ist Zeit nichts ? - vollständiges Gedicht gesucht !

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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.Sabine.
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ist Zeit nichts ? - vollständiges Gedicht gesucht !

Beitrag von .Sabine. » 13. Mär 2007, 19:39

Hallo,

kennt jemand den vollständigen Text ?


...Ist Zeit nichts? Auf einmal kommt doch durch sie
dein Wunder. Daß diese Arme,
gestern dir selber fast lästig, einem,
den du nicht kennst, plötzlich Heimat
versprechen, die er nicht kannte. Heimat und Zukunft....

Sabine
"Ich lerne sehen.... " (Rainer Maria Rilke)

Paul A.
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Beitrag von Paul A. » 13. Mär 2007, 20:33

Noch fast gleichgültig ist dieses Mit-dir-sein...
Doch über ein Jahr schon, Erwachsenere, kann es vielleicht dem Einen,
der dich gewahrt, unendlich bedeuten:
Mit dir sein!

Ist Zeit nichts? Auf einmal kommt doch durch sie
dein Wunder. Daß diese Arme,
gestern dir selber fast lästig, einem,
den du nicht kennst, plötzlich Heimat
versprechen, die er nicht kannte. Heimat und Zukunft.

Daß er zu ihnen, wie nach Sankt-Jago di Compostella,
den härtesten Weg gehen will, lange,
alles verlassend. Daß ihn die Richtung
zu dir ergreift. Allein schon die Richtung
scheint ihm das Meiste. Er wagt kaum,
jemals ein Herz zu enthalten, das ankommt.

Gewölbter auf einmal, verdrängt deine heitere Brust
ein wenig mehr Mailuft: dies wird sein Atem sein,
dieses Verdrängte, das nach dir duftet.


Paul :lol:
"... Knaben, o werft den Mut/ nicht in die Schnelligkeit,/ nicht in den Flugversuch./ Alles ist ausgeruht:/ Dunkel und Helligkeit,/ Blume und Buch." (R.M. Rilke)

helle
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Re:

Beitrag von helle » 24. Feb 2010, 19:30

Paul A. hat geschrieben:Noch fast gleichgültig ist dieses Mit-dir-sein...
Doch über ein Jahr schon, Erwachsenere, kann es vielleicht dem Einen,
der dich gewahrt, unendlich bedeuten:
Mit dir sein!

Ist Zeit nichts? Auf einmal kommt doch durch sie
dein Wunder. Daß diese Arme,
gestern dir selber fast lästig, einem,
den du nicht kennst, plötzlich Heimat
versprechen, die er nicht kannte. Heimat und Zukunft.

Daß er zu ihnen, wie nach Sankt-Jago di Compostella,
den härtesten Weg gehen will, lange,
alles verlassend. Daß ihn die Richtung
zu dir ergreift. Allein schon die Richtung
scheint ihm das Meiste. Er wagt kaum,
jemals ein Herz zu enthalten [erhalten], das ankommt.

Gewölbter auf einmal, verdrängt deine heitere Brust
ein wenig mehr Mailuft: dies wird sein Atem sein,
dieses Verdrängte, das nach dir duftet.


Paul :lol:
Ich bin eher durch Zufall auf das Gedicht gestoßen, aber es beschäftigt mich. Es spricht Rilkes eigentümliches Genie daraus, mit seiner Eigenart, sich in die weibliche Gefühlswelt zu versetzen. Für ihn eingenommen hat mich auch, daß er es, wie viele Gedichte zwischen den Neuen Gedichten und den Elegien, nicht veröffentlicht hat. Dem jungen Rilke, der nichts nicht veröffentlichen konnte, wäre das nicht passiert, es ist doch eine erstaunliche Veränderung in seinem Selbst- und Weltverständnis.

Dann habe ich nachgesehen, ob das Gedicht hier einmal diskutiert wurde, aber nur den Beitrag von Paul A. vom 13. März 2007 gefunden, der den Text allerdings nur einstellt, wobei es einen Fehler am Ende der dritten Strophe gibt. Es heißt bei Rilke "erhalten" statt "enthalten", und eben diese Stelle finde ich schwierig, ich kann den Fehler "enthalten" (etwa im Sinn von besitzen) gut verstehen, auch wenn die Zeile in der Fügung dann nicht sehr poetisch klingt. Dagegen frage ich mich, wie "erhalten" zu verstehen ist, ob es das Herz des Sprechers meint - etwa im Sinn von "erwerben" - oder das der Geliebten, was sich nicht gut mit dem Verb "wagen" vertrüge. Oder hat das Herz etwas mit dem Jakobspfad zu tun? Und wo ist der Ort der Ankunft?

Was meint Ihr?

stilz
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Re: ist Zeit nichts ? - vollständiges Gedicht gesucht !

Beitrag von stilz » 24. Feb 2010, 20:40

Lieber helle,

bist Du ganz sicher wegen "erhalten"?
In meinem Rilke-Band (Rainer Maria Rilke - Die Gedichte. Insel Verlag 2006) steht "enthalten".

Ich verstehe es so, daß das Herz des Einen gemeint ist, der Heimat nicht kannte.
Es gibt etwas, das dieser Eine "kaum wagt".
Zuerst dachte ich, er wage es nicht, sich zu erträumen, daß sein Herz jemals "würdig" oder "fähig" sein könnte, "anzukommen" (der "Ort der Ankunft" wäre in den Armen, an der Brust des Mädchens; sein Herz würde bei ihr "Heimat und Zukunft" finden).

