Ein Frauenschicksal.

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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rahel_varnhagen
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Ein Frauenschicksal.

Beitrag von rahel_varnhagen » 17. Jan 2011, 10:55

Das Gedicht "Ein Frauenschicksal" fiel mir in die Hände und berührt mich intuitiv sehr. Ich möchte es als assoziativen Ausgangspunkt einer Abschlussarbeit (Biographiearbeit) verwenden, bin mir jedoch nun nicht sicher ob ich es hinlänglich verstehe. Normalerweise widerstrebt es mir, ein Gedicht allzu tiefschürfend auseinanderzulegen, doch in dieser Sache ist mir ein umfassendes Verständnis sehr wichtig.

besonders die 2. strophe geht mir nicht 100prozentig auf?

kann mir wer helfen??


--------------------------------

Ein Frauenschicksal

So wie der König auf der Jagd ein Glas
ergreift, daraus zu trinken, irgendeines, -
und wie hernach der welcher es besaß
es fortstellt und verwahrt als wär es keines:

so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,
bisweilen Eine an den Mund und trank,
die dann ein kleines Leben, viel zu bang
sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch

hinstellte in die ängstliche Vitrine,
in welcher seine Kostbarkeiten sind
(oder die Dinge, die für kostbar gelten).

Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne
und wurde einfach alt und wurde blind
und war nicht kostbar und war niemals selten.


Aus: Neue Gedichte (1907)

gliwi
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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von gliwi » 18. Jan 2011, 00:19

Wie soll man dir helfen, wenn man die 99 aufgehenden % von dir nicht kennt? Also konkret: was geht auf, was geht nicht auf?
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

rahel_varnhagen
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@gliwi

Beitrag von rahel_varnhagen » 21. Jan 2011, 11:32

gliwi hat geschrieben:Wie soll man dir helfen, wenn man die 99 aufgehenden % von dir nicht kennt? Also konkret: was geht auf, was geht nicht auf?
Gruß
gliwi
hallo gliwi,

okay - weiß eben nicht recht, wie das hier läuft. mein zugang bislang war doch eher übers gefühl! am wochenende werde ich mich nochmal bewusst dransetzen und dann meine ideen hier posten. besonders interessant finde ich die 2.strophe

in meiner abschlussarbeit beschäftige ich mich mit biographiearbeit mit dem fokus auf weibliche individualisierungsprozesse - das gedicht möchte ich als assoziativen einstieg verwenden (so es denn tatsächlich passt)

danke
rahel

sedna
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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von sedna » 21. Jan 2011, 14:32

rahel,

Deine Fragestellung klang so verlockend, daß ich mir schon einige Gedanken darüber gemacht habe.
Aber ich empfinde es auch, ähnlich wie gliwi, als etwas beschwerlich, einen Einstieg zu finden, ohne zu wissen, ob meine Deutung (von den vielen möglichen) überhaupt in Richtung einer Antwort für Dich führen könnte. Denn ich weiß nicht einmal, welche Frauen-Schicksale Deine Arbeit über Biographiearbeit behandelt, dieses Thema ist mir nicht sehr geläufig. Und ich glaube, Du liegst mit Deinem Gefühl gar nicht so verkehrt, habe aber bislang außer großem Interesse nur so eine vage Ahnung.
Und nicht selten läuft dann das Hineindenken in ein Thema auch einseitig ins Leere, weil der Fragende - warum auch immer - verstummt, und mich wiederum als eine Fragende zurückläßt, die ich so gar nicht vorhatte zu sein. Das ist jedesmal schade und endet - im trübsten Sinne gedeutet - mit Rilkes Worten: "Überläßt der Hingehende nicht sein hundertfach Begonnenes denen, die ihn überdauern" ...

Ich freue mich daher auf Deine Gedanken zu diesem Gedicht, und hier von mir erste Bemerkungen zur zweiten Strophe, die mich auch sehr beschäftigt hat, und vielleicht deshalb schon "gewöhnungsbedürftig" ist, weil Rilke hier meines Erachtens über dem realistischen Bild der ersten Strophe vergleichsweise ein "modernes" surrealistisches Bild entstehen ließ:

Lebensdurstiges Schicksal trinkt "Lebenssaft" aus einem gerade zur Verfügung stehenden weiblichen Wesen. Das vom Schicksal verbrauchte sozusagen "blutarme" Leben, das der Einen als "Lebens-Inhalt" verbleibt, versucht nun, um nicht ein völlig "Entleertes" zu werden, das es umgebende "Gefäß Frau" erneutem lebensdurstigem Zugriff von außen zu entziehen, stellt es folglich in einen "Schau"-Kasten, und das ängstlich, weil selbst entkräftet. Und würde die Frau ihm entgleiten und zerbrechen, liefe das Leben hinaus ins Leere - das hieße gewissermaßen in den Tod. "Das Stundenglas rinnt aus" fällt mir dabei ein.

