wär es Zeit, daß Götter träten aus
bewohnten Dingen...
Und daß sie jede Wand in meinem Haus
umschlügen. Neue Seite. Nur der Wind,
den solches Blatt im Wenden würfe, reichte hin,
die Luft, wie eine Scholle, umzuschaufeln:
ein neues Atemfeld. Oh Götter, Götter!
Ihr Oftgekommenen, Schläfer in den Dingen,
die heiter aufstehn, die sich an den Brunnen,
die wir vermuten, Hals und Antlitz waschen
und die ihr Ausgeruhtsein leicht hinzutun
zu dem, was voll scheint, unserm vollen Leben.
Noch einmal sei es euer Morgen, Götter.
Wir wiederholen. Ihr allein seid Ursprung.
Die Welt steht auf mit euch, und Anfang glänzt
an allen Bruchstelln unseres Mißlingens...



Muzot, Oktober 1925
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

Harald
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Re: -Die Blinde- aus "Das Buch der Bilder" Englische Überset

Beitrag von Harald » 25. Okt 2010, 18:49

Das hat J.B. Leishman als "... and Beginning gleams on all fractures of our misachieve ..." übersetzt.
Das halte ich für ein anmaßendes Übersetzerfoul, wenn es so beabsichtigt war, denn Rilke setzt ein geläufiges Wort, während "misachieve" noch nicht einmal dem OED bekannt ist und schreiend als Neologismus auf sich aufmerksam macht. Da Google Books die ganze Seite zeigt, ist auch die Hoffnung, dass es ein Scanfehler war, vergeblich. Vielleicht war's ja der Setzer, der das -ments geklaut hat.
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

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