A une heure du matin

Hier könnt Ihr nach Übersetzungen spezieller Rilke-Texte in fremde Sprachen fragen

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ichwar's
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A une heure du matin

Beitrag von ichwar's » 9. Feb 2013, 20:54

Ich suche eine deutsche Übersetzung zu dem angeführten Gedicht von Baudelaire und da Rilke in einem Brief an Lou Andreas-Salomè es als "das schönste" bezeichnet, gibt es ja eventuell eine Übersetzung von ihm. Vielleicht weiß jemand aus dem belesenen Kreis, wo ich derartiges finden kann oder noch begehrlicher für mich: Kann mir (hier) den Text zukommen lassen.

Lieben Dank und Larüssee ... Holm ...

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lilaloufan
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Re: A une heure du matin

Beitrag von lilaloufan » 9. Feb 2013, 21:27

Du meinst den Brief vom 18. Juli 1903.

Im Internet steht dieser Text:

Um ein Uhr morgens
Endlich allein! Man hört nur noch das Rollen einiger verspäteter und abgehetzter Droschken. Für ein paar Stunden werden wir Stille, wenn nicht gar Ruhe haben. Endlich! Die Tyrannei des menschlichen Gesichts ist verschwunden, und nur noch durch mich selbst werde ich leiden.
Endlich! So ist es mir nun erlaubt, mich in einem Bad aus Dunkelheit zu erholen! Zuerst den Türschlüssel zweimal herumdrehen. Es scheint mir, als würde diese Schlüsseldrehung meine Einsamkeit erhöhen und die Barrikaden, die mich jetzt von der Welt trennen, verstärken.
Furchtbares Leben! Furchtbare Stadt!
Rekapitulieren wir den Tag: mit mehreren Schriftstellern gesprochen, von denen mich einer fragte, ob man Russland auf dem Landwege erreichen könne (offenbar hielt er Russland für eine Insel); edelmütig gegen den Herausgeber einer Zeitschrift gestritten, der jeden Einwand mit einem „Wir sind hier die Partei der anständigen Leute“ beantwortete, was heißt, dass alle anderen Zeitungen von Gaunern gemacht werden; an die zwanzig Personen gegrüßt, von denen mir fünfzehn unbekannt sind; nach demselben Verhältnis Hände geschüttelt, und das ohne die Vorsichtsmaßnahme eines vorherigen Handschuhkaufs; während eines Regengusses, um die Zeit totzuschlagen, zu einer kleinen Tänzerin hinaufgestiegen, die mich gebeten hat, ihr ein Venustra-Kostüm zu zeichnen; einem Theaterdirektor meine Aufwartung gemacht, der mir bei der Verabschiedung sagte: „Sie sollten sich mal an Z. wenden, er ist der schwerfälligste, dümmste und berühmteste aller meiner Autoren;v ielleicht können Sie mit ihm etwas aushandeln. Sprechen Sie mit ihm, dann sehen wir weiter“; mich einiger schäbiger Handlungen gerühmt (warum?), die ich nie begangen habe, und einige Missetaten, die ich mit Freuden beging, feige geleugnet - schuldig der Prahlerei und der Furcht vor dem Urteil der Menschen; einem Freunde einen leichten Dienst abgeschlagen und einem Vollidioten eine schriftliche Empfehlung gegeben. Uff! Ist das nun alles? Unzufrieden mit allen und unzufrieden mit mir, möchte ich mich in der Stille und Einsamkeit der Nacht gerne von meiner Schuld befreien und wieder ein wenig stolz auf mich werden. Ihr Seelen, die ich geliebt, ihr Seelen, die ich besungen habe, stärkt mich, steht mir bei, haltet fern von mir die Lüge und die verderblichen Dünste der Welt; und Du, Herr mein Gott, schenke mir die Gnade, ein paar schöne Verse zu machen, die mir selbst den Beweis liefern, dass ich nicht der letzte der Menschen bin, dass ich nicht geringer bin als jene, die ich verachte!


l.

P. S.: In der Baudelaire-Werkausgabe steht das in Band I, Seite 127. Rilke bemerkt dazu:

„Es endet groß; steht auf, steht und geht aus wie ein Gebet.
Ein Gebet Baudelaires; ein wirkliches, schlichtes Gebet, mit den Händen gemacht, ungeschickt und schön wie das Gebet eines russischen Menschen. - Er hatte einen weiten Weg dazu hin, Baudelaire, und er ist ihn kniend und kriechend gegangen.“
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

ichwar's
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Re: A une heure du matin

Beitrag von ichwar's » 9. Feb 2013, 22:19

Na ich danke Dir. Diesen Text konnte ich schon in einem Reclam-Büchlein finden. Meine Frage war: Ob diese Gedicht auch von Rilke übersetzt wurden ist?

Larüssee ... Holm ...

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lilaloufan
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Re: A une heure du matin

Beitrag von lilaloufan » 10. Feb 2013, 18:22

Das weiß ich nicht. Ich vermute, dass Rilke diesen Text unübersetzt gelassen hat, denn in der 18. Aufzeichnung des Malte-Romans zitiert er den Schluss dieses „Prosa-Gedichts“ in der Originalsprache:
  • Da liegt es vor mir in meiner eigenen Schrift, was ich gebetet habe, Abend für Abend. Ich habe es mir aus den Büchern, in denen ich es fand, abgeschrieben, damit es mir ganz nahe wäre und aus meiner Hand entsprungen wie Eigenes. Und ich will es jetzt noch einmal schreiben, hier vor meinem Tisch kniend will ich es schreiben; denn so habe ich es länger, als wenn ich es lese, und jedes Wort dauert an und hat Zeit zu verhallen.
    »Mécontent de tous et mécontent de moi, je voudrais bien me racheter et m'enorgueillir un peu dans le silence et la solitude de la nuit. Âmes de ceux que j'ai aimés, âmes de ceux que j'ai chantés, fortifiez-moi, soutenez-moi, éloignez de moi le mensonge et les vapeurs corruptrices du monde; et vous, Seigneur mon Dieu! accordez-moi la grâce de produire quelques beaux vers qui me prouvent à moi-même que je ne suis pas le dernier des hommes, que je ne suis pas inférieur à ceux que je méprise.«
Der merkwürdige Ausdruck: „Die Tyrannei des menschlichen Gesichts“ stammt übrigens von Thomas de Quincey: «Bekenntnisse eines englischen Opiumessers» - Kapitel 5.

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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