Soweit das Bild der zweiten Strophe nach meinem Verständnis, Eingehenderes sollte sich mit Deinen Gedanken zusammen ergeben.

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

rahel_varnhagen
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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von rahel_varnhagen » 28. Jan 2011, 19:55

Hallo Sedna.

Ein paar zusätzliche Tage habe ich gebraucht, da die Einarbeitung in meine Abschlussarbeit bereits fordert .. danke für deine Antwort. du hast sehr schöne Bilder gefunden! Einige sehr schöne Bilder ...

Hier ein paar skizzierte Gedanken von mir, ich hoffe das wird einigermaßen übersichtlich ;)
Vorab - ich folge wohl, im Sinne meiner Vorbereitungen auf meine BA, einer psychoanalytischen Lesart ...


„Ein Frauenschicksal" - mutet im Titel sehr no an, profan, abgenutzt – Rilke-untypisch und doch treffend, es spielt einerseits auf Beliebigkeit an, ist verallgemeinernd, und enthält zugleich eine Abschwächung von Tragik (Kitsch), die der Thematik zugleich Rechnung trägt


Ich habe im Folgenden ein paar Worte herausgepickt ...

„Eine“

bleibt ohne Namen
unbestimmter Artikel
objektiviert – passiv, kein Subjekt, eigener Identität und Gestalt beraubt, nicht handlungsfähig
Stellvertreterinnencharakter, beispielhaft für „viele“, „eine“ von „vielen anderen“
beliebig, zugleich bestimmt


„klein“ (Ein kleines Leben)

reduziert, bedeutungslos, ungeachtet, nicht wahrgenommen, unwert, minderwertig, kaum sichtbar, gläsern, durchscheinend


Leitmotiv – Polarisierung - Lebendigkeit und Tod

Personalisieren von Dingen und Ideen. Demgegenüber steht die Frau, entmenschlicht.


Tod:

Im Bild der Zerbrechlichkeit, das sich durchzieht


Glas (Glas – Vitrine - trinken) - für mich sehr dominant

unsichtbare, doch berührbare Barriere - um sich selbst errichtet, um sich zu schützen

sehr zerbrechliches, fragiles Behältnis, Gefäß

Barriere, die zwischen dem Leben und dem Leben danach besteht
Sinnbild von Transparenz?

aufgrund des Stoffes von übler Vordeutung? Drohen von Gefahr - im Zerbrechen

Zugleich Durchsichtigkeit, Einsicht.

Geht das Glas in Scherben? angstbesetzt.
(Verheißung: Befreiung von Drangsal und Beklemmung)

Vitrine:

Ein GLÄSERNER Schrank, Schau-Kasten
Bewahrung einer Idee oder Identität?

Funktion einer Vitrine: Unbenutztes verwahren, aus Angst es würde zerbrechen, einstauben
(Bürgerlichkeit, Biedermaier, steril, konserviert)
gesellschaftliche Normierung dessen was von Bedeutung ist

Ordnung, Gewissenhaftigkeit
EinSCHRÄNKung, Beklemmung

Die ängstliche Vitrine – personalisiert (wohingegen „Eine“ entmenschlicht wird)


Lebendigkeit:

Im Bild des Trinkens
(Lebenstrieb, gierig, körperlich, animalisch, triebhaft, einverleibend)

König:
archetypisches Vatersymbol, Autorität
regiert, beherrscht, machtvoll
edler Aspekt von Männlichkeit
Analogie König – Untertan (abhängig, ausgeliefert, Objekt, passiv)
Richtet sich auf das Gefühl, ausgeliefert zu sein
Über-Gewissen, oberste psychische Instanz
Bild des Todes (einzig ein König ist wie ein Verstorbener niemandem Untertan)

Bild der Jagd:
Gewaltvoll, Trophäe, animalisch, triebhaft, lebendig, vital

Schicksal:
Zwingend, triumphiert über ein Leben
Vs. Selbstbemächtigung

Lebensangst (Lebensdrang)

Hommage an das Leben, es gibt keinen Schutz vor Verletzlichkeit, Vergänglichkeit, Zerbrechen. In dem sie sich dem Leben entzieht, nimmt sie ihm die Essenz. In dem Willen kostbar zu sein, ist sie es eben nicht. Aufgrund der eigenen Sterblichkeit ist ihr Leben kostbar. Todesangst führt zum nicht gelebten Leben. Angst vor der Gebrechlichkeit des Lebens selbst (was das Leben aber impliziert, ausmacht) führt zur Vermeidung. Was fehlt, ist Lebens-Mut, Kraft. Indem sie ihr Leben zu konservieren versucht, schafft sie schon im Leben den Tod.

