Frage zu Enjambements bei Die Erblindende u. Sinn 4. Strophe

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Flugente
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Frage zu Enjambements bei Die Erblindende u. Sinn 4. Strophe

Beitrag von Flugente » 29. Jan 2005, 18:34

Hallöle!

Ich glaube ich stehe irgendwie auf dem Schlauch (mache seit Tagen ja auch nix anderes als Gedichte interpretieren und alles über Rilke, Epochen und Gattungen zu lesen). Handelt es sich in allen Strophen, jeweils 2. Zeilenende, um ein Enjambement? Und wie sieht es mit dem Sprung zwischen Strophe 2 und 3 aus?

Vielleicht habe ich nämlich die Enjambements dann falsch verstanden. Ich dachte, wenn ein Komma eingefügt wurde, ist es kein Enjambement, denn das Komma dient als Abgrenzung (siehe also Wechsel von 2. zu 3. Strophe). Und die 2. und 3. Zeile der 1. wie auch der 2. Strophe reimen sich ja aufeinander. Kann trotzdem ein Enjambement vorliegen?

Eine weitere Frage habe ich zur letzten Strophe. Mir will der Sinn noch nicht klar werden. Auch nicht, warum dort statt des umarmenden Kreuzreims nun nur noch Kreuzreim auftaucht. Leider hat mir die Suche dabei auch nicht helfen können, auch wenn ich gliwis Kommentare zu Maras Frage (2003) gelesen habe. :(

Vielen vielen Dank sagt das
Flugentchen

gliwi
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Beitrag von gliwi » 30. Jan 2005, 01:52

Liebe Flugente,
nach meiner unmaßgeblichen Auffassung liegt ein Enjambement dann vor, wenn ohne Pause weitergesprochen werden muss, weil ein Komma weder dasteht noch dastehen müsste. Mit dem Reim haben sie nichts zu tun. Dann hätten wir also echte Enj. hier nur nach Vers 2, 5 und 9. Bei 6, 11 und 13 müsste eigentlich ein Komma stehen, jedenfalls gibt es vom Satzbau her eine kleine Pause, dise Stellen würde ich nicht als Enj. definieren.
Warum ändert er das Reimschema? Was unterscheidet diese Strophe von den anderen? Man könnte es so sehen: in den Strophen I-III gibt er eine Beschreibung des Zustandes, in der IV. eine ...ja, was eigentlich? Eine Art Prognose? Dessen, was sein wird, wenn sie einmal ganz blind ist? Wenn sie gelernt haben wird, mit der Blindheit umzugehen? Dass sie dann eine neue Art von Sicherheit gewinnen wird, die sich von der der Sehenden so unterscheidet wie das Fiegen vom Gehen?
Gruß
gliwi

Flugente
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Beitrag von Flugente » 30. Jan 2005, 14:15

Hi gliwi!

Erst mal vielen Dank für die schnelle Antwort. Also die Erklärung der vierten Strophe gefällt mir. Ich glaube, man könnte es so sehen. Vielleicht bedeutet die Textstelle "und sie brauchte lang als wäre etwas noch nicht überstiegen", dass sie sich mit der neuen "Sichtweise" noch abfinden muss. Das Übersteigen könnte darauf hindeuten. Die Veränderung annehmen und schließlich akzeptieren. Und viellleicht gleichzeitig genau dieser Prozess: der Wandel vom unsicheren Gehen zum sich-damit-Abfinden und wieder Sicherheit beim Gehen gewinnen. Aber eben anders als bisher. Sie bewegt sich anders, vielleicht mit der zunehmenden Sicherheit auch leichtfüßiger, gleichzeitig aufgrund der Blindheit vorsichtiger. Daher auch der Vergleich des Fliegens. Sich abheben vom Bisherigen, aber auch gleichzeitig eine vorsichtigere Art des Gehens - weil sie ja nichts mehr sieht.

Meinst Du so könnte es sein?

Könnte das Fliegen aber auch noch etwas ganz anderes darstellen? Blinde haben ihre anderen Sinne wie Tastgefühl und Gehör wesentlich besser ausgebildet als sehende Menschen. Eigentlich haben sie uns damit in diesen Bereichen etwas voraus. Nur auf Gehör und Tastgefühl bezogen heben sie sich von uns ab, denn bei uns sind diese Sinne nicht so gut ausgebildet. Oder ist diese Vermutung jetzt zu abgehoben und fliegt daher von der richtigen Bedeutung davon? ;)

Noch eine Frage zu Strophe 3, Vers 11:
Soll "auf ihren hellen Augen, die sich freuten" bedeuten, dass sie sich bisher gefreut haben und jetzt nach innen gekehrt sind? Dass sie sich nicht mehr freuen sondern die Erblindende mit ihren Gedanken woanders ist, nämlich bei der Verwandlung, die sie durchmacht? Das würde den nächsten Vers erklären "war Licht von außen wie auf einem Teich". Das Licht prallt auf die Augen, aber es dringt nicht ein sondern breitet sich auf der Oberfläche aus wie auf Wasser, denn sie kann mit den Augen ja nichts mehr sehen. Sie sind wie ein großer Teich, wo man nicht auf den Grund schauen kann.

Andersherum könnte es auch heißén, dass sie sich freut, mit der Veränderung umgehen zu lernen. Dass die Veränderung nicht dazu führt, dass sie bedrückt ist. Sie passt sich bereits an die Situation an und merkt, dass es ihr leicht fällt. Wobei ich bei dieser Vorstellung etwas mehr Probleme habe.

