"Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit&q

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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lilaloufan
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"Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit&q

Beitrag von lilaloufan » 27. Mai 2006, 23:48

In der redaktionellen Besprechung des Buches von Gunna Wendt über "Clara und Paula; zwei Freundinnen und Künstlerinnen" (ISBN 3-2038.4031-6) werden die zwei Zeilen aus Rilkes Requiem für Paula Becker-Moderssohn zitiert:
  • Denn irgendwo ist eine alte Feindschaft
    zwischen dem Leben und der großen Arbeit.
Dann heißt es, diese Feindschaft habe Rilke "nicht nur beklagt, sondern sogar (ge)fordert."

Ich sehe es anders: Er hat sie klaglos und ohne Forderung gesehen und sich über sie Rechenschaft gegeben - unter Schmerzen, für die er dankbar war.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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lilaloufan
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„Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit“

Beitrag von lilaloufan » 28. Mai 2006, 12:11

Zur Ergänzung: Ich habe nun die Stelle gefunden, wo Rilke das beschreibt, „an ein junges Mädchen“ gerichtet:

Da schreibt Rilke über Cézanne, der «sich (…) versagte [sic!] zum Begräbnis seiner Mutter zu gehen, um keinen Arbeitstag zu verlieren. Das hat mich wie ein Pfeil durchdrungen, als ich es wusste, aber wie ein flammender Pfeil, der, indem er mein Herz durchbohrte, es in einer Feuersbrunst von Klarsicht zurückließ.» Dann nennt er dies einen „heftigen Eigensinn“ und meint, «dass man ohne ihn immer an der Peripherie der Kunst bleibt, die schon genügend reich ist, uns angenehme Entdeckungen zu gestatten, aber an der wir uns dennoch wie ein Spieler am grünen Tisch aufhalten, der, während ihm mitunter mancher ’Coup’ gelingt, nichtsdestoweniger dem Zufall ausgeliefert bleibt, der nichts ist als der gelehrige und geschickte Affe des Gesetzes.»

Nun hoffe ich, dass hier niemand der Rilke=Workoholic-These zuneigt. Um Missverständnissen vorzubeugen, hier noch eine Fundstelle, heute früh frisch gepflückt: An einen Arbeiter, der ihm ein (wahrscheinlich peinlich bemühtes) Manuskript Gedichte übersandt hatte: «Ich weiß nicht, welches métier Sie erlernt haben -, aber als Arbeiter muss Ihnen immerhin die Erfahrung eines gewissen Könnens innewohnen, und die Freude am Gut-Machen einer Sache kann Ihnen nicht so ganz fremd geblieben sein. Wenn Sie einen Augenblick von diesem guten, verlässlichen Boden aus auf das Gewoge Ihrer schriftlichen Leistungen hinausblicken, so wird Ihnen nicht entgehen, wie sehr dort der Zufall mit Ihnen spielt und wie wenig Sie sich erzogen haben, die Feder als das zu gebrauchen, was sie vor allem ist: als ein redliches, genau beherrschtes und verantwortetes Werkzeug.» Rilke war Pädagoge par excellence - man denkt an die psychologisch unübertreffliche Absage eines Vorwortes gegenüber Nora Purtscher-Wydenbruck!
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stilz
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Beitrag von stilz » 29. Mai 2006, 12:22

Hallo lilaloufan,

hier ist vielleicht endlich die Gelegenheit, Dir zu danken für all die vielen Anregungen, die Du in letzter Zeit ins Forum postest...

zu diesem speziellen Thema möchte ich sagen:


Ich finde, wie Du: RIlke fordert sie nicht, diese "Feindschaft zwischen Leben und großer Arbeit", sondern er sieht sie als Tatsache, über die er sich Rechenschaft ablegt.