Interessant ist die Grammatik des Gedichts!

die ersten 3 Strophen sind ein einziger Satz, wie ein Sog (Bild des Trinkens)
die 4. Strophe dann scheint ein Schlusspunkt.

In der 2. Strophe sehe ich einen grammatikalischen Doppelsinn
Was ist Subjekt und was Objekt?
Eine oder das Schicksal?
wer trinkt aus wem?

Konditionierung und Wahl
im Focaultschen Sinne - strukturiert strukturierende Struktur
Habitus internalisiert vorgegebene Strukturen i.S.v. Konditionierung
Andererseits hat sie die Möglichkeit, vergegebene Strukturen neu zu strukturieren, transformieren, mitzuverändern
Versöhnung von Determinismus und Freiheit im focaultschen Sinne

Diese Ambivalenz ist für mich sehr spürbar


So in etwa ...

Dank und Gruß
Rahel

sedna
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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von sedna » 31. Jan 2011, 02:32

rahel,

es wird sehr spannend mit Deinen Ausführungen zusammen.
rahel_varnhagen hat geschrieben:Vorab - ich folge wohl, im Sinne meiner Vorbereitungen auf meine BA, einer psychoanalytischen Lesart ...
Drängt sich hier gewissermaßen auf; und ich werde versuchen, mich im Vergleichen mit "Kunst-Dingen" etwas zurückzuhalten. Aber so sattelfest wie Du sitze ich nicht in der Theorie (mit Bitte um Nachsicht) ;)
Ich fange mal am Ende an:
rahel_varnhagen hat geschrieben:Was ist Subjekt und was Objekt?
Eine oder das Schicksal?
wer trinkt aus wem?
Ja, verstehe ich (obwohl es ein bißchen gedauert hat). Diese Konstruktion wäre denkbar, aber ich lese nach wie vor das Schicksal als "durstiges" Subjekt, dazu die Assoziation von der Macht des Schicksals analog zur Macht eines Königs. Handelnde Subjekte wären in der zweiten Strophe demnach Schicksal und Leben, "Eine" bleibt (Akkusativ)Objekt.
Ich war ehrlich gesagt etwas verblüfft, denn ich sah zuerst auch einen Doppelsinn - jedoch nicht bezogen auf "Eine" und "Schicksal", sondern auf "Eine" und "Vitrine" ("sie" in der 4. Zeile). Die Auflösung folgt dann in der ersten Zeile der vierten Strophe: "sie" = "Eine", die hingestellt wurde, also von einem kleinen Leben, viel zu bang, die Eine (nicht die ängstliche Vitrine) zu zerbrechen.
Inzwischen meine ich, dieses Sinn-Wabern verstärkt das Traumbildhafte.
rahel_varnhagen hat geschrieben:Ein Frauenschicksal" - mutet im Titel sehr no an, profan, abgenutzt – Rilke-untypisch
Nein, nicht rilke-untypisch, da das Gedicht (obwohl es fast schon sarkastisch klingt) zu seinen Ding-Gedichten zählt. (Das Interessante ist aber, daß dieses Einzel-Schicksal gerade durch die Hervorhebung wieder eine gewisse Beachtung erfährt.)
Schicksal, Leben und Dinge (Vitrine) werden personifiziert, können handeln oder empfinden, während die "Eine" potentiell entwicklungsfähige Persönlichkeit verdinglicht oder Persona wird, Maske, die eine unveränderliche statische Rolle verkörpert, nicht abgelegt werden kann (dazu später mehr).
Als solche wird sie dann (im sozialen Umfeld) als Äußerliches wahrgenommen.
Rilke hat geschrieben:und wurde blind
das finde ich noch bemerkenswert - assoziiert blindes (Spiegel)Glas, man kann sich nicht mehr richtig erkennen.
Indem sie und andere nur das Äußere, die Maske vor Augen haben, entsteht eine gewisse Blindheit für Inneres
rahel_varnhagen hat geschrieben:„Eine“
nicht handlungsfähig
Das scheint mir im Vergleich die entscheidende Aussage über das "Glas" und die "Eine" zu sein.
Die Handlung des Königs und des Schicksals (hier würde ich sagen aus Selbsterhaltungstrieb) bewirkt kein Handeln beim Objekt, sondern bei einem Besitzer, einem 'Mittler' sozusagen.
Und jetzt wirds richtig spannend.
rahel_varnhagen hat geschrieben:Konditionierung und Wahl
im Focaultschen Sinne - strukturiert strukturierende Struktur
Habitus internalisiert vorgegebene Strukturen i.S.v. Konditionierung
...
Versöhnung von Determinismus und Freiheit im focaultschen Sinne