Mit den Enjambements hast Du mir sehr geholfen. Ich hab einfach vor lauter Gedichten nix mehr gesehen glaube ich. :)

Viele Grüße
Flugentchen

gliwi
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Beitrag von gliwi » 30. Jan 2005, 20:35

Ja, Flugentchen, so wie du in deinem ersten Abschnitt (leider habe ich immer noch nicht diese Zitierfunktion kapiert :oops: ) würde ich das auch sehen. Beim "freuten" meine ich, wenn er Imperfekt gebraucht und nicht Plusquamperfekt, dann freuen sie sich in dem Moment, von dem er erzählt, deshalb würde ich deiner zweiten Möglichkeit zustimmen. Das ändert nichts an dem Teich-Bild, wo mir deine Interpretation sehr zusagt.
Gruß
gliwi

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@ gliwi: Zitierfunktion

Beitrag von Flugente » 31. Jan 2005, 10:59

Das mit dem Zitieren ist ganz einfach. Schau mal bei dieser Nachricht hier rechts oben, dort steht "zitat". Wenn Du nun dort draufklickst statt auf "Antwort erstellen", wird die komplette Nachricht als Zitat an den Anfang Deines Beitrags gestellt. Innerhalb der Felder [ quote ][ /quote ] (welche den Anfang und das Ende des Zitats eingrenzen) kannst Du nun alles Unrelevante rausschmeißen und lässt nur das stehen, was Du tatsächlich zitieren willst. :)

Du kannst aber auch direkt auf einen Beitrag antworten und über die BB-Code-Funktion ein Zitat eingeben. Dafür klickst Du vor Zitatbeginn auf den Button Quote direkt über dem Feld, wo Du schreibst, und gibst das Zitat ein, z.B. über die Kopierfunktion. Wenn Du mit dem Zitat fertig bist, klickst Du auf "Tags schließen". Z.B. so:
(leider habe ich immer noch nicht diese Zitierfunktion kapiert)
Versuch das doch einfach mal, wenn's nicht klappt, kannst Du Deine Nachrichten ja auch wieder löschen bis es geklappt hat.

Viele Grüße und viel Glück beim Probieren
Flugentchen

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Beitrag von Mona » 12. Nov 2006, 17:44

Hallo,

ich habe auch eine Frage zu den Enjambements: ist das eine Form, die erst bei Rilke auftaucht - oder gab es das vorher auch schon ? Irgendjemand hat behauptet, Rilke würde Enjambements verwenden, damit es sich reimt . Das er dafür den Zeilenumbruch macht, weil ihm nichts besseres einfällt... Was haltet Ihr davon ?

Mona :lol:
"Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest,... wir aber bewegen uns im unendlichen Raume."(RMR)

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Beitrag von gliwi » 12. Nov 2006, 20:53

Hallo Mona,
das Enjambement gibt es lange vor Rilke, unsere Klassisker haben es jedenfalls immer wieder verwendet, wie es vorher ist, im Barock, da bin ich mir jetzt nicht ganz sicher. Aber ich denke, dort kommt es auch schon vor. Natürlich nicht beim Alexandriner, der ist ja auch eine syntaktische Einheit, aber bei anderen Versformen.
Das mit dem "damit es sich reimt" ist eine häufige Unterstellung unwilliger SchülerInnen, denen das Interpretieren langweilig wird. Aber wenn man sich mal mit der Arbeitsweise von Lyrikern befasst, was immer dann möglich ist, wenn man verschiedene Fassungen eines Gedichts vorliegen hat, so wie bei dem berühmten "Römischen Brunnen" von C.F. Meyer, dann erkennt man bald, dass nur höchstselten ein Reim "um des Reimes willen" gewählt wird.
Das Enjambement ermöglicht, dass die Versgrenze gesprengt wird.
Die Versgrenze ihrerseits hält das Ganze zusammen. Das ergibt dann ein raffiniertes Gegen- und Zusammenspiel. Wie zum Beispiel hier:

Christian Morgenstern, 1871-1914
Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr,
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im stillen:

Das raffinier-
te Tier
tats um des Reimes willen.

Gruß
gliwi
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helle
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Beitrag von helle » 13. Nov 2006, 09:12

Die Reimfrage sehe ich etwas anders. Es ist nichts verwerfliches, wenn etwas um des Reimes willen geschieht, und ich glaube wie die unwilligen Schüler, daß es bei RMR häufig genug vorkommt. Der Reim ist, wie der Rhythmus, ein produktionsstimulatives Mittel. Das Gedicht ist ja auch Form und Spiel und nicht nur Aussage und Bedeutung. Die Willkür, die im Reim liegt, berührt sich mit der Zufälligkeit der uns umgebenden Welt und mit der Willkür im Namen der Dinge. Ich empfinde den Reim in manchen Fällen eher als Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen, wenn auch nicht ausschließlich als formales Spiel oder spielerische Form. Einer wie Rilke arbeitet so lange am Gedicht, bis jene EInheit von Klang und Sinn hergestellt ist, die das ganze vollkommen erscheinen läßt, so daß nichts wegzunehmen und nichts hinzuzufügen ist.

Gruß h.

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Beitrag von gliwi » 13. Nov 2006, 13:04

Dem stimme ich völlig zu, helle. Ich sage nur, kein guter Dichter sucht verzweifelt nach einem Reimwort und nimmt dann das erste, das sich ihm anbietet, nach dem berühmten Motto "Reim' dich oder ich fress' dich". Er wird das Gedicht erst aus der Hand geben, wenn er damit zufrieden ist, wie du ja sagst.
Viele Dichter benutzen und benutzten übrigens durchaus ein Reimwörterbuch.
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