wer seines Lebens viele Widersinne

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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ute66
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wer seines Lebens viele Widersinne

Beitrag von ute66 » 30. Mai 2007, 21:50

Ich stieß gerade wieder, wie schon öfter auf diese Verse aus dem Buch vom mönschichen Leben:


Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild faßt,
der drängt
die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.

Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.

Beschreibt Rilke da sich selbst und seine Beziehung zu Gott? Er wählte ja oft die Einsamkeit und die Ruhe. Von daher passt das Bild zu ihm "Er drängt die Lärmenden aus dem Palast" oder meint er was ganz anderes? Das Bild ist ja aus der Bibel, wo Jesus die Lärmenden aus dem Tempel treibt. Was meint er mit "dankbar in ein Sinnbild passt"? und mit dem Schlussatz "Jeder Kreis um dich gezogen, spannt ihm den Zirkel aus der Zeit"?

stilz
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Beitrag von stilz » 31. Mai 2007, 21:27

Liebe Ute,

meine Gedanken dazu:

"Sinnbild" ... das verstehen wir normalerweise als "Symbol" für etwas...
In diesem Falle bin ich nicht sicher, ob es nicht ganz anders gemeint sein könnte:
Wer die vielen "Widersinne" des eigenen Lebens so betrachtet, daß sie gemeinsam einen "höheren Sinn" ergeben, der gewinnt eben ein Sinn-bild aus dem früheren Wider-sinn-bild.
Und damit sind gleichzeitig die wider einander "Lärmenden" aus dem "Palast" vertrieben... ich beziehe das noch immer auf die "Widersinne" und nicht auf lärmende andere Menschen, vor denen man sich in die Einsamkeit zurückzieht.

Du hast allerdings recht, die Einsamkeit bedeutete Rilke sehr viel. Vielleicht gerade deshalb, weil es in der Einsamkeit besser gelingen kann, die eigenen "Widersinne" sinnvoll miteinander zu "versöhnen"?

Und noch der Schlußsatz:

und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.


Das "Du" in diesem Gedicht (wie so oft im Stunden-Buch) ist Gott.
Und ein Kreis, der nicht nur einen selbst und die eigenen "Widersinne" umfaßt, sondern Gott zum Mittelpunkt hat, der reicht "weit aus der Zeit".
Zwei Jahre davor drückt Rilke diese Sehnsucht, über das "Zeitliche" hinauszureichen, so aus:

Das ist mein Streit:
Sehnsuchtgeweiht
durch alle Tage schweifen.
Dann, stark und breit,
mit tausend Wurzelstreifen
tief in das Leben greifen -
und durch das Leid
weit aus dem Leben reifen,
weit aus der Zeit!


Lieben Gruß!

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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Beitrag von gliwi » 1. Jun 2007, 00:45

Hallo,
bei den Lärmenden, die aus dem Palast gedrängt werden, dachte ich an die Freier, die Odysseus als dem legitimen Herrn weichen müssen. Die werden allerdings alle getötet, nicht bloß hinausgedrängt. Die Händler im Tempel werden aber vertrieben, weil sie handeln, nicht weil sie lärmen. Natürlich, stilz, sind die "Widersinne" die Lärmenden, aber wieso Palast? Eine Anspielung könnte es schon sein.
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

stilz
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Beitrag von stilz » 1. Jun 2007, 07:08

Na klar ist es eine Anspielung!

Meiner Meinung nach im Sinne von "Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid?" des Paulus...

Lieben Gruß

stilz
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ute66
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Beitrag von ute66 » 1. Jun 2007, 21:25

Vielen Dank für eure Gedanken. Die Widersinne miteinander versöhnen und zu einem Sinnbild vereinen, das kann sozusagen der Sinn des Lebens werden. Mir kommt da wieder das Bild von den Drachen, die zu Prinzessinnen werden. Und das kann auch jeder nur ganz für sich alleine, weil halt jeder seinen eigenen Weg vor sich hat. "Die zur Wahrheit wandern, wandern allein (Christian Morgenstern)"

Wenn wir Gottes Tempel sind, wie du, stilz, schreibst, dann passt das Bild mit dem Vertreiben der Widersinne aber nicht so gut. Denn diese sollen ja integriert und nicht vertrieben werden. Vielleicht sind die Lärmenden dann doch eher die Störungen von innen und von außen, die uns daran hindern solch ein Sinnbild zu entwickeln?

Ute

stilz
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Beitrag von stilz » 2. Jun 2007, 13:24

Liebe Ute,

naja, da sieht man wieder mal, wie schwierig es ist, Gedanken und Assoziationen, die "mit dämmernder Fackel der Verstand kaum beleuchtet" (Bettine von Arnim), ordentlich und klar verständlich in Worte zu fassen...

Für mich ist es etwa so (und das heißt weder, daß es "allein richtig" ist, noch auch, daß es ein solches "allein richtig" überhaupt gibt!) :

Solange die "Widersinne" noch gegeneinander streiten, "lärmen" sie.
Wenn es gelingt, sie zu einem "höheren Sinn-bild" zusammenzufassen und zu versöhnen, dann sind die "lärmenden Anteile" (also, wie Du sagst: die "Störungen") vertrieben, und es bleiben sozusagen die "sinn-vollen" Anteile, die gemeinsam etwas Größeres bilden...
Und das eigene Innere kann zum festlichen Palast werden, ganz anders (in meiner Ausgabe ist dieses Wort kursiv gedruckt) festlich, als bisher die "Lärmenden" ihre Feste zu feiern gewohnt waren, zu einem Palast, der sich nicht zu scheuen braucht, auch den allerhöchsten Gast zu empfangen.

Ja --- aber wenn ich es so aufschreibe, klingt es halt lang nicht so schön wie:

Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild faßt,
der drängt
die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.



Was mich noch sehr berührt, das ist die dritte Zeile, die nur aus zwei Worten besteht: "der drängt"...
Ist das nicht toll, wie schnell das gehen kann, dieses "Vertreiben der Lärmenden"? Etwa so schnell, wie wir ein neues Muster erkennen, gebildet aus den vielen durcheinandergeschüttelten Einzelsteinchen eines Kaleidoskops...

Lieben Gruß!

stilz
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wer seines Lebens viele Widersinne

Beitrag von ute66 » 4. Jun 2007, 21:59

Danke nochmal für die Gedanken zu diesem Gedicht. Anfangs klang es irgendwie spannend und geheimnisvoll für mich. Jetzt, wo sich die Spannung langsam auflöst und Ideen und Gedanken platz macht, bleibt dieses geheimnisvolle trotzdem bestehen. Ich glaube, das liegt an den feinen Worten Rilkes: z.B. du bist der Gast, den er an sanften Abenden empfängt

Gruß, Ute

stilz
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Beitrag von stilz » 4. Jun 2007, 22:17

Liebe Ute,

und jetzt möchte ich Dir danken für Deinen letzten Beitrag.
Denn das ist mir ja das allergrößte Anliegen, bei allem "Verstehen" und "Interpretieren" eines Gedichtes sein "Geheimnis" nicht zu zerstören. Sondern vielmehr die Ideen und Gedanken und Assoziationen, die man dazu hat, zu Hütern dieses "Geheimnisvollen" zu machen, sodaß wir es zwar in irgendeiner tieferen Schicht unseres Wesens begreifen, aber nicht in einigen dürren Worten "weg-erklären" können.

Gerade das ist es, was ich an Rilkes Gedichten so besonders liebe: sie hüten den Raum, in dem die tiefsten Geheimnisse gedeihen können...

Gute Nacht!

Ingrid
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