Diese Ambivalenz ist für mich sehr spürbar
- Ja, durchaus. Aber nur unmittelbar zwischen König und Glas, Schicksal und Frau.
Es kann ja für beide Seiten erfrischend werden, der Macht des Schicksals oder der Macht des Königs Blut zu spenden.
Und es werden nur volle Gläser geleert werden, leere Gläser sind uninteressant. Und voll können sie ihr ganzes Glas-Sein verwirklichen, indem sie geleert und wieder voll werden, daß sich das Procedere erneut und wieder anders erschöpfen läßt.
Aaaber: Was hier an die Substanz geht, ist meines Erachtens das Bewußtsein etwaiger Besitzer, dieser Mittlerfiguren. Die sind das eigentlich Schicksalhafte, welches die Entscheidungs- oder Willensfreiheit der Objekte – genau! – einSCHRÄNKt.
rahel_varnhagen hat geschrieben:Vitrine:
Bewahrung einer Idee oder Identität?

EinSCHRÄNKung
Diese Assoziation ist wirklich ein Volltreffer.
Erste Strophe: Glas wird 'Trophäe' seines Besitzers und für kostbar erklärt, weil der König (!) daraus trank. Es wird daher zum Erinnerungsgegenstand entfremdet und darf nicht das sein, was es ist: ein Glas.
Zweite Strophe: ein Leben will sich 'aufsparen', anstatt zu riskieren, alles zu geben.
Seltsam auch diese doppelte Verkapselung: Die "Eine" kann auch zerspringen, wenn der Lebens-Inhalt in ihr zu gewaltig anschwillt. Tut er aber nicht. Das kleine Leben wiegt sich in einer ängstlichen Vitrine in Sicherheit, welche ihrerseits, wenn sie zu voll wird, zerbrechen kann.

Und bleiben wir in einem Natur-Bild mit Flüssigkeit, stellt es sich für mich so dar: Ein kräftiger Lebens-Fluß kann in eigenen Bahnen mäandern. Ein kleines Rinnsal wird entweder das Bachbett nicht verlassen können oder beim Verlassen sofort von der Erde aufgesogen.
Deshalb sehe ich im Gedicht keine Möglichkeit, diese Hypothese von Dir zu stützen:
rahel_varnhagen hat geschrieben:Andererseits hat sie die Möglichkeit, vergegebene Strukturen neu zu strukturieren, transformieren, mitzuverändern
Und zwar wegen dieser manipulierenden Mittlerfunktion. Das Glas und die Frau sind handlungsunfähig und können nicht 'groß' werden.
Der Besitzer will das Glas einfach nicht mehr voll-machen ...
Und ein kleines Leben (weniger Minderwertigkeit, als vielmehr Wachstumshemmung) kann sich nicht mehr voll entfalten.
Und das drückt Rilke für mich in unerbittlicher sachlicher Präzision aus, und durch die (ich sage mal) 'Tiefenschärfe' in den Bildern auch ohne alternative Betrachtungsmöglichkeit.

Und nun meine Hypothese, die ich oben schon angedeutet habe, denn ich sehe immer noch die Möglichkeit, das Gedicht als assoziativen Ausgangspunkt zu nehmen, vielleicht mit leicht veränderter Option:
Das Frauenschicksal im Gedicht scheint besiegelt. Was hier zum Besseren Macht ausüben, Ein-Fluß nehmen könnte, ist die Dichtung selbst, dadurch daß sie einen der Sprache vorher nicht zugänglichen, unbewußten seelischen Fluß, also das Innerste eines unabänderlichen Einzelschicksals zur Sprache oder ins Bewußtsein bringt.
Und das, indem sie ihren Rezipienten vor Augen führt, daß nur im Zerbrechen, der Zerstörung der alten Form, Veränderung und Vollendung eintreten könnte ...

