Drei Fragen zu "Das Buch der Bilder", Vielen Dank im voraus!

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Dasha
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Drei Fragen zu "Das Buch der Bilder", Vielen Dank im voraus!

Beitrag von Dasha » 18. Sep 2008, 04:00

1.
das Gefühl in euren Handgelenken
würde brechen von Brokat.
(Von den Mädchen. II.)
http://www.rilke.de/gedichte/von_den_maedchen.htm

und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
http://www.rilke.de/gedichte/die_stille.htm

Welche Beziehung zwischen dem Gefühl und den Handgelenke ist da?


2.
wie träumend ging ihm seine Hand
von Eisenband zu Eisenband
... ... ... ...
Auf Silber sprach jetzt Ring zu Ring,
http://www.rilke.de/gedichte/karl_der_zwoelfte.htm

Ist "Eisenband" und "Ring" der Teil von dem Kettenpanzer?


3.
wenn sie, ganz weiß gelassen,
vor abendlichen Massen
durch dunkle Garten ging.
http://www.rilke.de/gedichte/der_sohn.htm

Was soll "abendlichen Massen" bedeuten?

Ganz liebe Grüße

Dasha
so leben wir und nehmen immer Abschied.

stilz
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Re: Drei Fragen zu "Das Buch der Bilder", Vielen Dank im voraus!

Beitrag von stilz » 18. Sep 2008, 21:37

Lieber Dasha,

einstweilen nur zu Ihrer ersten Frage:
Sie fragen nach der Beziehung zwischen "Gefühl" und "Handgelenken". Ich denke dabei an dieses Gedicht:
  • Handinneres

    Innres der Hand. Sohle, die nicht mehr geht
    als auf Gefühl. Die sich nach oben hält
    und im Spiegel
    himmlische Straßen empfängt, die selber
    wandelnden.
    Die gelernt hat, auf Wasser zu gehn,
    wenn sie schöpft,
    die auf den Brunnen geht,
    aller Wege Verwandlerin.
    Die auftritt in anderen Händen,
    die ihresgleichen
    zur Landschaft macht:
    wandert und ankommt in ihnen,
    sie anfüllt mit Ankunft.


    Aus: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, um den 1.10.1924)
Die Hand ist eines der wichtigsten "Instrumente" des Menschen; wir fertigen damit Werkzeuge an, wir erbauen Kathedralen und Autobahnen, spielen Tennis, aber auch Violine oder Klavier...
Und wir können damit auch ganz unmittelbar Gefühle ausdrücken.
Bei alledem sind die Handgelenke von besonderer Bedeutung. Sie, und nicht erst die Finger, entscheiden darüber, wie fein oder auch wie grob die Hände fühlen können.
Ein gewaltsam in die Tasten geklopfter Akkord ist etwas ganz anderes als einer, bei dem das Handgelenk dafür sorgt, daß die Finger die Klaviatur sanft streicheln... und eine Berührung, die mit "schwerer" Hand geschieht, ist etwas ganz anderes als ein behutsames Streicheln mit sozusagen "aufmerksamem" Handgelenk...

  • Keine darf sich je dem Dichter schenken,
    wenn sein Auge auch um Frauen bat;
    denn er kann euch nur als Mädchen denken:
    das Gefühl in euren Handgelenken
    würde brechen von Brokat.
Die unschuldigen Handbewegungen des Mädchens würden "brechen", wenn es sich dem Dichter "schenkte" und damit zur Frau würde. Der Zauber der mädchenhaften Unschuld wäre dann dahin, denn sie wüßte in Zukunft um die Wirkung ihrer Zärtlichkeiten und würde ihre Handgelenke in diesem Bewußtsein benützen...

  • Auf meinen Atemzügen heben und senken
    die Sterne sich.
    Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
    und ich erkenne die Handgelenke
    entfernter Engel.
Hier könnten die "Handgelenke" eine Metapher sein.
Ich würde diese Stelle auch nicht unbedingt mit "Gefühl" in Zusammenhang bringen, denn der "Engel" bei Rilke scheint mir kein Wesen mit menschlichem Gefühl zu sein. Aber er kann wohl "Düfte" auslösen, und um das zu "tun", benützt er sozusagen das, was bei Engeln das Äquivalent zu menschlichen "Handgelenken" ist...
Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob die "entfernten Engel" gerade in diesem Gedicht nicht doch eine "romantischere" Bedeutung haben als der "Engel" sonst bei Rilke :) .


Und hier noch eine sehr schöne Stelle zum "Handgelenk":
  • Der Reliquienschrein

    Draußen wartete auf alle Ringe
    und auf jedes Kettenglied
    Schicksal, das nicht ohne sie geschieht.
    Drinnen waren sie nur Dinge, Dinge
    die er schmiedete; denn vor dem Schmied
    war sogar die Krone, die er bog,
    nur ein Ding, ein zitterndes und eines
    das er finster wie im Zorn erzog
    zu dem Tragen eines reinen Steines.

    Seine Augen wurden immer kälter
    von dem kalten täglichen Getränk;
    aber als der herrliche Behälter
    (goldgetrieben, köstlich, vielkarätig)
    fertig vor ihm stand, das Weihgeschenk,
    daß darin ein kleines Handgelenk
    fürder wohne, weiß und wundertätig:

    blieb er ohne Ende auf den Knien,
    hingeworfen, weinend, nichtmehr wagend,
    seine Seele niederschlagend
    vor dem ruhigen Rubin,
    der ihn zu gewahren schien
    und ihn, plötzlich um sein Dasein fragend,
    ansah wie aus Dynastien.


    Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil
Herzliche Grüße!

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Dasha
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Re: Drei Fragen zu "Das Buch der Bilder", Vielen Dank im voraus!

Beitrag von Dasha » 20. Sep 2008, 05:30

Lieber Stilz,

Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Erklärung, und sehne mich nach Ihre andere Antworten.

mit herzlichen Grüßen
Dasha
so leben wir und nehmen immer Abschied.

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