Übersetzung/Translation: Advent

Hier könnt Ihr nach Übersetzungen spezieller Rilke-Texte in fremde Sprachen fragen

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leisesee
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Übersetzung/Translation: Advent

Beitrag von leisesee » 13. Dez 2016, 10:18

Dear friends,

please have a look at my translation of

Advent

The wind drives in the winter wood
the flakeherd like a guide,
and some a fir suspects, she should
soon be pious and shining bright.

And listens. To the wintry roads
she stretches her branches - ready
inside,
defies the wind and growing floats
towards the one and glorious night.

---------------------------------------------
As an alternative to the 2nd verse:

And listens. To the wintry rows
she stretches her branches - ready
inside,
defies the wind and trembling grows
towards the one and glorious night.

copyright by Frank Rainer Petri
written at the 3rd of Advent 2016

Which version do you prefer? I think, the first version is closer to the original, but the 2nd is also very nice. Any other opinions, suggestions, critics?

Best regards and a nice Christmas time

Frank (FRP) alias leisesee

stilz
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Re: Übersetzung/Translation: Advent

Beitrag von stilz » 13. Dez 2016, 11:40

Dear Frank Walter Petri, ***edit: Frank Rainer Petri --- bitte um Verzeihung!***

many thanks for your beautiful translation!

I cannot make up my mind as to which version I prefer – what is more: I do not want to.
:lol: Instead, I feel "tickled" to give it a try myself...

Als ich vor längerer Zeit einige eigene englische Übersetzungen hier hereinstellte (eine der ersten war wohl, passend zur Jahreszeit, Traumgekrönt), machte ich mir viele Gedanken darüber, inwieweit das Übersetzen von Gedichten überhaupt möglich ist, bzw was es bedeutet.
Hier habe ich diese Gedanken in einem Forumsbeitrag zusammengefaßt.
Und seither ist es mir ein Anliegen, Rilkes Original zur jeweiligen Übersetzung dazuzustellen.
Das tu ich hiemit:
  • Es treibt der Wind im Winterwalde
    Die Flockenherde wie ein Hirt,
    Und manche Tanne ahnt, wie balde
    Sie fromm und lichterheilig wird,
    Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
    Streckt sie die Zweige hin - bereit,
    Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
    Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Herzlichen Gruß,
Ingrid (stilz)
Zuletzt geändert von stilz am 14. Dez 2016, 20:41, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

leisesee
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Re: Übersetzung/Translation: Advent

Beitrag von leisesee » 13. Dez 2016, 19:31

Liebe Ingrid,

vielen Dank für Deine Antwort!

Natürlich hast Du Recht: Das Original sollte immer der Übersetzung zur Seite gestellt werden, um vergleichen zu können. Schön, dass Du das getan hast!

Mich hat es gereizt, das Gedicht zu übersetzen, nachdem ich gelesen hatte, dass bisher wohl noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden wurde, die es in ein Buch geschafft hat (wenn das so stimmt!). Im Netz (auch hier) habe ich einige Versuche gefunden, die mich aber nicht befriedigt haben, da den meisten etwas fehlt, was ich für essentiell halte: Als Anhänger klassischer Lyrik ist es nämlich für mich immer ein besonderer und zusätzlicher Anspruch, Gedanken in Reime zu fassen. Das ist schon in der Heimatsprache nicht einfach, wird aber in einer Fremdsprache bei weitem anspruchsvoller - noch dazu, wenn es sich um eine Übersetzung handelt. Bei alledem den Sinn des Gedichts möglichst beizubehalten, führt an die Grenzen.

Selbst wenn man Reime außer acht lässt und versucht, wortwörtlich zu übersetzen, gerät man spätestens bei Wortneuschöpfungen wie "Flockenherde" und "lichterheilig" ins Schwimmen. Insofern ist eine Übersetzung immer ein Kompromiss, der wahrscheinlich nie ganz zufrieden macht. Andererseits kann eine gelungene Übersetzung (wann ist eine Übersetzung gelungen?) anderssprachigen Menschen einen Zugang in eine andere Gedankenwelt öffnen. Übersetzungen werden daher immer zwiespältig sein, weil sie nie das Original erreichen, aber sie können versuchen, den taste of sense eines Gedichts zu transportieren.

Es hat mich eine halbe Nacht - die Nacht in den 3. Advent hinein - gekostet, um das Grundgerüst zu erstellen, aber das war es mir wert. Was gibt es schließlich Schöneres, als das "Advent"-Gedicht Rilkes an einem Adventssonntag zu übersetzen!

Auf das Ergebnis des "Kitzelns" bin ich schon gespannt! *lächel*

Lieben Gruß

Frank
Du siehst, ich will viel.
Vielleicht will ich alles:
das Dunkel jedes unendlichen Falles
und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.

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