Bei genauerem Lesen sehe ich aber: es geht gar nicht darum, daß er es nicht wagt, davon zu träumen. Sondern er wagt es "kaum", in Wirklichkeit ein solches Herz zu er- bzw enthalten.
Das würde darauf schließen lassen, daß es etwas gibt, das er "wagen" müßte, damit aus seinem jetzigen Herzen ein solches Herz wird, das "ankommt" (wenn es "enthalten" heißt) bzw damit er für sein jetziges Herz ein anderes, neues erhält, das "ankommt" (wenn es "erhalten" heißt). Und ich denke bei solch einem "neuen Herzen" an "Siehe, ich mache alles neu"...

Und es scheint mir auch, daß es in diesem Gedicht nicht entschieden wird, ob er es tatsächlich wagen wird, ein solches Herz sein eigen zu nennen, das "ankommt". Es könnte durchaus sein, daß es beim Versprechen von Heimat und Zukunft bleibt, bei der Richtung, die ihn ergriffen hat...

Ich frage mich auch, ob es für diesen Einen ein kleineres Wagnis wäre, ein Herz zu haben, das in St Jakob ankommt, als ein Herz, das bei diesem jungen Mädchen ankommt.

Und in mir entsteht das Gefühl, es müßte im Deutschen den Ausdruck geben "ich wage (mir) ein Herz" - aber den gibt es wohl nicht, es heißt ja "ich fasse mir ein Herz".

Ein bemerkenswertes Gedicht, das mich irgendwie rührt.

Wenn ich mich auch frage, ob Rilke sich damit tatsächlich in erster Linie in die weibliche Gefühlswelt versetzt hat...

Soweit meine Gedanken dazu.


Herzlichen Gruß!

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

helle
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Re: ist Zeit nichts ? - vollständiges Gedicht gesucht !

Beitrag von helle » 26. Feb 2010, 09:04

stilz hat Recht, es heißt enthalten, das ändert vieles.
Vielen Dank zunächt!

stilz
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Re: ist Zeit nichts ? - vollständiges Gedicht gesucht !

Beitrag von stilz » 26. Feb 2010, 12:04

Ah - das ist schön, darüber freue ich mich.
Ich gestehe: es war mir ein wenig unbehaglich bei dem Gedanken, dieser "Eine" würde mit einem Male irgendwoher ein ganz neues Herz "erhalten". Denn was geschähe in einem solchen Fall mit dem alten Herzen, das ihm doch bisher treu gedient hat?

Bei "enthalten" hingegen denke ich in diesem Gedicht an den dynamischen Begriff des "Enthaltens", wie er in der "Rosenschale" so wunderbar beschrieben ist:
  • Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,
    wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen
    und Wind und Regen und Geduld des Frühlings
    und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal
    und Dunkelheit der abendlichen Erde
    bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,
    bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne
    in eine Hand voll Innres zu verwandeln.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

helle
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Re: ist Zeit nichts ? - vollständiges Gedicht gesucht !

Beitrag von helle » 26. Feb 2010, 17:45

Pardon für die falsche Angabe. Auch unter den »Gedichten« dieser Rilke-Seite steht der falsche Text. Das Wort »enthalten« klingt merkwürdig nach einem Ding, einem Gerät, daher mein Mißtrauen dagegen, daß es le mot juste sei, aber nun steht es mal da.

Das Ankommen steht unter einem Vorbehalt - vielleicht soll es nicht sein, da möchte ich stilz zustimmen. Vielleicht ist die »Richtung« wichtiger als das Ziel, die Ahnung mehr wert als die Erfüllung. Das Verwirklichen ist ja manchmal auch ein Verwirken. Im Begriff »enthalten« selbst steckt etwas von Möglichkeit und Latenz. Insofern liegt etwas ganz Utopisches im Gedicht. Es läßt mich an ein anderes seiner späten Gedichte denken:

Ankunft
In einer Rose steht dein Bett, Geliebte. Dich selber
(oh ich Schwimmer wider die Strömung des Dufts)
hab ich verloren. So wie dem Leben zuvor
diese (von außen nicht meßbar) dreimal drei Monate sind,
so, nach innen geschlagen, werd ich erst sein. Auf einmal,
zwei Jahrtausende vor jenem neuen Geschöpf,
das wir genießen, wenn die Berührung beginnt,
plötzlich: gegen dir über, werd ich im Auge geboren.

Grüße, Dank an stilz,
h.

stilz
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Re: ist Zeit nichts ? - vollständiges Gedicht gesucht !

Beitrag von stilz » 26. Feb 2010, 21:01

Und nun noch, auch im Zusammenhang mit "wagen", das Gedicht, das in meinem Band unmittelbar vor "Noch fast gleichgültig..." steht:
  • Wie die Natur die Wesen überläßt
    dem Wagnis ihrer dumpfen Lust und keins
    besonders schützt in Scholle und Geäst:
    so sind auch wir dem Urgrund unseres Seins
    nicht weiter lieb; er wagt uns. Nur daß wir,
    mehr noch als Pflanze oder Tier,
    mit diesem Wagnis gehn; es wollen; manchmal auch
    wagender sind (und nicht aus Eigennutz)
    als selbst das Leben ist -, um einen Hauch
    wagender .... Dies schafft uns, außerhalb von Schutz,
    ein Sichersein, dort wo die Schwerkraft wirkt
    der reinen Kräfte; was uns schließlich birgt
    ist unser Schutzlossein und daß wir's so
    in's Offne wandten, da wir's drohen sahen,
    um es, im weitsten Umkreis, irgendwo,
    wo das Gesetz uns anrüht, zu bejahen.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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