Allerdings: er scheint mir gerade dadurch, daß er das so bedingungslos als Tatsache sieht, doch etwas einzufordern:

Diejenigen, die einmal von sich sagen wollen, sie haben diese "große Arbeit" geleistet --- von denen fordert er, daß sie diese Feindschaft ebenfalls empfinden, eben weil sie sonst nur "Spieler" und "an der Peripherie der Kunst" blieben...

Wenn man davon ausgeht, daß Rilke vollständig recht hat mit seiner Meinung, dann ist es keine Forderung, sondern eben eine Tatsache.

Aber vielleicht kann es auch andere Meinungen dazu geben, die ebenso richtig sind?

Ich weiß es nicht.
Bin jedenfalls hier tatsächlich so etwas wie der "gelehrige und geschickte Affe des Gesetzes."

Liebe Grüße

stilz

helle
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Beitrag von helle » 31. Mai 2006, 15:53

Man wird wohl zwischen Arbeit und Arbeit unterscheiden müssen, wie weit Rilke das tut, weiß ich nicht; aber den Aspekt der Arbeit als entfremdeter Tätigkeit, wie Marx ihn beschreibt, also die Entfremdung des Menschen vom Produkt der Arbeit, von sich und seinen Tätigkeiten, auch von den anderen Menschen, die "Entfremdung vom Gattungswesen", das sieht Rilke ja auch, er ist ja nicht blind, auch wenn er nie in marxistische Terminologie fällt. Aber als Dichter versucht er doch das ganze zu sehen, nicht nur Glanz und Gloria. Auch wenn manche seiner Verse vielleicht diesen Eindruck erwecken:

Es gibt im Grunde nur Gebete,
so sind die Hände uns geweiht,
dass sie nichts schufen, was nicht flehte;
ob einer malte oder mähte,
schon aus dem Ringen der Geräte
entfaltete sich Frömmigkeit.

Aber ohne Ideal ja auch keine Abweichung. Ein Held der Arbeit war der zarte René sicher nicht, ein tüchtiger Dichter gewiß. Ich bezweifle, daß er so richtig in die Hände gespuckt hat, wenn auf einem der Schlösser mal ein Wasserhahn oder ein Türschloß kaputt ging. Natürlich reine Spekulation, so zum gesegneten Feierabend hin.

Gruß h.

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lilaloufan
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Beitrag von lilaloufan » 2. Jun 2006, 22:17

helle hat geschrieben: …als Dichter versucht er doch das ganze zu sehen…:

Es gibt im Grunde nur Gebete,
so sind die Hände uns geweiht,
dass sie nichts schufen, was nicht flehte;
ob einer malte oder mähte,
schon aus dem Ringen der Geräte
entfaltete sich Frömmigkeit.
Das Ganze, ja, und in dem Ganzen sogar die Koïnzidenz des Gegensätzlichen (hatte er sich mit Cusanus einmal beschäftigt?):
«Vergessen Sie nicht, dass, zum Beispiel in den Zeiten, da das Handwerk noch lebenswarm war, fast alle seine Rhythmen und Wiederholungen Gott in jenen einfältigen Herzen zu steigern vermochte; ja, dort erweist sich vielleicht am gründlichsten die einzige unvergleichliche Vergünstigung des Menschen, wo es ihm gelingt, in ein unscheinbares, Geringes die heimliche Großheit seiner Beziehungen einzuführen.»

Heißt das nicht, die Werkbank kann – muss? – zum Altar werden, das Labor zum Andachtsraum?

Und das Atelier, die Stube des Dichters? : «Also, darüber müssten wir, zum Schluss, genau verständigt sein, Freund und Bruder: Dass die Kunst nicht zuletzt wieder Künstler zu stiften vorhat. Sie meint keinen zu sich hinüber zu rufen, ja, es ist immer meine Vermutung, dass es ihr auf eine Wirkung überhaupt nicht ankäme. Indem aber ihre Gestaltungen, aus unerschöpflichem Ursprung ununterdrückbar hervorgegangen, seltsam still und unübertrefflich unter den Dingen dastehen, könnte es geschehen, dass sie jeder [sic!] menschlichen Betätigung unwillkürlich irgendwie vorbildhaft werden durch ihre angeborene Uneigennützigkeit, Freiheit und Intensität.»
(an Rudolf Bodländer, 13.III.1922)