Aber so ganz sicher bin ich mir da noch nicht. Wahrscheinlich bin ich schon wieder zu weit abgeschweift. Momentan interessiert mich aber, ob Du mit meiner Sicht etwas anfangen kannst.

Ein nächtlicher Gruß von

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

stilz
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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von stilz » 31. Jan 2011, 09:42

  • Ein Frauenschicksal

    So wie der König auf der Jagd ein Glas
    ergreift, daraus zu trinken, irgendeines, -
    und wie hernach der welcher es besaß
    es fortstellt und verwahrt als wär es keines:

    so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,
    bisweilen Eine an den Mund und trank,
    die dann ein kleines Leben, viel zu bang
    sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch

    hinstellte in die ängstliche Vitrine,
    in welcher seine Kostbarkeiten sind
    (oder die Dinge, die für kostbar gelten).

    Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne
    und wurde einfach alt und wurde blind
    und war nicht kostbar und war niemals selten.




Ein Glas steht in einer Vitrine. Jahrelang. Es ist nicht etwa ein außergewöhnliches Glas, kein Pokal oder Prunkgefäß, nein, es könnte irgendein Glas sein, es ist schmucklos und von ganz gewöhnlicher Form... und nach den vielen Jahren in der Vitrine ist es ganz blind geworden...

Es gibt Frauen, die mich an ein solches Glas erinnern.
Sie wirken seltsam "grau" und scheinen in der Gegenwart kaum Gebrauch zu machen von ihrem Leben - es ist fast, als fürchteten sie, bei solchem "Gebrauch" etwas Kostbares zu zerbrechen oder zu verlieren... man ist versucht, zu sagen, daß sie keine Gegenwart haben.

Das blinde Glas in der Vitrine - auch dieses Glas scheint keine Gegenwart zu haben. Weshalb steht es dort, aufbewahrt zwischen Kostbarkeiten und außergewöhnlichen Erinnerungsstücken?
Der Schlüssel dazu liegt in der Vergangenheit:
Ein König trank einst daraus.

Auch die Frauen, von denen ich spreche, hatten eine Vergangenheit: dereinst hatten sie ein Schicksal, für eine kurze Zeit hatte ihr Leben einen Inhalt, der "wichtig" zu sein schien - so wie das ganz gewöhnliche Glas dereinst zur "Kostbarkeit" wurde (oder zu etwas, was der, der es schließlich aufbewahrte, für eine solche "Kostbarkeit" hielt): denn es barg einen Trank, der jemandes Durst stillen konnte...

Um dieses damaligen Stillen eines Durstes willen, um das einstige Bergen eines Inhaltes willen, der dem "König" damals übrigens gar nicht "kostbar" war, sondern ihm nur zur Befriedigung eines momentanen Bedürfnisses diente --- um dieses damaligen "Lebensinhaltes" willen leben seither alle beide, Glas und Frau, nurmehr den Schatten eines Glas- bzw Frauenlebens. Nicht kostbar, und niemals selten...



Ja. Auch ich halte dieses Gedicht für ein Ding-Gedicht.
Auch in den grammatikalischen Fragen stimme ich sedna zu:

Schicksal - Subjekt
Eine - Akkusativobjekt
kleines Leben - Subjekt
die bzw sie (2. Quartett) - Akkusativobjekt
seine (1. Terzett) - des Lebens

Und danke, Rahel, für die Assoziation EinSCHRÄNKung!

Herzlichen Gruß
Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

joni
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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von joni » 1. Feb 2011, 00:11

Meio. Leute, könnt Ihr nicht mal konkret werden?
Das ist doch die Beschreibung einer alten Jungfer, die Ihre Jungfräulichkeit aufgespart hat, als wäre das Unberührtbleiben der Sinn der Liebe.
Und was, wenn das Glas das "Gefäß der Lust" ist, das kurz bemerkt, an dem kurz genippt wurde, dann aber doch verwahrt wird in der staubigen Vitrine der verlogenen Moralität, die nicht das Leeren des Glases in einem Zug für akzeptabel erklärt? Der Gebrauch der Lust zerstört das Glas der Jungfäulichkeit.
Und da steht dann die nie erfahrene vollständige Lust wie ein Pokal eines nie gewonnenen Spiels, das so schön gewesen wäre, wenn man es mitgespielt hätte.
Der König, animalisch und dominant, nimmt die Jungfrauen wie Freiwild, das er täglich schießt und vergisst; aber die Jungfrauen, nie geschossen, aber dann doch verletzt und berührt vom Schicksals des Jünglings, der sie einmal küsste und mehr wollte als nur den Kuss, machen aus dem Entzug der Frau eine Trophäe, die blöder nicht sein kann - Altarlust, entfernt hinter Vitrinenglas und sologam auf sich selbst bezogen.
Die Erinnerung der erfahrenen Lust, natürlich verängstig und verhalten, ist kostbar und einzigartig.
Die Erinnerung des Entzugs ist wertlos und bedauerlich verbreitet.
In der körperlosen Referenz spiegelt die Diskussion hier fast das Gedicht Heines vom Teetisch.

