Fundstück

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Georg Trakl
Beiträge: 19
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Fundstück

Beitrag von Georg Trakl » 7. Nov 2018, 13:46

Im Verschlage eines Jägerhauses in Überhamm, parochial zu Worpswede gehörig, wurde schon 1949 eine verwitterte Abschrift eines Rilke zugeordneten Gedichts entdeckt. Unter dem Schutt vieler Jahrzehnte und trotz der Verwüstung durch Besatzungssoldaten des zweiten großen Krieges konnte dieses von ungelenker Bauernhand abgeschriebene Manuskript aus den Trümmern gerettet und mühsam für die Nachwelt aufbereitet werden. Durch Zufall entdeckte ich dieses Schriftstück im Nachlasse eines verstorbenen Germanistikprofessors, der dem Poem allerdings zu keiner Zeit weitere Beachtung beigemessen hatte. Um so mehr freut es mich, diesen Fund heute hier im Forum den geneigten "RilkeanerInnen", als die ich Sie mit Fug und Recht bezeichnen möchte, zugänglich zu machen.


Frühlingstage in Worpswede

Voll Früchten der Holunder; ruhig wohnte die Kindheit
In blauer Höhle. Über vergangenen Pfad,
Wo es bräunlich der wilden Sau graust,
Sinnt das stille Gemächt dem Rauschen des Laubs.

Ein gleiches, wenn das blaue Wasser im Ductus deferens strömt.
Sanft ist der Amsel Klage. Ein Hirt
Folgt sprachlos der Sonne, die vom herbstlichen Hügel rollt.

Ein lauer Augenblick ist nur mehr Seele.
Am Waldsaum zeigt sich ein scheues Wild, und friedlich
Ruhn unterm Bund die alten Glocken wie hangende Weiler.

Frömmer kennst du den Sinn der dunklen Jahre,
Kühle und Herbst in einsamen Zimmern;
Und in heiliger Bläue läuten leuchtende Schritte fort.

Leise klirrt ein offenes Fenster; zu Tränen
Rührt der Anblick des verfallenen Friedhofs am Hügel,
Erinnerung an erzählte Legenden; doch manchmal erhellt sich die Seele,
Wenn sie frohe Menschen denkt, dunkelgoldene Frühlingstage.


Ein Belegstück dieses Opus sandte ich Anfang dieses Jahres abschriftlich an M. Weichselbraun zur Literaturabteilung des MDR. Weichselbraun hat darauf in "Rilke im Spiegel der Jahreszeiten" ("Die Welt" 54/2018) einen - allerdings umstrittenen - Kommentar zu diesem Gedicht verfasst: Es bestünde aus sechs mehrzeiligen Strophen in gleichmäßigen vierhebigen Jamben mit umschließendem Reim, meint sie unreflektiert, was allerdings - wie Figura zeigt - nicht unwidersprochen hingenommen werden kann. Die erste Strophe zeige nach ihrer Diktion eine friedliche Landschaft, in der fast alle Bewegung zum Stillstand gekommen ist. Elemente dieser Strophe kämen auch in der ersten Strophe des relativ unbekannten vierstrophigen Gedichtes „Hochstimmung des Morgens“ vor, das P. Odex in seinen Gedichtband „Leise Lieder zur Laute“ (2004 Klett-Kotta) aufgenommen hat. Obwohl hier vordergründig der Frühling abgehandelt wird, ist das Gedicht vermutlich im späten Oktober entstanden, beklagt doch die Amsel das Nahen des Spätherbstes und zeigt sich gleichzeitig scheues Wild am Saume des Waldes. Die Salzlecken dürften für die Tiere schon bereitgestellt worden sein, die Tage werden kürzer und die Nebel steigen. Ein einsamer Hirte schaut stumm und mit finsterer Miene auf sein stilles [erkaltetes?] Gemächt und die gealterten Glocken, während die Sonne vom Hügel herabrollt und alles zu vernichten droht mit ihrer späten Glut. Eine Parabel für Rilkes durch Impotenz verunmöglichte Sexualität? Interpretiert jedenfalls Weichselbraun. Nun ja ... Was meinen die Forumsmitglieder zu dieser (gewagten) Theorie?

Herzlichst, Georg Trakl jun.


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Anmerkung der Moderatorin:
Wie der geneigte Leser sicherlich bemerkt hat: auch dieser Beitrag unseres Mitglieds Georg Trakl jun. ist cum grano salis zu lesen - hier habe ich eine Sammlung seiner originellen postings angelegt.
Herzlichen Gruß in die Runde,
stilz
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