Und zum „Helden der Arbeit“: @helle du meinst ja durchaus nicht, dass Rilke sich mit der Ausrede des Künstlertums vor den Anforderungen der arbeitsteiligen Gesellschaft habe drücken wollen oder ein Nichtvermögen damit vor sich selbst verleugnen; dennoch zur Nuancierung dessen was du schreibst: «Und wie ich selber oft und oft bedauert habe, nicht in einem täglichen Berufe zu stehen [gegen welche Forderung des Vaters er sich ja nach eigenem Bekunden ibid. aufgelehnt hatte (l.)], der, unabhängig von den Strömungen der Gnade, immer, täglich rein ausführbar sein möchte, so würde ich auch jedem jungen Menschen raten, sich in dergleichen Aufgaben wenigstens weit hineinzuleben, ehe er seine Existenz ganz mit den unerbittlichen Anforderungen des Künstlertums identifiziert.»
(an Xaver von Moos, 30.XII.1921)
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Beitrag von lilaloufan » 20. Okt 2006, 22:14

lilaloufan hat geschrieben:Und zum „Helden der Arbeit“: @helle du meinst ja durchaus nicht, dass Rilke sich mit der Ausrede des Künstlertums vor den Anforderungen der arbeitsteiligen Gesellschaft habe drücken wollen oder ein Nichtvermögen damit vor sich selbst verleugnen.
Oder meinst du das doch - ein wenig jedenfalls?
l.
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helle
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Beitrag von helle » 23. Okt 2006, 20:32

Ein wenig, natürlich, die Formulierung, Rilke habe sich "mit der Ausrede des Künstlertums vor den Anforderungen der arbeitsteiligen Gesellschaft drücken wollen", wäre mir allerdings zu scharf.

Andererseits - nach seinen Rußlandreisen mit ihren starken ländlichen Eindrücken fand er es eine zeitlang sichtlich hip, barfuß zu laufen und sich einen russischen Kittel überzustreifen, für Lou hat er dann auch mal Holz gehackt und das Geschirr abgetrocknet, in das sie ihm den Borschtsch oder die russische Grütze gefüllt hat. Diese rustikale Tendenz hat sich aber bis aufs gelegentliche Barfußlaufen und trotz anhaltend bekundeter Slawophilie bald gegeben und dann sieht man Rilke auch nicht mehr ohne Anzug und Gamaschen ausgehen, und nicht ohne Stock und Hut.

In Muzot, dessen Basisrenovierung mit dem Abstützen der Decken, dem Weißen der Wände, dem Zumauern der Rattenlöcher, dem Anlegen des Gartens usw. i.w. die Klossowska für ihn übernommen hat, will Rilke viele viele Rosen, aber es gibt kein fließendes Wasser, und es bedeutet richtig Arbeit, das viele Gießen nur mit dem Wasser aus dem Ziehbrunnen zu erledigen, so viel, daß es nach anfangs tätiger Mitwirkung des Rosenfreundes am Ende weitgehend der Wirtschafterin überlassen bleiben muß.

Nun fange ich schon wieder an, ich wollte ja meine kleingeistige Spottlust zügeln, nun bin ich schon wieder dabei, aber gleichwohl nichts für ungut und

freundlichen Gruß
h.