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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von gliwi » 1. Feb 2011, 19:26

Sie hat nichts aufgespart. Sie hat gar nichts aktiv getan. Mit ihr wurde getan. Sie hatte gar nicht die Möglichkeit, selbst Einfluss auf ihr Schicksal zu nehmen. Nicht mal ins Kloster kann sie, denn sie ist keine Jungfrau mehr, der König hat ja mal draus getrunken. Sie kann nur verwelken und verdorren, sinnlos, nutzlos. (Rilke, der Frauenversteher - das meine ich hier positiv!)
Gruß
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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von sedna » 2. Feb 2011, 04:41

"Es genügt aber, der Poesie zu lauschen, [...] damit eine Vielstimmigkeit sich vernehmen läßt, und ein jeder Diskurs sich ausrichtet nach den verschiedenen Dimensionen einer Partitur."

(Jacques Lacan, Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud)

sedna ;)
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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von Schmörr » 13. Feb 2011, 01:51

Dieses wunderbare Gedicht wurde vor hundert ...Jahren geschrieben. Das Schicksal der Frau war zu dieser Zeit großteils abhängig von den Männern. Frauen sahen in jedem Mann einen König, einen Menschen, der erfolgreich ist, der für sie sorgt. Auf der Jagd ( gutes Bespiel) oder sonst wo, waren alle Männer Könige. Die Träume der Frauen ( von einem sorglosen Leben) schienen an der Seite eines "Königs" Wirklichkeit zu werden. Er umgarnt sie, sie ergibt sich und wünscht sich das große Glück.
Er nimmt Eine, und trinkt daraus. Ehrenhalber stellt er sie in seine Vitrine zu seinen anderen Kostbarkeiten und lässt sie eben dort stehen.
Nun ist die Frau an der Reihe. Bleibt sie dort stehen, wird sie bind, hat keine Ahnung vom Leben wird alt, und niemals selten und hat sich aufgegeben.
Wir, liebe Frauen wissen heute, kein Mann, und sei er noch so ein König, kann uns in eine Vitrien stellen, wenn wie nicht wollen.
Freundlichst
Schmörr :D

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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von Schmörr » 13. Feb 2011, 01:54

Liebe(r) Sedna!
Ganz meine Meinung.

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Re: Ein Frauenschicksal.

Beitrag von sedna » 6. Jun 2011, 20:26

Endlich gelingt's mir, noch kurz eine Anregung zu formulieren, die mir zu den bisherigen, ergiebigen Kommentaren schon längere Zeit im Kopf herumgeistert (Rilke, der Frauen-Versteher; Gegenwart-Bezüge)

Das Frauenwahlrecht in unseren Breiten darf leider noch kein 100-jähriges Bestehen feiern.
Das Gedicht schon, es entstand am 1. Juli 1906. Zu einer Zeit, da Frauen kein Stimm-Recht hatten und in politischen Entscheidungen weder vorkamen, noch Gegenwart hatten, also nicht vertreten werden konnten. Einzige Ausnahme: einen Monat zuvor, am 1. Juni 1906, führte Finnland (als erstes, nicht unabhängiges, europäisches Land!) das Wahlrecht für Frauen ein.
Ich stelle mir also vor: Frauen als lauter stumme Gläser. Ein schlimmes Bild, keine Stimme zu haben. Auf Rilkisch also: Kostbar und selten nur ein klingendes Glas, weil sich eine Stimme Raum verschaffen, und so sich etwas verändern würde. Deshalb wohl scheint mir dieses Frauen-Schicksal im Gedicht so endgültig in seiner Unterwerfung, wegen diesem noch bestehenden Un-Recht, das einen Nerv bei Rilke getroffen haben könnte.

Könnte.

sedna
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