Rilke und die zeitgenössischen Komponisten

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josidelissen
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Rilke und die zeitgenössischen Komponisten

Beitrag von josidelissen » 15. Nov 2011, 16:22

Welche zeitgenössischen Komponisten schätzte Rilke besonders? Wen lernte er persönlich kennen?

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lilaloufan
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Re: Rilke und die zeitgenössischen Komponisten

Beitrag von lilaloufan » 29. Nov 2011, 23:06

josidelissen, ich weiß nicht, ob Rilke einen der komponierenden Zeitgenossen persönlich kennengelernt hat. Ich weiß nur, dass er sich über Vertoner seiner Werke mehrfach äußert, und zwar immer den Umstand missbilligend, dass sie sich bei Vertonungen am als Dichtung verstandenen Werk vergreifen:
«…alles Gedicht, was ihm gerade passt, nehmen und in (…) Musikkonserven einlegen», schimpft Rilke 1912 in einer an Kippenberg gerichteten Urheberrechts-Frage.

Aber Schönbergs Musik hat Rilke durchaus geschätzt. Am 8. Februar 1909 erschien Schönbergs 1908 entstandene Vertonung von:
  • Am Strande

    Vorüber die Flut.
    Noch braust es fern.
    Wild Wasser und oben
    Stern an Stern.

    Wer sah es wohl,
    o selig Land,
    wie dich die Welle
    überwand.

    Noch braust es fern.
    Der Nachtwind bringt
    Erinnerung,
    und eine Welle
    verlief im Sand.
Bekannter sind die „Vier Lieder für Gesang und Orchester op. 22“, entstanden 1914 bis 1916.

An Lou Albert-Lazard schreibt Rilke Anfang März 1916, er wolle versuchen, Schönbergsche Musik zu hören. An Gräfin Aline Dietrichstein schreibt er am 14. März 1916 von einem „Nachmittag Schönbergscher Musik“ und an die Fürstin Marie von Thurn und Taxis: «Montag Abend hab' ich Schönberg, an dem mir viel liegt» und am Tag danach: «Schade, schade, dass Sie nicht bei Schönberg waren. Ich weiß heute gar nicht mehr, was ich davon denken soll.»

Aber um die fragliche Zeit leistete Arnold Schönberg beim k. und k. Infanterieregiment seinen Militärdienst!

Anton von Webern übrigens veröffentlichte seine bekannten „Lieder op. 8” erst 1926, fünfzehn Jahre nach der Entstehung der handschriftlichen Partitur. Es handelt sich um: „Du, der ich’s nicht sage“ aus der 69. Aufzeichnung des «Malte Laurids Brigge».

l.
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stilz
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Re: Rilke und die zeitgenössischen Komponisten

Beitrag von stilz » 29. Nov 2011, 23:25

Und natürlich gibt es die Trilogie "O lacrimosa", die Ernst Krenek gewidmet und "auf Musik zu" entstanden ist - hier haben wir vor Jahren darüber gesprochen.

Übrigens: "Am Strande" scheint gar nicht von Rilke zu sein, auch wenn Schönberg das auf dem Notenblatt so vermerkt hat - zumindest sagt Barbara das, hier (und in meinem Rilke-Band ist es auch tatsächlich nicht zu finden...).

Herzlichen Gruß,
Ingrid
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lilaloufan
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Re: Rilke und die zeitgenössischen Komponisten

Beitrag von lilaloufan » 29. Nov 2011, 23:39

Genau: Solche Sätze meinte ich: «Sie wissen, dass mir, im Allgemeinen, alle Versuche, meine Verse mit Musik zu überraschen, unerfreulich waren, als eine unerbetene Hinzutat zu einem in sich Abgeschlossenen. Selten geschah es mir, dass ich Verszeilen aufschrieb, die mir selber geeignet oder bedürftig schienen, das musikalische Element, von einer gemeinsamen Mitte aus, aufzuregen.»

Und @josidelissen sieh mal hier <Link>, da haben wir relativ ausführlich über eine ganz ähnliche Frage gesprochen.

l.
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Stefano
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Re: Rilke und die zeitgenössischen Komponisten

Beitrag von Stefano » 22. Mär 2012, 14:29

Zwar weiß ich nicht, welche zeitgenössischen Komponisten Rilke schätzte, aber Beethoven und Bach schätzte er in jedem Falle. Bei seinen Begegnungen mit Magda von Hattingberg spielte sie ihm dieselben ja vor, was als entscheidend für die Entstehung der "Elegien" und "Sonette" angesehen werden kann. Mich würde mal interessieren, was die Dame selbst so komponierte, weiß aber nicht, ob überhaupt etwas von ihr überliefert ist... Nunja, wie dem auch sei... ich freue mich jedenfalls auf - Achtung, trivial - das Madonna-Konzert am 28. Juni in Berlin, bin sehr froh, dass ich dafür noch Karten bekommen habe. Sollte jemand ebenfalls daran Interesse haben, kann er sich dort nach Karten umsehen.

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lilaloufan
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Re: Rilke und die zeitgenössischen Komponisten

Beitrag von lilaloufan » 22. Mär 2012, 15:02

Magda von Hattingberg-Graedener [„Benvenuta“] (* 12. Oktober 1883 in Wien, † 13. Februar 1959 in Gmunden, Österreich) war zwar einige Jahre verheiratet mit einem Komponisten († 1929), aber sie selbst ist außer als Pianistin hervorgetreten mit einem Buch über Hugo Wolf („Vom Wesen und Werk des größten Liedschöpfers”), 1941₁ in Leipzig (Kühne) erschienen. Und natürlich mit ihren dankbaren Lebenserinnerungen an Rainer Maria Rilke, 1943₁ in Wien (Andermann) erschienen. Meines Wissens nicht mit Kompositionen.

Und sieh mal in stilz' Link zu dem anderen Gesprächsfaden, wo es um Ernst Krenek ging.

Off topic: Vergiss im Juni nicht den „Luxus für die Ohren“ :wink: ; ich gehe heut' Abend zu Loreenas “Celtic Footprints”-Tour in die Frankfurter Alte Oper :D . Die Tickets waren am Abend des ersten Verkaufstags weg – Glück gehabt! :D :D :D Darauf freue ich mich nun schon seit über einem halben Jahr, wie man den Smileys ansieht. :D :D :D

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Re: Rilke und die zeitgenössischen Komponisten

Beitrag von Stefano » 22. Mär 2012, 15:31

Hallo, lilaloufan, dann wünsche ich Dir nen wunderbaren Abend dort und ein tolles Konzert!

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