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Beitrag von stilz » 23. Okt 2006, 23:00

:lol:

Gruß
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Re: "Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit&q

Beitrag von stilz » 26. Feb 2009, 00:14

Als ich heute Rilkes Brief an die Gräfin M. las (Schloß Berg am Irchel, am 10. März 1921), ist mir diese Diskussion über die "alte Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit" wieder eingefallen:

"… Jeder erlebt schließlich nur einen Konflikt im Leben, der sich nur immer anders vermummt und anderswo heraustritt -, der meine ist, das Leben mit der Arbeit in einem reinsten Sinne zu vertragen; wo sichs um die unendliche inkommensurable Arbeit des Künstlers handelt, da stehen die beiden Richtungen wider einander. Viele haben sich durch Leichtnehmen des Lebens geholfen, indem sie ihm, so zu sagen, unter der Hand entrissen, was sie doch nötig hatten, oder sich seine Werte zu Räuschen machten, deren trübe Begeisterung sie dann rasch in die Kunst hinüberwarfen - ; andere hatten keinen Ausweg, als die Abkehr vom Leben, die Askese, und dieses Mittel ist freilich um vieles reinlicher und wahrer, als jener gierige Betrug am Leben zugunsten der Kunst. Aber für mich kommt auch dieses nicht in Betracht. Da doch letzten Grundes meine Produktivität aus der unmittelbarsten Bewunderung des Lebens, aus dem täglichen unerschöpflichen Staunen vor ihm hervorgeht (wie wäre ich sonst zu ihr gekommen?), so sähe ich auch darin eine Lüge, sein mir Zuströmen irgendwann abzulehnen; jede solche Versagung muß auch schließlich innerhalb der Kunst selbst, mag sie potentiell noch so viel durch sie gewinnen, als Härte zum Ausdruck kommen und sich rächen: denn wer sollte auf einem so empfindlichen Gebiet ganz offen und zusagend sein, wenn er dem Leben gegenüber eine mißtrauische, einschränkende und beängstigte Haltung hat! – So lernt man, ach wie langsam, das Leben geht über lauter „Anfangsgründen“ hin - wofür kann mans dann am Ende ein klein wenig?
Rodin überlegte das oft in seinem Alter. Manchmal, um fünf Uhr morgens, fand ich ihn im Garten stehen, versunken in der Betrachtung der Hänge von Sèvres und St. Cloud, die sich aus den wunderbaren Herbstnebeln der Seine langsam hervorhoben, als kämen sie nun, vollkommen richtig gestaltet, zur Welt - - - . da stand er, der alte Mann, und überlegte: „Wozu kann ichs nun, dieses bewundern, wissen, wie viel dies ist, dieser Morgen… ?“ Und ein Jahr später verstand er auch dieses nicht, konnte es doch nicht, hatte es doch nicht gekonnt, denn ein Einfluß, ein Schicksal, weit unter seinem Niveau, hatte ihn eingehüllt und mit den trübsten Verwirrungen umgeben, aus denen sich keine Herrlichkeit heraus erklärte! –
Liebe Gräfin, ich wollte nur mein Schweigen begründen -, wohin bin ich geraten? . . . "


Gute Nacht!

Ingrid
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Re: "Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit&q

Beitrag von Daina » 13. Apr 2009, 20:53

Hallo liebe Forumsgemeinde,

ich stecke gerade mitten in den Prüfungsvorbereitungen und bei so einer Prüfung durfte meiner Meinung nach Rilke nicht fehlen. Ich bin über das Thema gestolpert, weil ich etwas zum Verhältnis zu Cézanne suchte. Nun habe ich gerade heute ein paar interessante Gedanken zu Rilkes Auffassung von "Arbeit" entdeckt, in dem sehr gut lesbaren Buch von Martina Kurz, "Bild-Verdichtungen". Für Rilke war demnach die Begegnung mit Rodin ein Wendepunkt in seinem Leben, weil er durch ihn begriff, dass der Schlüssel zur künstlerischen Vollendung in unermüdlicher Arbeit lag:
An Rodin entwickelt Rilke den Prototyp des Künstlers als 'Arbeiter', dem nichts inspirativ zufällt, der sich vielmehr an der Welt 'abarbeitet' und in seinem tätigen Versunkensein zugleich von dieser absieht [...]

