Suche Frühlingsgedicht

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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Anna

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Beitrag von Anna » 15. Mär 2004, 20:59

Hallo,

ich suche dringend ein Rilke-Gedicht zum Frühlingsanfang!

Könnt Ihr mir einen Tipp geben?!

Schöne Frühlings-Grüsse von Anna

Renée
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Suche Frühlingsgedicht

Beitrag von Renée » 15. Mär 2004, 22:06



Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser endärn die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

gegen den 20.Februar 1924

Ein anderes ist: "Schon kehrt der Saft aus jener Allgemeinheit ..."
oder auch "Nicht so sehr der erste Schimmer tats..."

Frühlingsgrüße von Renée

Barbara
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Beitrag von Barbara » 15. Mär 2004, 23:23

Hallo,

... hier noch ein weiteres Frühlingsgedicht - aus Rilkes "Sonette an Orpheus":

XXI. Sonett

Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;
viele, o viele.... Für die Beschwerde
langen Lernens bekommt sie den Preis.

Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
an dem Barte des alten Manns.
Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!
Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.

O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,
und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
schwierigen Stammen: sie singts, sie singts!


Aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil (1922)

Mit Frühlings-Grüßen,
Barbara :)

Anna

Beitrag von Anna » 16. Mär 2004, 19:39

Hallo,

ganz herzlichen Dank für Eure Vorschläge !

Das von Barbara vorgeschlagene Gedicht erinnert mich sehr an die Schule . Ist es ein Kinderlied ? Wisst Ihr etwas über seine Entstehung ?

Schöne Grüsse von Anna

Barbara
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Beitrag von Barbara » 16. Mär 2004, 21:16

Hallo Anna,

schön, dass Dir das 21. Sonett aus dem ersten Teil der "Sonette an Orpheus" von R.M. Rilke gefällt!

Zu Deiner Frage: Rilke hat zu diesem Gedicht seinem Autograph eine Anmerkung beigefügt - neben einer zum 11. Sonett des zweiten Teils - auf einem gesonderten Blatt, das er mit d.V. kennzeichnete. Diese Anmerkung überschrieb er mit:

"Frühlings-Kinderliedchen" :)

Er schreibt dann in der Anmerkung:

"Das kleine Frühlings-Lied erscheint mir gleichsam als "Auslegung" einer merkwürdig tanzenden Musik, die ich einmal von den Klosterkindern in der kleinen Nonnenkirche zu Ronda (in Süd-Spanien) zu einer Morgenmesse habe singen hören. Die Kinder, immer im Tanztakt, sangen einen mir unbekannten Text zu Triangel und Tamburin."

(Quelle: R.M.Rilke: Duineser Elegien / Die Sonette an Orpheus, nach dem Erstdruck von 1923 kritisch herausgegeben von Wolfram Groddeck , reclam, 1997, Anmerkungen, S. 110 bzw. textkritische Anmerkungen , S. 129 )

Schöne Grüße und eine schöne Frühlingszeit,
Barbara :)

Anna

Beitrag von Anna » 26. Mär 2004, 20:43

Hallo,

DANKE für die ausführlichen Informationen dazu :lol: !

Schöne Frühlings-Grüße von Anna B.

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lilaloufan
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Re: Suche Frühlingsgedicht

Beitrag von lilaloufan » 3. Mär 2016, 11:59

Das Gedicht, das Renée hier nur erwähnte, will ich doch einmal hereinstellen:
  • Schon kehrt der Saft aus jener Allgemeinheit,
    die dunkel in den Wurzeln sich erneut,
    zurück ans Licht und speist die grüne Reinheit,
    die unter Rinden noch die Winde scheut.

    Die Innenseite der Natur belebt sich,
    verheimlichend ein neues Freuet-Euch;
    und eines ganzen Jahres Jugend hebt sich,
    unkenntlich noch, ins starrende Gesträuch.

    Des alten Nussbaums rühmliche Gestaltung
    füllt sich mit Zukunft, außen grau und kühl;
    doch junges Buschwerk zittert vor Verhaltung
    unter der kleinen Vögel Vorgefühl.
lilaloufan
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

sedna
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Re: Suche Frühlingsgedicht

Beitrag von sedna » 3. Mär 2016, 13:31

O schöne Versammlung ... und o das andere!, das andere jetzt auch noch:

Frühling
für Katharina Kippenberg

Nicht so sehr der neue Schimmer tats,
daß wir meinen, Frühling mitzuwissen
als ein Spiel von sanften Schattenrissen
auf der Klärung eines Gartenpfads.

Schatten eignet uns den Garten an.
Blätterschatten lindert unsern Schrecken,
wenn wir in der Wandlung, die begann,
uns schon vorverwandelter entdecken.


Die durch den Garten tanzenden Flocken betrachtend

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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Re: Suche Frühlingsgedicht

Beitrag von stilz » 5. Mär 2016, 00:11

Und hier noch dies:
  • XXI. Sonett

    Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
    ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;
    viele, o viele . . . . Für die Beschwerde
    langen Lernens bekommt sie den Preis.

    Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
    an dem Barte des alten Manns.
    Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
    dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!

    Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
    nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
    fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.

    O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,
    und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
    schwierigen Stammen: sie singts, sie singts!


    Aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil (1922)
Oh - ich sehe gerade, Barbara hatte es hier schon einmal hereingestellt.
Ich möchte trotzdem noch einmal darauf aufmerksam machen. An dieser Stelle stand übrigens ursprünglich dieses hier – zwei Tage, nachdem Rilke die Sonette an Gertrud Ouckama Knoop geschickt hatte, tauschte er es aus und schrieb an Frau Knoop: »... bitte, überkleben Sie's gleich mit diesem, heut geschriebenen, Frühlings-Kinder-Lied ... «
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

sedna
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Re: Suche Frühlingsgedicht

Beitrag von sedna » 17. Mär 2016, 23:24

Laß einen Tag, der zögert vor dem Regen
und dessen lautloses Sichumdichlegen
nur dann und wann ein Hahnruf unterbricht,
laß einen solchen Tag dein Angesicht
hinhalten vor das frohe Rosasein
der kleinen Pfirsichbäume das wie ein
Weinen aus Freude ist
still überfließend.




Entwürfe, Capri, Anfang April 1907
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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