Neben diesen arbeitsethischen Aspekt, den Rilke im Typus des 'Arbeiters' repräsentiert sieht und welchem er nachzueifern trachtet, denn ihm selbst 'fehlt immer noch die Disziplin, das Arbeitenkönnen und Arbeitenmüssen', tritt im Rodin-Vorbild der gestalterische: hierzu charakterisiert Rilke Rodin als 'Handwerker', der souverän gelernt hat, mit seinem 'Werkzeug' umzugehen [...].
(S. 217/218)

Beim Lesen des Threads könnte man den Eindruck bekommen, das Kunstschaffen selbst sei nicht der Arbeit hinzuzurechnen. Mit Arbeit meint Rilke jedoch nicht das Streichen von Häusern oder das Gießen von Blumen, sondern gerade den oft mühsamen Prozess seiner geistigen Arbeit. So schreibt Rilke im Brief an Lou Andreas-Salomé 1903 über Rodin:
Er nahm die schweren verschlossenen Dinge auf sich und trug sie, und sie drückten ihn mehr und mehr in sein Handwerk hinein mit ihrer Last. Unter ihrem Drucke muß ihm klar geworden sein, daß es bei den Kunst-Dingen [...] nicht darauf ankommt, irgendwie auszusehen und durch das Aussehen zu 'wirken', sondern daß es sich vielmehr darum handelt, gut gemacht zu sein. Dieses Gut-Machen, dieses Arbeiten mit reinstem Gewissen, war Alles.
Und zu seinem Bedauern muss Rilke eingestehen, selbst noch nicht so weit zu sein:
Aber mir fehlt immer noch die Disziplin, das Arbeitenkönnen und Arbeitenmüssen, nach dem ich mich seit Jahren sehne. Fehlt mir die Kraft? Ist mein Wille krank? Ist es der Traum in mir, der alles Handeln hemmt? Tage gehen hin, und manchmal höre ich das Leben gehen. Und noch ist nichts geschehen, noch ist nichts Wirkliches um mich [...].
Sicher ist es auch diese Auffassung von Leben und Arbeit, die ihn später an der Persönlichkeit Cézanne fasziniert hat.

Viele Grüße aus Berlin
Daina

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Re: "Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit"

Beitrag von lilaloufan » 13. Apr 2009, 22:55

Willkommen Daina;

ja, die Frage hat uns schon einige Male von verschiedensten Ausgangsorten aus beschäftigt, u.a. hier: theme_3189.

Bei seinen verschiedenen Ansätzen, sich über seine Identität als Kunstschaffender in einer Art Charta Rechenschaft abzulegen, hat Rilke immer wieder auf die künstlerischen Leitbilder bildender Künstler Bezug genommen.

Ich will in diesem Zusammenhang einmal seinen Aufsatz „Über Kunst“ hier einstellen – eine „Bild-Verdichtung“ besonderer Art:

http://rilke.de/phpBB3/viewtopic.php?p=11290#p11290

Gruß,
l.
Zuletzt geändert von lilaloufan am 29. Apr 2009, 07:31, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: "Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit"

Beitrag von Daina » 14. Apr 2009, 00:08

Lieber lilaloufan,

vielen Dank für diesen wunderbaren Text, ich denke, ich werde für meine Prüfung noch einigen Nutzen daraus ziehen können...

War Rilke eigentlich für seine Zeitgenossen auch so ein "Zufrühgekommener"? Wie sieht es denn mit der Rezeption seiner Werke zu Lebzeiten aus?

Es ist aber tatsächlich wohl so, dass viele große Künstler erst (weit) nach ihrem Tode jene Würdigung erhalten, die sie verdienen, weil die Zeit vorher noch nicht reif war für sie. Ich denke da gern an Ernst Gombrichs wirklich inspirierende "Geschichte der Kunst", wo er dieses Thema - die Crux des Künstlerdaseins - so meine ich mich zu erinnern, immer wieder aufgegriffen hat.

Zeit, mal wieder einen Blick hineinzuwerfen in das Buch.

Gruß,
Daina

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